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Wie gefährlich ist Röntgen?

Von ULRIKE ROLL, 12.12.07, 10:35h, aktualisiert 12.12.07, 11:16h

Experten diskutieren über positive und negative Aspekte von Röntgendiagnosen. Die Strahlung kann Keimzellen schädigen. Ohne Röntgenstrahlung blieben allerdings zahlreiche Krankheiten unerkannt.

BILD: JUPITERIMAGES
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Röntgendiagnosen können Leben retten und auch schädlich sein.
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Röntgendiagnosen können Leben retten und auch schädlich sein.
Niemand sieht, riecht oder spürt sie. Doch im Moment, in dem sich die schwere Bleischürze auf den Bauch senkt, schwant vielen: Röntgenstrahlen haben es in sich. Ohne diesen Schutz könnte die Strahlung Keimzellen wie Spermien oder Eizellen schädigen. Zudem können Strahlen Krebs auszulösen. Dies geschieht selten, doch die Tatsache ist in der Wissenschaft unumstritten. Auf der anderen Seite gewähren Röntgenstrahlen Medizinern Blicke in den Körper.

Schwere innere Verletzungen sind von außen oft nicht sichtbar; Knochenbrüche, Krebsherde oder verengte Herzkranzgefäße blieben unerkannt, das Ausmaß etwa von Kopfverletzungen oder Schlaganfällen ließe sich nicht beurteilen. Um es deutlich zu sagen: Röntgenaufnahmen retten unzähligen Menschen das Leben und bewahren sie vor Leiden.

Dennoch: „Jede Aufnahme bedeutet Strahlung, und es gibt keinen unteren Grenzwert, bei dem wir Schäden ausschließen können“, sagt der Radiologe Christoph Heyer von der Bochumer Universitätsklinik. Deshalb gilt die Devise, so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Vor jedem Röntgen sollten Nutzen und Risiken abwägt werden.

Der behandelnde Mediziner weiß oft nichts von früheren Aufnahmen seiner Kollegen. Vielleicht hat ein Zahnarzt zum Beispiel bereits vor drei Jahren den Sitz der Weisheitszähne erkundet, die Wirbelsäule wurde ohne Ergebnis mehrfach geröntgt. Um alles richtig zu machen wird eben noch „schnell ein Röntgenbild gemacht“. Auch, wie Kritiker sagen, damit sich die teuren Geräte rechnen. Patienten wagen selten zu widersprechen und können kaum abzuschätzen, ob eine Aufnahme nötig ist.

„Insgesamt wird in Deutschland zu viel geröntgt“, beklagt der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz Wolfram König. Schutz vor wiederholten Aufnahmen bietet ein Röntgen-Pass: In ihn sollten alle Untersuchungen von Praxen und Kliniken eingetragen werden, als Gedächtnisstütze und zur Information des Arztes. Laut Röntgenverordnung sind entsprechende Pässe „bereitzuhalten und der untersuchten Person anzubieten“.

Lasche Handhabung

So weit die Theorie. Dies wird aber eher lasch gehandhabt: Mal fehlen die Vordrucke, mal wird der Pass schlicht vergessen oder erst bei mehrmaligen Aufnahmen für wichtig erachtet. Viele Patienten haben noch nie von dem Pass gehört. Nicht alle Krankenkassen bieten ihren Versicherten die Formulare an. Gleichwohl zeigen sich einzelne Kliniken, Praxen und Mitarbeiter engagiert. Im Vinzenz-Palotti-Hospital in Bensberg ist Röntgen-Assistentin Birgit Flemming stets darauf bedacht, den Röntgen-Pass auszuhändigen. „Manche der Frauen müssen lange überlegen, welcher Arzt denn zuletzt eine Mammografie gemacht hat“, sagt sie. Mit dem Pass spürt sie frühere Aufnahmen auf, kann sie anfordern und mit aktuellen Bildern vergleichen. So lassen sich Tumore und Veränderungen im Brustgewebe entdecken.

Im Heilig-Geist-Krankenhaus in Köln-Longerich liefert die hauseigene Druckerei die Pässe, damit sie erst gar nicht zur Mangelware werden, berichtet der Chefarzt der Radiologie Markus Wingen. Er hält den Nutzen allerdings für „relativ gering“, da die Pässe zu wenige Informationen enthielten (siehe Interview). Sorge bereiten Wingen die häufigen Computertomographien (CT), bei denen der Patient „in Schichten“ geröntgt wird.

