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Verehrt, verwurstet, verkörpert

Von EMMANUEL VAN STEIN, 12.12.07, 14:24h

Siegen trägt noch nicht lange den offiziellen Titel „Rubens-Geburtsstadt.“ Doch der Namen des barocken Malerfürsts ist dort inzwischen allgegenwärtig: Im Museum, im Weihnachts-Stollen und sogar in der Wurst.

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Rubens-Darsteller Viktor Horzella posiert vor dem Oberen Schloss in Siegen.
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Rubens-Darsteller Viktor Horzella posiert vor dem Oberen Schloss in Siegen.

Das Programm fällt aus dem Rahmen. Deshalb müssen wir im Oberen Schloss von Siegen erst einmal durch einen leeren Gemälderahmen steigen, bevor im Siegerlandmuseum die kabarettistische Museumsführung „Rund um Rubens rum“ beginnen kann. Christa Weigand und Bernd-Michael Genähr spielen und singen sich von der gotischen Halle über das Trauzimmer bis in den noblen Rubens-Saal. Dort ehren sie den Künstler der üppigen Formen mit einem fetten Ständchen: „Rubens, alter Meister der rundlichen Mädchen &“

Auf die touristische Anziehungskraft seines berühmtesten Sohnes setzt Siegen erst seit gut einem Jahrzehnt. Dabei ist längst bekannt, dass Peter Paul Rubens 1577 in Siegen geboren wurde. 1995 hoben der TV-Koch Erich Steuber (Siebelnhof in Hilchenbach) und Roswitha Still, die Geschäftsführerin vom Touristikverband Siegerland-Wittgenstein, Rubens endlich auf den Touristen-Schild und riefen die Aktionsgemeinschaft „Zwischen Rubens und Landluft“ ins Leben: 50 Gastronomen, Landwirte, Konditoreien, Bäckereien und Metzgereien vermarkten seither gemeinsam die Produkte der Region. Zum Beispiel das Siegener Hotel Pfeffermühle, das in seinem „Rubens' Brat- und Backhaus“ einen Mittagstisch deckt, ein „Rubens-Menü“ (mit Hasenrückenfilet und Maispoulardenbrust) serviert und jetzt einen Rubens-Geschenkservice eröffnet hat: Die Rubens-Tüte enthält unter anderem eine Rubens-Wurst und ein Rubens-Vollkornbrot.

Also alles Rubens oder was? Und was würde wohl der barocke Malerfürst zu seiner kulinarischen Rundumvermarktung sagen? „Rubens war ja auch Diplomat und Geschäftsmann“, erklärt Roswitha Still. „Und er hat gerne gegessen“, ergänzt Viktor Horzella. Der Kunsterzieher wurde 1996 bei einem Wettbewerb von den Siegener Bürgern zum Rubens-Repräsentanten gewählt. Horzella, der selbstverständlich in der Rubensstraße wohnt, tritt bei diversen Veranstaltungen und Führungen im historischen Gewand auf und macht dabei stets eine gute Figur; auch am Rubens-Brunnen, der 1935 von Hermann Kuhmichel geschaffen wurde, um in der Anlage des Oberen Schlosses den historischen Streit der drei Städte zu versinnbildlichen.

Übrigens hat Peter Paul Rubens wahrscheinlich nie von seiner Geburt in Siegen erfahren, zumal die Familie bereits ein Jahr später nach Köln zog. Die kuriose Geschichte wird bei Führungen durch die Parkanlage und das Obere Schloss erzählt, wo die katholischen Grafen des Hauses Nassau-Siegen ihren Sitz hatten: Peter Paul Rubens' Vater Jan, einst Mitglied des Magistrats der Stadt Antwerpen, soll ein Hallodri gewesen sein. Wegen einer ehebrecherischen Beziehung des Advokaten zur Prinzessin Anna von Sachsen (der zweiten Frau des Prinzen Wilhelm von Nassau-Oranien) war er zum Tode verurteilt und 1571 in Siegen inhaftiert worden.

Später wurde er nach Dillenburg verlegt und gegen die damals horrende Kaution von 6000 Talern wieder freigelassen. In Köln wohnten die Rubens' zunächst in der Breite Straße und seit 1583 an der Sternengasse. Das Haus Nr. 10 galt lange Zeit als Geburtshaus Peter Paul Rubens'. Neue Forschungen haben nun ergeben, dass Jan Rubens den angeblichen Ehebruch unter der Folter gestanden hatte. Er war das Opfer einer Intrige Wilhelms, der seine Anna unbedingt loswerden wollte.

Und so lässt sich der Künstler leider nicht als treuer Siegener vermarkten; dafür umso besser als Feinschmecker: „Rubens konnte sich alles leisten, was gut und teuer war“, schwärmt seine neuzeitliche Verkörperung Viktor Horzella: „Und er aß nur das Allerfeinste.“ Zum Beispiel Christstollen. Das ist das Stichwort für Markus Podzimek. Der 32-jährige Urenkel des bekannten Schokoladenfirmen-Gründers Gustav Heimann hat 2005 in Wien den Patisserie-Oskar gewonnen und gehört mittlerweile zu den acht besten Maître Chocolatiers der Welt. Er konnte noch nie verstehen, dass Rubens „zwar der bekannteste Sohn der Stadt ist, aber keiner weiß es“. In seinem Siegener „Naschwerk“, einem verführerischen Süßwarentempel, zaubert er „RubensKugeln“ und „Rubens-Torten“, die er bis nach Australien verschickt. Sein „Rubens-Stollen“ (mit Sauerkirschen statt Rosinen) ist die reine Gaumenfreude. Im zweiten Jahr wird der Rubens-Adventskalender aufgelegt.



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