Von CHRISTOPH HOFFMANN, 30.11.07, 21:06h, aktualisiert 01.12.07, 00:29h
Die Sommerferien 2007 sind gerade vorbei. Wie die meisten ihrer Mitschüler hat sich Jenny im Internetportal „Schüler-Verzeichnis“, kurz „SchülerVZ“ angemeldet - eine Plattform im Internet, die in erster Linie der Selbstdarstellung dient. Offenherzig präsentieren sich minderjährige Schüler auf Fotos, berichten von ihren Hobbys, ob sie gerade „solo“ sind - und sammeln Freundschaften. Einige wollen mehr als 320 „Freunde“ haben aus Schulen in ganz Deutschland. Es ist ein Wettlauf um Beliebtheit und Anerkennung. „Es ist wichtig, da drin zu sein“, sagt Jenny. „Wer kein Profil hat, ist Außenseiter.“
„Echt hässlich bist du“
Eine weitere Funktion im SchülerVZ sind die Gruppen: Jeder angemeldete Benutzer kann Gruppen eröffnen - über die umschwärmte Boygroup oder kuriose Hobbys. Manche Gruppen tragen sinnfreie Namen wie „Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg“. Nur durch Zufall entdeckt die 13-Jährige die „Gruppe gegen Jenny“. Die Gründerin ist Schülerin an einem anderen Gymnasium, die Jenny nur flüchtig kennt. In der Gruppendiskussion wird über sie gelästert, in ihrem Postfach landen beinahe täglich Mails: „Echt arm und hässlich bist du. Du hast keine Freunde mehr.“ Als jemand in der Gruppe nachfragt, was sie denn gegen Jenny hätten, heißt es: „Jenny ist eine behinderte Schlampe. Sie soll einfach mal ihre Fresse halten.“ Es sind ihre Freundinnen, die solche Sätze schreiben - oder die Mädchen, die sie bisher dafür hielt. Jenny blickt aus dem Fenster in den Garten. „Ich bin so enttäuscht von denen“, sagt sie und schluckt. Ihre Eltern sollen nicht mitbekommen, dass sie wieder Tränen in den Augen hat.
Das Mobbing in der Gruppe geht weiter. Täglich erscheinen neue Einträge - SchülerVZ bietet die Möglichkeit, Gruppen, Personen oder Fotos zu melden. 600 000 Fotos werden nach eigenen Angaben jeden Tag auf die Server der Berliner Firma hochgeladen. „Natürlich können wir uns nicht alle Bilder ansehen, bevor sie im Internet stehen“, sagt Philippe Gröschel, Jugendschutzbeauftragter der Plattform. „Wir weisen die Nutzer im Verhaltenskodex darauf hin, was sie dürfen und was nicht erwünscht ist.“ Im Kodex steht: „Es ist verboten, Mitglieder von SchülerVZ zu beleidigen, zu beschimpfen, anzugreifen oder lächerlich zu machen.“Insgesamt fünfmal meldet Jenny die Gruppe, erst dann reagieren die Macher: „Ihr seid doch befreundet“, schreiben sie. „Warum klärt ihr das nicht unter euch?“ Trotzdem löschen sie die Gruppe - wenige Tage später wird sie unter ähnlichem Namen wiedereröffnet. Die späte Reaktion begründet Gröschel mit der hohen Zahl an Meldungen: „Von den 3000 täglichen Meldungen ist nur die Hälfte ernst zu nehmen. Zwischen 60 und 100 Meldungen pro Tag drehen sich um Mobbing.“
Herbstferien. Wieder wird eine Gruppe gegen Jenny eröffnet: Ein Foto aus Jennys Profil wird kopiert, mit roter Schmähschrift versehen und online gestellt.