Das Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter stellte fest, dass die Anzahl von Computer-tomographien zugenommen hat - um 65 Prozent zwischen 1996 und 2004. Gerade sie sind besonders strahlungsintensiv. Der Bochumer Radiologe Heyer erklärt: „Eine einzige Computertomographie erzeugt die hundert- bis tausendfache Strahlendosis einer Röntgenaufnahme“. Sein Kollege Wingen hält das für übertrieben; er geht von einer bis zu hundertfachen Dosis aus. Auf alle Fälle verbietet es sich, darin sind sie sich einig, Patienten zur Vorsorge „mal eben in die Röhre zu schieben“. Dennoch wird das CT als „Gesundheits-Check“ angeboten - ohne dass dem Menschen etwas fehlt. Gerne sind dabei privat Versicherte im Visier. Die Überversorgung der gewinnbringenden Klientel ist dabei vermutlich ein Faktor.

Auch bei der Mammografie wird gestritten, ob sie von Ärzten nicht manchmal zu häufig durchgeführt wird. Um Tumore aufzuspüren, wird die weibliche Brust pro Untersuchung viermal mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Da die Strahlen wiederum selbst Krebs auslösen können, ringen seit Jahren Frauenärzte, Radiologen und Statistiker um das richtige Maß. Einst empfahl man in Deutschland Frauen ab vierzig regelmäßige Mammografien, doch 2004 übernahm man sie erst ab fünfzig in das gesetzliche Krebs-Früherkennungsprogramm. Dies geschah, so eine Sprecherin des deutschen Krebsforschungszentrum, um Jüngere nicht unnötig zu belasten.

Regelmäßige Mammografien?

Vor allem die „graue“ Mammografie ist den Experten ein Dorn im Auge: Damit gemeint sind vor allem individuelle Gesundheitsleistungen („IGeL“) außerhalb der gesetzlichen Krebsvorsorge, die Patientinnen aus der eigenen Tasche bezahlen. Angeboten werden sie von „Ärzten, deren Qualifikation zum Teil angezweifelt werden musste“, heißt es beim deutschen Krebsforschungszentrum. Doch Statistik hin oder her - im Einzelfall kann eine Mammografie einer 30- oder 40-Jährigen das Leben retten. Vor allem Frauen, in deren Familie bereits Brustkrebs aufgetreten ist, sollten das Risiko mit ihren Gynäkologen abwägen.

Ab welchem Alter empfehlen sich nun regelmäßige Mammografien? Für Wingen gibt es „keine validen Zahlen“, die handfeste Antworten erbringen. „Deutschland hat sich nun auf andere Länder verlassen“, sagt er. Die Holländer konnten zeigen, dass deutlich weniger Frauen zwischen 50 und 70 Jahren an Brustkrebs erkranken, wenn alle zwei Jahre eine Mammografie gemacht wird. In dieser Altersgruppe konnte bewiesen werden, dass der Nutzen das Risiko der Strahlen und möglicher Fehl-Diagnosen übersteigt. Eine strahlungsfreie Alternative zu Röntgen und CT sind Magnetresonanz-Tomographien (MRT), auch unter dem Namen Kernspin bekannt. Allerdings ist ein MRT doppelt so teuer wie ein CT - weshalb manche Kassen ihren großflächigen Einsatz nicht befürworten.

Zum Teil haben es die Patienten selbst in der Hand, nicht im Übermaß durchleuchtet zu werden. Der erste Schritt ist, einen Röntgen-Pass anzufordern und bei Gelegenheit auch dabei zu haben. Strahlenschutz-Präsident König rät, „sich vom Arzt die Notwendigkeit einer Röntgen-untersuchung und die Risiken erklären zu lassen“. Besonders bei Schwangeren und Kindern ist Vorsicht geboten. „Und in wirklich unklaren Situationen einfach einen zweiten Arzt konsultieren“, sagt König. Patienten sollten jedoch vor Röntgenbildern keine übertriebene Angst haben. Die Hälfte der durchschnittlichen Jahresdosis, die ein Mensch hierzulande abbekommt, ist übrigens natürlichen Ursprungs. Etwa durch den Zerfall des Elements Radon oder kosmische Strahlung. So entspricht ein Flug über den Atlantik etwa einer Röntgen-aufnahme.



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