Von EMMANUEL VAN STEIN, 29.11.07, 23:52h
Von 1000 Blättern des 19. Jahrhunderts hat Westfehling 150 Arbeiten ausgewählt, die einen profunden Einblick in die „wohl intensivste Zeitspanne der deutschen Kunstgeschichte“ gewähren - von der Romantik über den Realismus bis zum Impressionismus, von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Unter den Studien, Skizzen und Entwürfen findet sich auch von Menzels Ritter Karl. Westfehling ließ sich bei seiner Auswahl von zwei Kriterien leiten: der Qualität und der Bedeutung der Blätter innerhalb der Entwicklung der Zeichenkunst. Über dem nun servierten Augenschmaus könnte ein Satz von Menzels stehen: „Alles Zeichnen ist gut, alles zeichnen besser.“ Von dieser Maxime geleitet, ließ sich der Künstler einen Gehrock nähen mit allerlei Taschen für sein Werkzeug.
Quasi kapitelweise mag sich der Besucher mit dem Thema vertraut machen. Die Abteilung „Runge und Friedrich“ führt beispielsweise zwei herausragende Künstler des 19. Jahrhunderts zusammen, die beide die Unterwerfung der deutschen Staaten durch Napoleon erlebten. „Bei Friedrich wirkt die Gestalt des Menschen oft isoliert und fast verloren angesichts der Unendlichkeit“, heißt es dazu. Eine schöne Detailstudie ist die kleine Bleistiftskizze „Pfeifenraucher“ von 1802. Übrigens wurde der Bleistift erst kurz vor 1800 erfunden.
Philipp Otto Runge ist mit der Rötel-Zeichnung „Die Genien auf der Lichtlilie“ prominent vertreten, die auch als Faksimile aufgelegt wird. Auf diesem Entwurf für sein berühmtes Gemälde „Der große Morgen“, einem Höhepunkt der deutschen Zeichenkunst, erhellt weiches, schimmerndes Licht einen Blütenkelch, über dem engelsähnliche Kindlein zu erkennen sind. Während am Himmel noch der Morgenstern leuchtet, geht am Horizont die Sonne auf.
Ein weiterer Bereich ist mit „Blicke auf Köln“ überschrieben. Das Köln-Motiv etwa in Scheurens bekannter Rheinland-Serie ist als Beschwörung alter Größe mit versteckten Hinweisen auf neue Elemente wie die Eisenbahn zu verstehen. Hier gibt es auch ein Wiedersehen mit Vinzenz Statz' Dom-Aquarell „Und fertig wird er doch!“, das im Vorjahr als Faksimile angeboten wurde. Von Max Liebermann, für den die Zeichnung „ins Innerste“ der Persönlichkeit eines Künstlers führte, wird unter anderem eine äußerst delikate Arbeit gezeigt: Das kleine Blatt „Samson und Delilah“ hat eine stark erotische Komponente.
Romantik in kristallklarer Ausformung strahlt Ernst Ferdinand Oehmes 1825 entstandenes Aquarell (über Bleistift und Feder) aus: „Burg Naudersberg in Tirol“ lässt Wiesen und Felder, ein trutziges Gemäuer und dahinter gewaltige Berge in kühlem Blaugrün erstrahlen. Sollte die Betrachtung all dieser Kostbarkeiten, die die allermeiste Zeit in Schubladen schlummern, die Kreativität der Besucher wecken, dann sind sie herzlich eingeladen, in einem nachgebauten Atelier an Zeichentischen Platz zu nehmen, um zu Klemmbrett, Papier, Bleistift sowie Gliederpuppen zu greifen.
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