Von CLAUDIA HAUSER UND BEATRIX LAMPE, 04.11.07, 21:45h
Es ist nicht schwer, sich selbst zu verlieren in dieser Nacht - in einem Labyrinth aus verspiegelten Vitrinen, in denen alte Handschriften, silberne Kreuze und Kelche verwahrt liegen. Oder in einem schmalen, fensterlosen Betonschacht, der von einer unterirdischen Bushaltestelle aus zu erreichen ist und in dem die Kunst der letzte Ausweg zu sein scheint. Weil sie in diesem engen Raum doch so viel Platz lässt: für Angst, Begierde, Liebe und Sehnsucht.
Die Künstler von 68elf, dem Forum junger Kunst im Mediapark, haben für ihre Ausstellung „Last Exit“ einen ungewöhnlichen Ort gewählt: die Tiefgarage unter dem Mediapark. Der Schacht war neben den Kunsttempeln wie Museum Ludwig oder Kölnisches Stadtmuseum Teil der Langen Nacht der Kölner Museen.
46 Museen und Kultureinrichtungen hatten bis drei Uhr am Sonntagmorgen geöffnet, und rund 22 000 Besucher waren neugierig - auf die Archäologische Zone, die offiziell noch nicht eröffnet ist, oder den erst im September eingeweihten Neubau des Erzbischöflichen Kunstmuseums Kolumba. Die Menschenschlange reichte bis auf die Straße.
Die Kirchenschätze von Kolumba sind im Armarium des Hauses zu finden. Marc Steinmann sitzt die ganze Nacht vor dem Raum an einem Tisch und unterhält sich mit jedem, der es möchte. „Beratung zehn Cent“ steht auf einem Schild. „Viele Besucher haben sich über die fehlenden Hinweisschilder an den Exponaten beschwert“, sagt der Kunsthistoriker. „Heute sind wir die lebende Didaktik.“ Im Kolumba soll die Wahrnehmung des Betrachters im Mittelpunkt stehen - ohne Tafeln, die den Blick auf sich ziehen und vom Kunstwerk ablenken.
Im größten Raum des Gebäudes sprechen 2000 Jahre Kölner Geschichte ohnehin für sich. „Von einem Punkt aus kann man die ganze Stadthistorie überblicken“, erklärt Steinmann. „Römische Wohnhäuser, Reste eines alten Färberbeckens oder die Ruine der Kolumba-Kirche, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.“
Per Shuttlebus gelangen die Kunst- und Kulturflaneure zu einem weiteren stummen Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs: Der Kulturbunker Mülheim - 1943 als Luftschutzbunker gebaut - bietet den Künstlern Raum auf sechs Etagen. Sandra Zarths Rauminstallation „Traumwärts“ nimmt drei Stockwerke für sich ein. Die Kölner Künstlerin hat eine Buche zersägt. Die oberen Äste wachsen scheinbar aus dem Boden der dritten Etage, im Erdgeschoss bedecken die vertrockneten Blätter den Stamm. Doch erst wer die zweite Etage betritt, versteht, was Sandra Zarth meint, wenn sie von „Vergangenheitsschwere“ spricht, die selbst den Schlaf durchdringe. Der Buchenstamm durchstößt hier ein rustikales Holzbett, was brutal und natürlich zugleich wirkt. „Im Schlaf ist man wehrlos gegen seine Träume und Ängste.“ Und gegen die Vergangenheit, die an einem Ort wie diesem immer noch so präsent ist - wenn man sich darauf einlässt.
Muße braucht man auch für das Mülheimer „KunstWerk“, wo die „blaue Stunde“ bis zum Morgen dauert. „Blaumachen“ heißt das Angebot, das die Mitwirkenden in Deutschlands größtem selbstverwalteten Künstlerhaus zu witzigen und nachdenklichen Installationen, Bildern und Performances inspiriert hat. Beim Spaziergang durch die Ateliers wird den Gästen der mühevolle künstlerische Prozess bewusst, der zum fertigen Werk führt. Während im Japanischen Kulturinstitut die Pflaumenwein-Verkaufsstände deutlich stärker umlagert sind als die Fotoausstellung, gilt im Museum für Ostasiatische Kunst das Interesse der für lebendig erklärten Kultur.
Eine große Besucherschar hängt an den Lippen einer Kunsthistorikerin, die den Roman „Das Westzimmer“ aus dem klassischen China anhand wundervoll gezeichneter Albumblätter präsentiert. Der moderne Ferne Osten wird in einer multimedial begleiteten Choreografie von Yoshie Shibahara lebendig. Tanzend nimmt sie Foyer und Garten des Museums in Besitz. „Ist das Rotkäppchen?“, fragt eine staunende kleine Zuschauerin.
Sportlichen Herausforderungen zur Schlafenszeit stellen sich die Besucher im Sport- und Olympiamuseum. Da zeigt der Vater dem zwölfjährigen Mario am Pferd, was er turnerisch noch - beinahe - kann; da feuert die ganze Clique ihren Freund „Tom-mie! Tom-mie! Tom-mie!“ an, wenn er im Windkanal für die Tour de France übt.
Der intensive Sauerkrautgeruch im Haus lässt sich am besten nebenan vergessen: Im Schokoladenmuseum genießen müde Besucher die warme Süße mächtiger Schokoladentorten mitten in der Nacht auf der geschützten Rheinterrasse.
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