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„Der religiöse Hintergrund wird überzeichnet“

Erstellt 20.12.07, 20:59h

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Omid Nouripour
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Omid Nouripour
Der Grünen-Politiker Omid Nouripour (32) ist ein in Teheran geborener Muslim. Er lebt seit seiner Kindheit in Frankfurt / Main und ist über die hessische Landesliste der Grünen in den Bundestag gekommen.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Nouripour, Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat eine Studie über extremistisch-gewaltbereite Muslime publizieren lassen. Alles Panikmache?

OMID NOURIPOUR: So weit möchte ich nicht gehen. Nach einer ersten Durchsicht der Studie habe ich aber den Eindruck, dass der religiöse Hintergrund womöglich überzeichnet wird. Klar, wir haben ein Problem. Aber dieses Problem lässt sich nicht auf Islam oder Islamismus reduzieren. Insgesamt nimmt ja in der Gesellschaft das Eintreten für die Demokratie ab. Das ist die eigentliche Herausforderung für uns alle.

Konkret bitte . . .

NOURIPOUR: Die tendenzielle Schwächung der Demokratie lässt sich an vielen Punkten festmachen. Die Nazis in diesem Land zum Beispiel sind durchweg nicht-muslimischen Glaubens. Wenn wir mal die schlecht ausgebildeten jungen Männer ohne Islam-Hintergrund mit den schlecht ausgebildeten jungen Männern vergleichen, die sich dem Islam zugehörig fühlen - dann kommen wir zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Deshalb: Der Graben verläuft nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Nein, die Kluft, vor der wir stehen, das ist das Auseinanderdriften von Demokraten und Antidemokraten.

Was treibt aber zumindest einige Muslime in die Radikalität?

NOURIPOUR: Dafür gibt es eine Vielzahl von letztlich sehr individuellen Gründen. Das Kernproblem scheint mir zu sein: Wir schaffen es nicht, jedem Individuum in dieser Gesellschaft das Gefühl zu geben, ernst genommen zu werden.

Das liegt dann vor allem an jenen, die man als Mehrheitsgesellschaft bezeichnen kann?

NOURIPOUR: Diese erschreckende Aggressivität - das liegt an allen Akteuren unserer Gesellschaft, an Muslimen und Nicht-Muslimen. Ähnlich wie in Köln gibt es jetzt auch in meiner Heimat

stadt Frankfurt / Main einen erbittert geführten Streit um einen Moschee-Bau. Ich finde gut, dass die örtliche CDU das Projekt unterstützt. Gleichzeitig bekommt aber eine grüne Kommunalpolitikerin, die sich zum Islam bekennt und die ebenfalls für den Moschee-Bau eintritt, laufend Morddrohungen und steht deshalb unter Polizeischutz. Eine schockierende Erfahrung.

Und wie sehen Ihre persönlichen Alltagserfahrungen aus?

NOURIPOUR: Ich habe mal öffentlich erklärt, dass ich Muslim bin und gern Bier trinke. Sofort hat ein Ent

rüstungssturm eingesetzt. Auf meinem Internet-Gästebuch gibt es einen ständigen Meinungskampf zwischen Toleranten und Intoleranten. Leider melden sich die Intoleranten beider Seiten in letzter Zeit verstärkt zu Wort.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich kürzlich

dafür ausgesprochen, dass es auch mal einen CDU-Bundestagsabgeordneten geben sollte, der Muslim ist.

NOURIPOUR: Das fänd' ich prima. Jeder Mensch braucht gute Vorbilder. Und ein Muslim, der Demokrat ist, ist ein gutes Vorbild. Leider ist der Vorstoß von Frau Merkel von der CSU sofort gestoppt worden - unter Verweis auf das „christliche C“ im Parteinamen. Manchmal wünsche ich der Kanzlerin mehr Führungskraft.

Das Gespräch führte Jochen Loreck



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