Von TIM STINAUER, 15.10.07, 21:28h
Das „Geschenk“ aus dem braunen Briefumschlag ist fünf Zentimeter lang und aus fleischfarbenem Kunststoff. Es hat Füßchen, Augenhöhlen, eine Nase und Ohren, und es nuckelt am Daumen. Viele Kölner haben in den vergangenen beiden Tagen das originalgetreue Plastikmodell eines Embryos in der zehnten Schwangerschaftswoche aus ihrem Briefkasten gezogen. Anbei ein Handzettel mit der Überschrift: „Dieses Geschenk vertrauen wir Ihnen heute an.“ Weiter im Text heißt es: „Kinder - auch die unerwarteten - sind keine Katastrophen, sondern kostbare Geschenke, die unserem Schutz anvertraut werden. Vorgeburtliche Kindstötungen lösen keine Probleme, sondern schaffen nur neue.“
Mit der Postwurf-Aktion „Embryonenoffensive“ will der katholische Verein „Durchblick e.V.“ aus dem badischen Bruchsal auf das „Tabuthema Abtreibung“ aufmerksam machen. In den nächsten sechs Monaten wollen die Mitglieder und ihre ehrenamtlichen Helfer in Köln, Düsseldorf, Wuppertal und Bonn eine Million Embryomodelle an die Haushalte verteilen. In Süddeutschland haben die christlichen Aktivisten in den vergangenen Jahren bereits eine Viertelmillion Plastikfiguren unters Volk gebracht. Kostenpunkt: 50 Cent pro Kuvert. Sämtliche Initiativen würden ausschließlich durch Spenden finanziert, heißt es auf der vereinseigenen Internetseite. Langfristiges Ziel, sagt der Vereinsvorsitzende Thomas Schührer, sei es, dass jeder deutsche Haushalt eine Puppe erhalte.
„Durchblick e.V.“ geht von jährlich 250 000 Schwangerschaftsabbrüchen bundesweit aus, das Statistische Bundesamt in Wiesbaden dagegen dokumentiert Jahr für Jahr knapp die Hälfte. Bis zum Ende der zwölften Woche und nach vorheriger Beratung ist ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland straffrei. Mehr als 80 Prozent aller Abtreibungen finden vor der zehnten Schwangerschaftswoche statt.
„Wir klagen niemanden an“, versichert „Durchblick e.V.“ in der Broschüre, die dem Embryomodell beigelegt ist. „Aber nur wer weiß, dass bei jeder Abtreibung ein wehrloser Mensch getötet wird und welche Folgen dies für die betroffenen Frauen haben kann, kann seine Einstellung überprüfen und wenn nötig korrigieren.“
Einfach nur „geschmacklos“ findet Susanne Jost-Mackensen die Postwurf-Aktion. Man solle das Thema sachlich behandeln und nicht auf diese Weise emotionalisieren, fordert die Leiterin von Pro Familia Köln-Zentrum. „Und man sollte akzeptieren, dass es Frauen gibt, die einen Schwangerschaftsabbruch für sich selbst als unausweichlich in ihrer Lebenssituation empfinden und die keine andere Lösung sehen. Ich habe in 30 Jahren Beratungsarbeit nicht eine Frau erlebt, die sich diese Entscheidung leicht gemacht hat.“
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