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Himmelfahrt und Hindukusch

Von ANJA KATZMARZIK, 14.12.07, 21:16h, aktualisiert 17.12.07, 15:51h

So gut wie lange nicht mehr - bis auf einen grenzwertigen Hieb gegen Kardinal Joachim Meisner, der als Nazi dargestellt wird: Am Freitag war in Köln wieder Auftakt des alternativen Karnevals.

BILD: STEFAN WORRING
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„Bundeswehr Multikulti“ rettet den Weltfrieden ohne Waffen nur durch den Einsatz von „Unterschicht-Sprache“.
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„Bundeswehr Multikulti“ rettet den Weltfrieden ohne Waffen nur durch den Einsatz von „Unterschicht-Sprache“.
ksta.tv: Premiere der Stunksitzung

Dieser Ruf muss mindestens bis nach „Klein-Istanbul“ in der Keupstraße zu hören gewesen sein. Selbst Präsidentin Biggi Wanninger staunte: „Der kölsche Muezzin bringt die Ungläubigen in Stimmung!“ Stunker Ozan Akhan riss die Generalproben-Besucher mit einem gesungenen Moschee-Diskussions-Beitrag hin: Als Ausrufer, der normalerweise vom Minarett aus die Zeiten zum Gebet verkündet, sang er ein wunderbar langes „Heidewitzka. Da sin mer dabei!“

Fließend ist sein Übergang in ein noch nie da gewesenes, inbrünstiges „Ich ben ene kölsche Jung“. Als kölsche Lösung im Streit der Kulturen wird aus dem „Trömmelchen“ ein „Jo, wenn der Muezzin ruft, dann ston mer all parat“. Und statt „Mir losse d'r Dom . . .“ heißt es „Wir wolln ne Moschee in Kölle, denn da jehört se hin. Wat soll die dann woanders, dat hät doch keine Sinn.“

Derweil ist die Stimmung in der berühmtesten Kathedrale Deutschlands ziemlich am Boden. Didi Jünemann als Kardinal Joachim Meisner begegnet im leeren Kirchenraum Gott. Der ist („Mama?“) eine Frau - und was für eine. Als laszive Chefin erlaubt sie der heiligen Madonna Bauchtanz und macht ihrem Angestellten klar, dass er die Finger vom Richter-Fenster lassen soll. Das würde dieser am liebsten kaputt schmeißen, und er ruft, wie Adolf Hitler klingend, aus: „Wollt ihr den totalen Glasbruch?“ Wanninger setzt noch einen drauf. „Wenn jemand diesbezüglich so denkt wie ein Nazi, muss er auch so reden dürfen“, lautet ihre Abmoderation.

Das haben weder die Nummer noch die Präsidentin nötig, die eine ansonsten superstarke Sitzung hinlegt. Wanninger dichtet mit ihren Kolleginnen Alice Schwarzer einen „Penisneid“-Song an, züchtigt als Model-Trainer „Bruce Kamell“ Deutschlands „Super-Zuschauer“ und brüllt sich in einer 70er-Jahre-Hass-Rede maschinengewehrartig ihr Wohngemeinschafts-Trauma von der Seele.

Zum Brüllen finden die Stunker ebenfalls die Höhner und verarbeiten deren Lieder als Schrei-Chor im Stakkato zu einem grandiosen „Jode-Lade-Pizza-Fründe-Kölle-Kölle-Hätz-Hätz-Hätz!“-Geschnetzeltes. Darüber konnten sogar die Höhner Hannes Schöner, Jens Streifling und Peter Werner (waren zur Generalprobe eingeladen) lachen. „Die Nummer ist super gemacht. Wir fühlen uns sehr geehrt.“

Auch die SPD kann sich wiederfinden

Wiederfinden kann sich auch die SPD - als Wasserleiche in der Ermittler-TV-Serie CSI. Todesursache: im Selbstmitleid ertrunken. Und Oberbürgermeister Fritz Schramma wird von der Sitzungsband „Köbes Underground“ angedichtet: „Du hast nix kapiert, dich blamiert, die ganze Stadt hat sich für dich geniert.“ Schlimmer ergeht es nur noch Stefan Engels, der in einer FC-Bilanz („Warum bis Barcelona fahrn, verlieren können wir auch in Hahn“) als „Stevie Wonder unter den Talent-Scouts“ bezeichnet wird.

Und ein Multikulti-Bataillon der Bundeswehr legt erst einen Panzer tiefer und damit außer Gefecht und verteidigt dann Deutschland am Hindukusch friedlich - mit „Unterschicht-Sprache“ als Waffe, die alle in die Flucht schlägt: „Glotz misch nisch an! Bin isch Kinnno, oder was?“

Als Stadt, „die Kunst wollte, aber HA Schult bekam,“ und glaubt, ein pulsierendes Nachtleben zu haben, „weil sie einen Flughafen mit Nachtlande-Erlaubnis hat“, muss Köln herhalten. Bei der wahren Geschichte der Erschaffung der Welt - dargestellt in einem wunderschönen Schattenspiel - essen die Kölner als Einzige nicht vom Baum der Erkenntnis („Kenne mer nit, bruche mer nit“), zeichnen sich dafür aber aus durch das Talent, „sich auszuruhen, ohne müde zu sein“.

Romantischer sind nur die Dreharbeiten zu „RAF - Der Film“, bei denen Gudrun Ensslin (Doro Egelhaaf) und Andreas Baader (Christian Rzepka) zu „Vom Winde verweht“-Musik doch noch ein Happyend erleben und heute Delphine auf Mallorca züchten. Oder das bittersüße „AOK-Musical“ („Und immer, immer wieder gehn die Beine auf . . .“), bei dem sich ein Luxus-Privatpatient beim Moonwalk an der Gehhilfe in eine gesetzlich (Unter-) Versicherte verliebt. Selbst der Tod kann sie nicht trennen, weil die Himmelfahrt rückwärts passiert. „Die da oben nehmen nur Privatpatienten.“

Über den Wolken findet auch die Prunksitzung mit dem Dreigestirn der KG Seiner Tollität Luftflotte statt - mit einem echten Piloten als Prinzen (stimmt wirklich!), aber Veranstaltung im Flugzeug samt Stimmungsanweisungen an Bord. „Stellen Sie das Denken ein und bleiben Sie sitzen, bis die Gute-Laune-Zeichen über ihnen erloschen sind.“ Festkomitee, aufgepasst! Das wär' mal ein Drehbuch für eine originelle Prinzenproklamation!

Alle 44 Vorstellungen bis Karnevalsdienstag sind bis auf wenige Karten ausverkauft. Das WDR-Fernsehen zeigt Höhepunkte am 31. Januar um 22.30 Uhr, auf WDR 5 sind sie an dem Tag (20.05 Uhr) zu hören. Restkarten-Börse unter:

 www.stunksitzung.de



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