Von MARIANNE QUOIRIN, 31.10.07, 21:43h
Schnell lernt sie die Mechanismen des Wirtschaftswunderlands kennen: Nur wer sich teuer verkauft, kann hohe Preise oder Luxusgeschenke fordern. Sie inszeniert sich perfekt für die Besserverdienenden der jungen Republik - elegante Kostüme, Nerz, großer Hut, schwarzes Mercedes-Cabrio mit roten Polstern und zum Schluss dazu noch ein weißes Hündchen. Die Investitionen lohnen sich. 120 000 D-Mark stellt die Polizei bei ihr sicher - eine stolze Summe angesichts des damaligen Jahresbrutto-Einkommens eines Facharbeiters von 5000 D-Mark. Eine halbe Stunde mit ihr, so hat ein penibler Zeitgenosse errechnet, würde heute etwa 600 Euro kosten.
Rosemarie Nitribitt bietet sich an als Gegenentwurf zum braven Fräulein, das darauf wartet, wie im Courths-Mahler-Roman nach der Hochzeit vom Märchenprinzen wachgeküsst zu werden - und als Edel-Hure, die nicht der St.-Pauli-Romantik entspricht, frei nach der Schnulze „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins. . .“Da ihr Tod nicht aufgeklärt werden kann, entwickelt sie sich zur Projektionsfläche für Zeitkritiker und Leitartikler, zur Hauptfigur in diversen Büchern, Spielfilmen wie Dokumentationen und in einem Musical. Sie wird zur verschatteten Ikone einer Epoche, die später vornehmlich als vermufft beschrieben wird.
Der Roman von Erich Kuby „Das Mädchen Rosemarie“ mit dem Untertitel „Des Wirtschaftswunders liebstes Kind“, sehr frei dem kurzen Leben Nitribitts nachempfunden, prägt dabei viel stärker das Bild der „blonden Rosi“ als die Fakten, die 1960 im Prozess gegen ihren mutmaßlichen Mörder zutage gefördert werden. Der Film nach Kubys Vorlage mit der aparten Nadja Tiller (1958) in der Hauptrolle (und 1996 mit Nina Hoss) beflügelt die Legendenbildung, zumal die Schauspielerinnen über viel mehr Sex-Appeal verfügen als das Original.
Rosemarie Nitribitt konnte kaum lesen und schreiben, war nicht nur sparsam wie jede deutsche Hausfrau damals sein sollte, sondern sogar geizig, führte Buch über ihre Ein- und Ausgaben, verschmähte Champagner und aß am liebsten Milchreis. Der berühmteste Freier, den sie je bedient hat, war Direktor einer Sparkasse in Bad Homburg - und keinesfalls wie im Roman die Elite aus Wirtschaft und Politik.
1957 ist das Jahr, in dem Konrad Adenauer mit dem Slogan „Keine Experimente!“ noch einmal unangefochten für die CDU / CSU die Bundestagswahl gewinnt, wirtschaftlicher Aufschwung und Wohlanständigkeit gelten fast als Synonyme. Die Vize-Protokollchefin des Auswärtigen Amts, Erica Pappritz, gibt als Mitautorin den Benimm-Ratgeber „Buch der Etikette“ heraus. Ihre Tipps wie „lange Unterhosen bleiben unmännlich und hässlich, auch wenn sie kaum jemand sieht“ lassen die Kabarettisten zur Höchstform auflaufen. Sie erleben eine Blüte ohnegleichen, und die frechen Reime von Kay und Lore Lorentz, Dieter Hildebrandt, Edith Handke und Wolfgang Neuss befreien die Bürger vom Frust und den Zwängen der zur Schau gestellten Sitte und Moral. Im Song von Rosemarie als Lehrerin heißt es: „Und da liegt nun das Mädchen Rosemarie, / und es lehrt eine seltsame Geometrie. / Wenn du lernen willst, mein Lieber, komm und zahle, / ich zeig dir dafür die Horizontale.“
Jugendliche probten den AufstandJugendliche proben den Aufstand, vergöttern Elvis Presley und den 1955 tödlich verunglückten James Dean, dem posthum zweimal der Oscar verliehen wird - für seine Rollen in „Jenseits von Eden“ und „. . .denn sie wissen nicht, was sie tun“. Die jungen Wilden der Republik werden als Halbstarke beschimpft, während die Braven immer noch beichten gehen, wenn sie ihre sexuelle Neugier nicht bezähmen können, wie der junge Held aus Heinrich Bölls Erzählung „Im Tal der donnernden Hufe“. Romy Schneider demonstriert in zwei Filmen die Widersprüche der Zeit. Sie spielt im dritten Sissi-Schinken die „Schicksalsjahre einer Kaiserin“, aber auch in Helmut Käutners Melodram „Monpti“.
1957 beginnt auch der letzte Akt zur Befreiung der Frau aus den Zwängen des patriarchalischen Zivilrechts. Das Gleichberechtigungsgesetz nimmt dem Mann das Entscheidungsrecht und verpflichtet die Partner zur Einigung in Streitfragen, die Zustimmung des Ehemannes zur Berufstätigkeit der Frau entfällt, die männliche Verwaltung und Nutznießung des Vermögens der Frau wird durch die Zugewinngemeinschaft ersetzt.
Zum 50. Todestag von Rosemarie Nitribitt ist ein neues Buch erschienen, doch frühestens im Jahr 2027 dürfte Ruhe einkehren, wenn alle Dokumente - auch Nitribitts Aufzeichnungen über ihre Kunden - freigegeben werden. Thomas Kirn räumte schon 2006 im Lokalteil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit den Gerüchten auf. Erbarmungslos zitierte er den seinerzeit ermittelnden Kriminaldirektor Albert Falk: Kein Freier sei sonderlich prominent gewesen, von Beziehungen zur Politik, zu Geheimdiensten oder gar zur Spionage könne schon gar keine Rede sein.
Kirn macht auch deutlich, warum der Fall nie aufgeklärt werden konnte: Die Polizisten, die den überheizten Tatort betraten, haben erst einmal das Fenster aufgemacht und so die Chance vertan, den genauen Todeszeitpunkt festzustellen. Der Hauptverdächtige, ein notorisch an Geldmangel leidender Betrüger und Freund des Opfers, musste wegen der schlampigen Ermittlungen freigesprochen werden.
„Neben Johann Wolfgang von Goethe ist sie die Frankfurter Persönlichkeit, um die sich die meisten wahren und unwahren Geschichten ranken“, wird der Stadtführer Christian Setzepfandt auf der Homepage der Stadt Frankfurt zitiert. Und der muss es eigentlich wissen, denn Setzepfand bietet Spaziergänge an zu den Wirkungsstätten der Frau, deren Beruf von den Polizeireportern im November 1957 als „Mannequin“ angegeben wurde.
Die Stadt Frankfurt scheint ein bisschen neidisch zu sein, dass Rosemarie Nitribitt in Düsseldorf beerdigt wurde, denn ein Besuch am Grab wäre doch der krönende Abschluss der „Tour de Nitribitt“. Noch 1992 hat sie den damaligen hessischen Ministerpräsidenten Hans Eichel in Bredouille gebracht. Er musste sich vor dem Landtag rechtfertigen, warum der 35. Todestag von Frau Nitribitt in die offizielle Gedenkliste der Landesregierung geraten konnte.
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