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Süß ist der Traum von der Zukunft

Von TEXT: HELMUT FRANGENBERG BILD: STEFAN WORRING, 23.12.07, 22:18h

Von einem Moment auf den anderen wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen“, erinnert sich Jan-Christoph Neubert an jenen Tag im Januar, als ihn seine Chefin zum...

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Jan-Christoph Neubert wurde im Januar entlassen - und befreite sich aus eigener Kraft aus der Tristesse der Arbeitslosigkeit. Nun hat er sich mit einem Weinladen selbstständig gemacht.
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Jan-Christoph Neubert wurde im Januar entlassen - und befreite sich aus eigener Kraft aus der Tristesse der Arbeitslosigkeit. Nun hat er sich mit einem Weinladen selbstständig gemacht.
Von einem Moment auf den anderen wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen“, erinnert sich Jan-Christoph Neubert an jenen Tag im Januar, als ihn seine Chefin zum Gespräch bat. Neubert wurde entlassen, und weil er nur ein halbes Jahr Festanstellung vorweisen konnte, landete er geradewegs bei Hartz IV. Ein Absturz ins Bodenlose ohne Vorwarnung. Noch dazu schien der Traum von einem eigenen Laden zu platzen, für den er einen Teil seines Arbeitslohns zurücklegen wollte.

Jetzt, ein Jahr später, steht Neubert in einem einladend gestalte ten kleinen Raum, umringt von Weinflaschen und Schokoladentafeln. Der 38-Jährige berät seine Sülzer Kundschaft in Sachen Genuss und Gaumenfreuden und verkauft „ausgefallene, spannende Weine“ aus biologischem Anbau oder von Winzern, die er persönlich kennt. Außerdem ist er zu einem Schokoladen-Spezialisten geworden. Das passe hervorragend zusammen, die Kombination liege voll im Trend. Genau wie Wein unterscheide man bei Schokolade nach Anbaugebieten und Jahrgängen. Neubert schwärmt von der Entdeckung neuer Geschmacksrichtungen, frohen Menschen, die ihn dankbar verlassen, und „der Lust an der Arbeit“.

Der Mann hat aus eigener Kraft die Kurve bekommen. Er hat sich schnell alle nötigen Informationen besorgt, die man braucht, um sich als Arbeitsloser selbstständig zu machen. Auf einmal wurde der Traum vom eigenen Laden ganz konkret. Die oft gescholtene Hartz-IV-Gesetzgebung bietet nämlich auch Chancen, wenn man die Bestimmungen kennt und bereit ist, viel Eigeninitiative aufzubringen. Neubert hat im hinteren Raum des Buchladens „Sülzer Bücherbär“ an der Berrenrather Straße ein so genanntes „shop in shop“-Konzept realisiert. „Weinlese“ nennt er sein Geschäft.

Ein selbständiger Geschäftsmann muss fleißig sein: Rund 60 Stunden die Woche steht Neubert hinter seiner kleinen Theke. Und das ohne einen Euro Gewinn. „Alles, was ich einnehme, gebe ich direkt für neue Waren wieder aus.“ 250 Euro bekommt er von der Arge als Existenzgründerzuschuss. Davon bezahlt er die Miete für seinen Laden. Außerdem bezieht er vorläufig weiter Arbeitslosengeld II: Von 570 Euro gehen 320 Euro für die Wohnungsmiete ab, rund 100 Euro für „Altlasten“, bleiben 170 Euro zum Leben. „Man muss sich arg einschränken, aber es geht.“ Ein mageres Einkommen für so viel Einsatz. Doch das ist Neubert egal: „Die Hauptsache ist, dass ich eine schöne Arbeit habe.“

Die Arbeitslosigkeit könne einen „wahnsinnig machen“, erinnert er sich an schwere Monate in diesem Jahr. „Es macht einen verrückt, wenn man nichts zu tun hat.“ Es drohe die Vereinsamung, weil man nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben könne. Es sei für ihn klar gewesen, das so schnell wie möglich wieder zu ändern. Seine Erfahrungen mit der Arge, der für die Hartz-IV-Betroffenen zuständigen, in diesen Tagen so heftig kritisierten Arbeitsgemeinschaft von Stadt und Arbeitsagentur, sind unterschiedlich.

Er sei sehr gut beraten und begleitet worden, sagt er. Die finanziellen Hilfen, die er jetzt bekomme, würden es ihm ermöglichen „langsam“ und „geduldig“ die Geschäftsidee in Sülz zu etablieren. Weniger erfreulich waren seine Erfahrungen mit den bürokratischen Hürden, die er auf seinem Weg überwinden musste. Die Bearbeitung seines Antrags habe „endlos“ lang gedauert. Immer wieder seien neue Formulare nötig gewesen, „von denen bis dahin keiner wusste, dass sie überhaupt existieren“. Schon Ostern sei er startklar gewesen - Raum und Wein seien vorhanden gewesen, aber die Arge habe ihn nicht gelassen. „Es ist schon paradox, wenn man arbeiten möchte und kann, aber nicht darf.“ Er sei gezwungen worden, mitten in der Sommerferienzeit zu eröffnen - kein guter Start. „Es gab Tage, da kam kein Mensch.“

Heute, am Heiligen Abend, wird das anders sein. Neubert ist der richtige Berater für Geschenke in letzter Minute. Danach wird er zu seinen Eltern nach Treie an der Treene in Schleswig-Holstein fahren, um dort das Weihnachtsfest zu verbringen. Nach einem „Riesenessen“ wird die Familie - Neubert hat sechs Geschwister - von ihm ausgesuchte Weine probieren. Da wird er mit seiner Familie, die ihm genau wie viele Freunde den nötigen Halt in schwerer Zeit gegeben hat, darauf anstoßen, dass im nächsten Jahr „noch mehr Liebhaber von Wein, Büchern und Schokolade den Weg zu uns finden“. Sein größter Wunsch ist, sich aus der Abhängigkeit von Hartz IV zu befreien. Dafür wird er noch etwas Zeit brauchen. Solange werden mögliche Gewinne aus seinem Geschäft aufs Arbeitslosengeld angerechnet. Das stört ihn zurzeit wenig: „Das Wichtigste ist, dass ich wieder eine Perspektive habe.“

Weinlese, Berrenrather Straße 199, Sülz, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 19 Uhr, Samstag 9 bis 16 Uhr, Telefon 02 21 / 43 08 29 73



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