Von SUSANNE HENGESBACH, 10.12.07, 19:53h
Die Aufforderung „Lesen!“ muss man dieser Frau nicht geben. Schon gar nicht in Kombination mit dem Ausrufezeichen! Wahrscheinlich hat Esther Giese auch nicht allzu viel Mitgefühl für all diejenigen, die vor Weihnachten schrankgroße TV-Kartons aus den Elektronikmärkten nach Hause schleppen, da sie selber mit wesentlich handlicheren Kartonagen glücklich ist. Auf meine Frage, wie viel sie im Durchschnitt denn so verschlinge, entgegnet sie: „Drei Bücher pro Woche“, was mich wiederum zu der Mutmaßung veranlasst, dass da wohl wenig Raum für Kommunikation mit dem Partner bleibe. Sie lacht und sagt: „Nein, mein Mann und ich reden ständig miteinander.“ Das leuchtet mir bei näherer Überlegung ein; denn wenn sich eine Buchhändlerin und ein Buchhändler paaren, ist ja zumindest immer ein Gesprächsstoff garantiert: Bücher.
Giese ist nach eigenen Worten seit 1995 Inhaberin des Buchladens auf der Sülzburgstraße und hat mit ihrer sechsköpfigen Belegschaft vor kurzem wohl oder übel mit ansehen müssen, wie nur wenige Meter vom eigenen Standort entfernt die Filiale einer Groß-Buchhandlung eröffnete, obwohl - wie sie sagt - bereits fünf Buchhandlungen im Viertel existierten, was ihrer Einschätzung nach reiche. „Ich frage mich, weshalb gehen die nicht in Stadtteile oder Orte, wo es keine oder nur wenige gibt?“ Die Neueröffnung habe „eine Riesendiskussion“ im Viertel entfacht, und ihr Eindruck sei, dass viele Leute dadurch regelrecht motiviert worden seien, zum Bücherkauf nicht in die City oder oder zum Filialisten zu gehen, sondern den kleinen Einzelhändler zu stützen.
Mich interessiert, welchen Einfluss Literatursendungen im Fernsehen auf das Geschäft haben. Im Hinblick auf die Sendung von Elke Heidenreich habe die Resonanz etwas nachgelassen. Sie selber befürworte es, dass sie gute Bücher empfehle. „Aber man kann auf Grund einiger auf dem Umschlag verwendeten Zitate nicht immer auf den Inhalt schließen. Oft ist es auch einfach nur gute Verlagswerbung.“
Positive Auswirkungen habe die Sendung „Druckfrisch“ von Dennis Scheck. „Da wäre es nur toll, wenn sie früher ausgestrahlt würde.“ Ganz stark merken würde man jedenfalls immer, „wenn Christine Westermann Lesetipps im Radio gibt“. Ihr selber sei es wichtig, betont Giese, „dass der Kunde ein Buch bekommt, das ihm gefällt“, ungeachtet dessen, ob sie es selber möge. Grundsätzlich empfehle sie aber nur Bücher, die sie auch gelesen habe. Ich frage nach ihren Favoriten, und sie nennt den Titel „der Wolkenatlas“ von David Mitchell, und meint, Stieg Larsson sei für Fans von Schweden-Krimis ein absolutes Muss.
Ob es - neben den boomenden Hörbüchern - einen aktuellen Trend gäbe, frage ich. „Eigentlich nicht; höchstens, dass viele Kinder- und Jugendbücher auch von Erwachsenen verschlungen werden.“ Die 40-Jährige ist ohnehin überzeugt, dass heute viel mehr gelesen werde, als vor 20 oder 30 Jahren. - Immer noch Pilcher en gros? Giese lacht. „Nein, die ist out. Oder deren Klientel kommt nicht zu uns.“
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