Schriftgröße

Yogisches Fliegen mit Lynch

Von INA HENRICHS UND FRANK OLBERT, 15.11.07, 20:03h

Der US-Regisseur will Unis gründen, die auch mit spirituellen Techniken zu geistiger Reife verhelfen. Seit 1973 praktiziert er die "Transzendentale Meditation" des indischen "Beatles"-Gurus Maharishi Mahesh Yogi.

BILD: RTR
Bild vergrößern
David Lynch, Filmregisseur und Transzendentaler Meditationskünstler.
BILD: RTR
Bild verkleinern
David Lynch, Filmregisseur und Transzendentaler Meditationskünstler.

Der Mann ist die programmierte Irritation. Als im vergangenen Jahr nach einem sehr mäßigen Wettbewerb in Venedig sein Film „Inland Empire“ lief, geschah zumindest eines - man konnte sich an dem Film reiben, man war von Männern in Hasenkostümen verstört, oder berührt von einer Laura Dern in finsteren, von lauter Irren bevölkerten Räumen. Nun ist David Lynch auf großer Tour, doch nicht, um für einen neuen Film zu werben. Der Regisseur ist als Handlungsreisender in Sachen Transzendentale Meditation unterwegs, denn diese soll Deutschland, ja die ganze Welt von Stress und Spannung befreien.

Ja, ja, ganz richtig gehört: Der Herr, der in „Blue Velvet“ kalten, verschreckenden Sadismus vorführt, der „Mulholland Drive“ furios mit einem Crash einleitet, lässt in seiner Freizeit Mantras wie „Glückseligkeit“, „Licht“ und „Schönheit“ durch sein Hirn kreisen. Bereits seit 1973 übt sich Lynch in der Meditationstechnik des Maharishi Mahesh Yogi, die - „Whoom, you transcend“ - schon die Beatles und die Beach Boys in Zustände höherer Erkenntnis versetzt hat.

Furchtbare Leere

Damals arbeitete er an seinem ersten Spielfilm „Eraserhead“ und war im Begriff, sich von seiner ersten Frau zu trennen. Eine furchtbare Leere und schließlich seine Schwester trieben den Regisseur in ein Zentrum für Transzendentale Meditation. Nach zwanzig Minuten fühlte er, wie Gewicht von ihm abfiel.

Im vergangenen Jahr hat er die „David Lynch Foundation for Consciousness-Based Education und World Peace“ gegründet. Sie vergibt Stipendien an Studenten, die sich anders den Zugang zur Transzendentalen Meditation gar nicht leisten könnten. Derzeit versucht Lynch vor allem in Europa Anhänger für die Lehre zu gewinnen, was Fans - und auch ihn selbst - erstaunt. Der Regisseur lässt zwar in seinen Filmen Köpfe fliegen und Spermien von kugelwangigen Frauen zertreten, aber es ist ihm peinlich, vor großem Publikum zu sprechen. Es gab eine Zeit, da nahm er seine Dankesreden auf und spielte sie bei Preisverleihungen vor dem Mikrofon ab.

Empfang bei Sarkozy

Doch für seine aktuelle Mission tritt er bemerkenswert souverän ein: Empfangen wurde er bereits von Staatsoberhäuptern wie Nicolas Sarkozy und Alfred Gusenbauer. Skeptisch hingegen blieb man nun in Köln, was aufgrund der unbedarften Formulierung seines Zieles wenig verwundern darf: Universitäten will er gründen, „die jedem Studenten Erleuchtung und dem Staat Unbesiegbarkeit schenken“.

Ein in zarten Pastellfarben gehaltenes Plakat verkündet die „Verfassung der Universität des Unbesiegbaren Deutschland“. Es vereinigt einen Sinnspruch des Maharishi Mahesh Yogi mit der Kurzbeschreibung der - im übrigen - konventionellen Fakultäten. Wie konkret die Planungen vorangeschritten sind, dies blieb allerdings im Dunkeln.

Und somit so undurchsichtig wie sein Werk: Vielleicht geht es nur um eine Einladung an Kanzlerin Angela Merkel zum Yogischen Fliegen. Im Lotussitz mit Gleichgesinnten abheben und somit Energie für eine friedliche Welt sammeln - davon träumt er tatsächlich. Er soll diese Technik, eine für Fortgeschrittene, selbst schon mal ausprobiert haben. Funktioniert habe es aber noch nicht.

Auch jene Befürchtung wurde laut: Verstört Lynch jetzt nicht mehr nur durch seine Filme, sondern auch als Propagandist einer Sekte? War Transzendentale Meditation nicht als solche eingestuft? Wahr ist, dass niemand mehr auf die Idee kommt, vor ihr zu warnen. Sie gilt als harmlos. Das geht auch aus einem Urteil des Bundesgerichtshofes hervor. Nach Meinung der Sachverständigen sei Transzendentale Meditation für labile Menschen nicht gefährlicher als Lebensereignisse wie eine Heirat oder die Einberufung zum Wehrdienst. Für die Psyche schädlicher dürften seine Filme wie „Lost Highway“ sein, die einem über geraume Zeit verbieten, bei Dunkelheit alleine durch die Straßen zu gehen, weil man hinter jedem Buschrascheln den Teufel vermutet.

Er mache keine Politik, und um Religion gehe es ihm auch nicht, betont Lynch immer wieder. Und so wirkt sein Vorschlag mitunter einfach nur wie aus der Mode gekommen. Befremdlich zumal, weil er ihn mit einer bestechenden Logik unterbreitet, die seinen Filmen fehlt: Wer stundenlang meditiert, hat wenig Zeit, Schaden anzurichten. Dass er darüber seine Arbeit als Filmemacher vergisst, steht nicht zu befürchten. Nicht zuletzt zieht Lynch aus der Entspannung Inspiration für seine Geschichten. Die Männer in Hasenkostümen, zum Beispiel, kamen ihm während einer seiner zwanzigminütigen Sitzungen.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


WAS.WANN.WO.


Bildergalerien


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Studio DuMont


Video


Kolumne


Extra


Stadtmenschen Community


Extra


Die andere Meinung


ksta shop


Links


Dienste