Von HELMUT FRANGENBERG, 10.12.07, 21:07h
„Ich will unbedingt arbeiten, aber keiner hat mir da zugehört.“ Wenn die 51-jährige Lea R. von ihren Erfahrungen mit der Kölner Arbeitsverwaltung berichtet, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Die arbeitslose Frau - vorletztes Jahr noch gesundheitlich stark eingeschränkt, seit einem Jahr aber wieder voll erwerbsfähig - ist ein Energiebündel, voller Tatendrang und Ehrgeiz. Sie hat 20 Jahre Berufserfahrung als Installateurin bei Bayer Leverkusen hinter sich und nun eine gute Idee für einen „Sanitär-Hausmeister-Service“, mit dem sie sich selbstständig machen will.
„Ich weiß genau, was ich kann und was nicht“, sagt sie. Bei der Arge - der Arbeitsgemeinschaft von Stadt und Arbeitsagentur zur Betreuung der Hartz-IV-Empfänger - hat man sich wenig darum gekümmert, ihre Stärken und Schwächen herauszubekommen. Einen Computer- und Buchhaltungskurs habe sie gebraucht, um für die Selbständigkeit fit gemacht zu werden. Stattdessen zwang die Arge sie in einen Ein-Euro-Job und habe Steuergelder verplempert.
„Ich habe eine Anerkennung als Handwerksmeisterin, und die wollten, dass ich sägen und schmirgeln lerne.“ Mit einer Arbeitsmappe kann sie belegen, wie sie während eines Praktikums innerhalb eines Monats ein Frauenhaus komplett saniert hat - „einschließlich Schreiner- und Lackiererarbeiten und Reparaturen der Elektrik“. Auf eigene Faust suchte sie sogar nach einem Job als Erntehelferin, die ja angeblich kein deutscher Arbeitsloser machen will. „Ich habe Erdbeeren gepflückt, um die Zeit zu überbrücken.“ Auch das beeindruckte die Arbeitsvermittler nicht.
Lea R. hat nun die Flucht angetreten. Als Schwerbehinderte kann sie die Rente beantragen. Die reicht für die Miete. Mit ihrem Hausmeister-Service kann sie dann ganz legal dazu verdienen. „Nie wieder Arge!“, lautet ihr Motto. „Wenn ich in meinem Job so verantwortungsbewusst gearbeitet hätte wie die Arge mit mir, wäre Leverkusen abgebrannt.“
Heute weiß sie nicht nur, dass sie schlecht beraten wurde. Man habe ihr Informationen zum Beispiel über Zuschüsse für Existenzgründer vorenthalten, sagen die Berater des Kölner Arbeitslosenzentrums (Kalz). Lea R. ist kein Einzelfall. „Die Integration ins Arbeitsleben wird nicht gefördert, sie wird regelrecht behindert“, sagt Kalz-Geschäftsführerin Hedel Wenner. „Das ist einfach nur zum Heulen“, sagt die arbeitslose Sekretärin Dagmer Heyde (siehe unten). „Man versucht zu tun und zu machen, alle Anforderungen zu erfüllen und scheitert immer wieder hilflos an dieser Bürokratie.“ Sie werde nur verwaltet.
Arbeitslose, aber auch die Mitarbeiter der Arge selbst schlagen Alarm: „Die Zustände sind katastrophal“, sagt Wenner. Ihr Kollege Bernd Mombauer spricht vom „perfekten Chaos“ und übt scharfe Kritik an den Verantwortlichen. „Sie haben die Leute vor und hinter den Schreibtischen gleichermaßen überfordert.“ In vielen Fällen sei die Existenzsicherung von Menschen gefährdet. Gelder würden nicht ausgezahlt, Ansprüche ignoriert, Widersprüche nicht zeitnah bearbeitet. Der Kölner DGB nennt das „Rechtsverkürzung“, weil die Widersprüche gegen Arge-Bescheide, die immer mehr werden und von denen rund 40 Prozent Erfolg hätten, erst gar nicht mehr bestätigt würden. „Die Zustände sind unhaltbar“, sagt DGB-Chef Wolfgang Uellenberg van Dawen, der Kölns Sozialdezernentin Marlis Bredehorst als Hauptverantwortliche scharf attackiert: „Die Behördenleitung hat die Probleme nicht erkannt, wimmelt Einwände ab und agiert völlig hilflos.“
Auch innerhalb der Arge wächst der Unmut. „Von einer wirkungsvollen Arbeitserledigung kann nicht gesprochen werden“, schreibt der Personalrat der Agentur für Arbeit an die Arge-Mitarbeiter. Die Kollegen „arbeiten am Rande des Zumutbaren, einige haben diese Grenze schon überschritten“. Gerd Zimmer von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi spricht von einem „menschenverachtenden Umgang“ mit dem Personal der Arge.
Eine große Sorge der Mitarbeiter ist seit dem Wochenende vom Tisch. 170 befristete Arbeitsverträge liefen zum Jahresende aus und sollten trotz der Arbeitsüberlastung nicht verlängert werden, weil der Bund Ex-Mitarbeiter von Post und Bahn unterbringen wollte. Personalrat und Behördenleitung protestierten. Nun dürfen die Leute bleiben.
Gehen wird der Chef der Kölner Arge. Fest steht, dass Josef Ludwig abgelöst wird. Sein Nachfolger ist offiziell nicht benannt. Kandidat ist ein Experte, der für einen Träger von Qualifizierungsmaßnahmen für Arbeitslose arbeitet. Ihm dürfte es zwar an Verwaltungserfahrung fehlen, dafür könnte er für einen Perspektivwechsel stehen. Die Nöte der Kunden könnten ein größeres Gewicht bekommen.
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