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Verloren im Erzähl-Labyrinth

Von CHRISTIAN BOS, 14.10.07, 21:48h

Eine „Nonstop-Performance-Installation“: „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ in der Halle Kalk.

BILD: SIGNA
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Dorfbewohnerin: Marie-Lydie Nokuda
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Dorfbewohnerin: Marie-Lydie Nokuda
Es heißt, Martha Rubin sei als Waisenkind im Wanderzirkus Rubin aufgetaucht. Man sagt, sie sei dort als Seherin eine große Attraktion gewesen, hätte 17 uneheliche Kinder geboren: Deren Nachfahren gründeten die Martha-Rubin-Gesellschaft, von denen die meisten bis heute in der kleinen Enklave „Rubytown“ leben, die vom Militär des Nordstaats bewacht und versorgt wird. Wer Rubytown betreten will muss strenge Regeln beachten, seinen Fingerabdruck hinterlassen und stets sein Visum griffbereit halten. Es kann ihm trotzdem jederzeit passieren, dass er mitgenommen und verhört wird.

„Die Erscheinungen der Martha Rubin“ in der Museumshalle Kalk ist das erste größere Performance-Projekt der Künstlergruppe Signa - die Dänin Signa Sørensen und der Österreicher Arthur Köstler - in Deutschland. Es findet an drei Wochenenden statt, dauert bis zu 84 Stunden. Die Besucher der kleinen Ansammlung von Hütten und Wohnwägen können kommen und gehen, wann sie wollen. Sie können sogar im Dorf übernachten. Hauptsache, sie vergessen ihren Ausweis nicht.

Wie in einem Computer-Rollenspiel lassen sich bei jedem Bewohner und Bewacher Hinweise auf eine größere und streng geheime Geschichte erfragen. Doch an welches Ziel die Reise führt, ob es überhaupt eins gibt, bleibt unklar. Denn anders als bei einem Rollenspiel haben wir es in Rubytown ausschließlich mit - wie es die Literaturwissenschaft nennt - unglaubwürdigen Erzählern zu tun. Schwer zu sagen, wem man hier glauben kann. Dem Sohn des Schmugglers, der dir zeigt, wo er Schokolade und Schnaps versteckt hat und dich vor seinen Stiefmüttern aus dem Südstaat warnt? Dem angetrunkenen Soldaten, der dir seine Affäre mit einer Tochter des Dorfes beichtet? Oder Martha Rubin, dem schläfrigen Orakel selbst, zu der man nur nach rituellen Waschungen vorgelassen wird, und die dich bittet, für immer hierzubleiben? Und warum bekommt hier niemand mehr Kinder? Welche Katastrophe fürchten die Rubins?

Dazu kommt noch, was man hier selbst an Geschichten auslöst. Hattest du nicht versprochen, niemandem von dem Mord zu erzählen, den Sergeant Marina an ihrem Vorgesetzten begangen hat? Und hast dich doch verplappert? Jetzt wird Sergeant Marina in der Militärbaracke mit Stromstößen gefoltert. Und du schluckst die Schuld mit dem Wodka runter, zu dem eine Bewohnerin dich in ihren Wohnwagen geladen hat. Nach einigen Stunden fällt immer schwerer, sich von dieser rätselhaften Welt zu lösen.

Am Ende hat man viel über heimatlose Personen und das Leben in den Camps abseits der europäischen Festung gelernt. Mehr als das. Die ungeheuer dicht komponierte Realität von Rubytown folgt dem Besucher bis in die Träume. Es ist leicht, sich in diesem Erzähllabyrinth zu verlieren, es ist schwer, hier jemals wieder rauszufinden. Ein wunderbares, intensives Theatererlebnis.

„Martha Rubin“ kann man noch vom 19. bis zum 21. und vom 25. bis zum 28. Oktober in der Halle Kalk erleben.



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