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Berlin will das Einheitsdenkmal

Von MARKUS DECKER, 09.11.07, 21:46h

Berlin - Auf der Tribüne saßen zwei alte Bekannte einträchtig tuschelnd nebeneinander: Lothar de Maizière (CDU), letzter Ministerpräsident der DDR, und Richard Schröder, SPD-Fraktionschef in der ersten frei gewählten Volkskammer. Die Bundestagssitzung, der sie beiwohnten, war von Merkwürdigkeiten geprägt. Die wesentliche bestand darin, dass die Debatte über den Regierungsbericht zum Stand der deutschen Einheit zusammengelegt wurde mit jener, ob dieser Einheit ein Denkmal gesetzt werden soll - und wo. Unverbunden pendelte der Schlagabtausch zwischen ökonomischer Betrachtung und historischer Würdigung der Jahre 1989 / 90.

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Tiefensee (SPD), sagte über den 9. November 1989, er sei „nicht vom Himmel gefallen, auch wenn er uns wie ein Wunder erscheint“. Dann widmete er sich der wirtschaftlichen Lage. Das ostdeutsche Bruttoinlandsprodukt betrage 67,5 Prozent des westdeutschen. Die Langzeitarbeitslosigkeit sei „die Geißel“ des Ostens.

Während der frühere Leipziger Oberbürgermeister dafür plädierte, ein Denkmal auch in Leipzig zu errichten, weil die dortigen Demonstrationen Grundlagen gelegt hätten, geschah bei der Bundestagsrede des sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt (CDU) tatsächlich ein Wunder. Er sagte zum Denkmal kein einziges Wort - und damit auch nicht zur Standortfrage: Berlin und / oder Leipzig? Milbradt betonte hingegen: „Der Osten muss weit stärker wachsen als der Westen. Das ist die einzige Möglichkeit, das leidige Transferproblem zu lösen.“ 2006 lag das Wachstum Ost 0,3 Prozent vor dem Wachstum West - zu wenig, damit die Schere sich schließt. Der Grüne Peter Hettlich stellte fest: „Die Schere ist wieder eingerostet.“

Lapidare Erklärung von Kauder

Apropos Merkwürdigkeiten: Unionsfraktionschef Volker Kauder erklärte zur Massen-Abwanderung recht lapidar, diese sei „natürlich eine freie Entscheidung“ der Auswandernden. Luc Joachimsen von der Linksfraktion befand, die SED / PDS-Nachfolger fühlten sich den ostdeutschen Bürgerrechtlern „besonders verpflichtet“. Sie erntete schallendes Gelächter.

Nur wenige Redner konzentrierten sich auf das Denkmal. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) nannte es ein „Mahnmal des historischen Glücks“. Der FDP-Kulturpolitiker Hans-Joachim Otto sagte, in Berlin gebe es so viele Orte, die an das historische Elend der Deutschen erinnerten, dass es an der Zeit sei, auch dem geschichtlich Gelungenen ein Denkmal zu setzen. Sachsen könne in Leipzig ja ein zweites Mahnmal bauen lassen. Den Grünen geht das alles zu schnell.

Als die Mehrheit für Berlin votiert hatte, zeigte sich de Maizière erfreut: „Das Denkmal gehört nach Berlin. Die deutsche Einheit ist in Berlin beschlossen worden. Hier wurde auch der Einigungsvertrag unterzeichnet.“ Leipzig sei ein freiheitliches „Glied in der Kette“ zur Einheit gewesen. „Aber die wesentlichen Schritte wurden in Berlin getan. Die Volkskammer hat nicht in Leipzig getagt.“ Der Mitinitiator wünscht sich das Denkmal auf dem Schlossplatz in Berlin-Mitte.

Der Pfarrer der Leipziger Nicolaikirche, Christian Führer, sieht das anders. „Ein Einheitsdenkmal in Berlin ohne ein Freiheitsdenkmal in Leipzig ist eine Geschichtslegende, die das Wichtigste nicht erwähnt; es entwertet das Denkmal in Berlin“, sagte Führer der Agentur dpa und beklagte, den Ereignissen in Leipzig im Wendeherbst 1989 werde eine „verzweifelt geringe Wahrnehmung“ geschenkt.



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