Viele winken abEs fällt leicht, abzuwinken, wenn Jenny zum ersten Mal ihre Geschichte erzählt. „Normal unter Schülern“ heißt es nicht selten, oder: „Haben wir früher auch aushalten müssen.“ Albert Zimmermann ist entsetzt, wenn er solche Sätze hört. Der Schulpsychologe der Stadt Köln hat viele ähnliche Mobbing-Fälle betreut, fast täglich empfängt er betroffene Schüler und berät die Lehrer. „Das ist eindeutig schlimmes Mobbing“, sagt er, „und Mobbing ist eine Form der Gewalt.“ Seelische Gewalt. Das Internet wirke als Katalysator: „Plattformen wie SchülerVZ sind ein Traum für die Täter.“ Früher habe man das auf dem Schulhof weitererzählt. „Das dauerte länger“, sagt Zimmermann. „Heute schicken die Schüler eine Rund-Mail, und sofort wissen 50 Leute, wer jetzt das Opfer ist.“
Jenny geht es immer schlechter. Die Anfeindungen im Internet haben auf den Schulhof übergegriffen. Inzwischen meiden sie ihre Freundinnen in den Pausen, setzen sich weg, wenn Jenny kommt. An den Nachmittagen beschäftigt sie sich mit Hausaufgaben - abends, wenn sie keine Ablenkung mehr hat, kommen die Gedanken. Dann sitzt sie auf ihrem Bett und weint. „Ich war am Ende“, sagt sie. Dann offenbart sie sich ihren Eltern: „Alle hassen mich, keiner redet mehr mit mir.“ Die Eltern handeln sofort, schreiben E-Mails und Briefe an die Klassenlehrerin und die Schulleiterin. Die erste Reaktion ist knapp, aber deutlich: Was die Schüler in ihrer Freizeit im Internet machen, gehe die Schule nichts an.
„Völlig falsch“, sagt Schulpsychologe Zimmermann, „aber typisch: weit von sich weisen und abwiegeln.“ Dabei spiegele SchülerVZ nur die Realität der Jugendlichen wider: „Die Verantwortung der Schule endet nicht am Schultor, wie viele Lehrer meinen. SchülerVZ ist ein virtueller Schulhof.“
Vor die Klasse treten
Mitte Oktober bittet die Klassenlehrerin die beiden Haupt-Mobberinnen und Jenny zu einem Gespräch. „Sie fragte die beiden, was sie gegen mich hätten“, sagt Jenny, „und die haben natürlich sofort alles aufgezählt, was ihnen einfiel.“ Auch da kann Zimmermann nur den Kopf schütteln. „Das ist das Schlechteste, was man machen kann.“ Richtig sei es, direkt vor die Klasse zu treten, den Mobbingfall anzusprechen und den Tätern unmissverständlich Konsequenzen anzudrohen.
Was also tun mit dem SchülerVZ? Jennys Vater findet es unverantwortlich, Zwölfjährigen so viel Verantwortung aufzubürden. „Die Kinder lernen gerade erst den sozialen Umgang - sollen aber abschätzen können, wieso sie sich besser nicht auf freizügigen Fotos präsentieren, und dass sie auch Menschen im Internet verletzen können.“
Den Vorwurf kenne man, wiegelt Philippe Gröschel von SchülerVZ ab. „Aber wir sind nur die Plattform, die Möglichkeiten zur Vernetzung anbietet. Wir können nicht die Verantwortung für Millionen Jugendliche übernehmen.“ Man zwinge die Nutzer ja nicht, Fotoalben oder Gruppen anzulegen, heißt es. Dass allerdings ein enormer Druck aus dem Freundeskreis dahintersteht, unterschätzt Gröschel.Die Plattform verbieten? Nein, das helfe nicht, sagt Zimmermann. „Die ist zu beliebt und wird mit Millionen finanziert. Wir müssen lernen, damit umzugehen.“
Jenny hat jetzt die Schule gewechselt.„Ich habe mich allein gelassen gefühlt“, sagt sie. Von ihrer Klassenlehrerin, von der Schulleiterin: „Keiner hat mir wirklich geholfen.“ Fünf Jahre hätte sie noch bis zum Abitur. Fünf Jahre Bauchschmerzen, Angst vor den Mitschülern. „Nein“, sagt sie bestimmt, und zum ersten Mal hellt sich ihr Gesicht auf, sie hat wieder etwas von der Unbekümmertheit einer 13-Jährigen: Sie freut sich, die Schule verlassen zu haben. Und die Mädchen, die früher einmal ihre Freundinnen waren.
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