Von JAN W. BRÜGELMANN, 27.12.07, 23:26h
Es habe in China noch nie an Arbeitskräften gemangelt, lediglich an Fachkräften im Managementbereich und in hoch spezialisierten Produktionsprozessen. Und was an eigen entwickelter Technologie nicht zur Verfügung stehe, lasse sich auf dem Weltmarkt kaufen.
Cremer hob hervor, dass das zentralistisch gesteuerte Ausbildungs- und Forschungswesen sehr effektiv sei, wodurch der Mangel an Fachkräften überwunden werden könne. Auch die 1994 gegründete CEIBS, ein Gemeinschaftsprojekt der Chinesischen Regierung und der EU-Kommission, leiste hier einen wesentlichen Beitrag. Bis Ende 2006 haben mehr als 7000 Studenten ein Managementstudium und weitere 57 000 leitende Angestellte eine Zusatzausbildung absolviert.
Die aktuelle Entwicklung in China nannte Cremer einen „historischen und fundamentalen“ Prozess. „Er ist nichts Geringeres als der Beginn eines neuen Lebenszyklus der chinesischen Zivilisation.“ Das drücke sich auch darin aus, dass die Chinesen im Unterschied zu vielen Europäern und Amerikanern der Globalisierung ausnahmslos positiv gegenüberstünden. „Deutsche oder
Franzosen können noch positive Erinnerungen an vergangene Zeiten haben, aber in China sehnt niemand den alten Feudalstaat oder den Kommunismus zurück.“ Auch wenn Mao Tse-tungs katastrophale Wirtschaftspolitik zuweilen zu Hungerkatastrophen mit mehreren Millionen Opfern geführt habe, so bleibe seine große Leistung, dass er die Ungleichheit im Landes abgeschafft, ein Gesundheitssystem eingeführt und den Analphabetismus erfolgreich bekämpft habe. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sei nicht mit früher vergleichbar. „Der neue Wohlstand kommt ja jetzt nicht nur einer kleinen Gruppe von Menschen zugute, sondern entlang den Wachstumszentren an der Ostküste 300 Millionen Menschen und mehr, die nun eine neue Mittelschicht zu bilden beginnen.“
Chinas Wachstumsprozess ist nach Cremers Überzeugung entscheidend für das Überleben des Führungsanspruches der Kommunistischen Partei: „Die chinesische Politik legitimiert sich nicht durch Wahlen, sondern in den Augen der Chinesen durch wirtschaftlichen Erfolg. Sie kann sich nicht erlauben, wirtschaftlich zu scheitern, denn dann ereilt sie das Schicksal der politischen Führung in der Sowjetunion und der DDR.“ Die im Westen bemängelten Demokratiedefizite träfen zwar zu, dennoch habe sich in jüngster Zeit vieles zum Positiven entwickelt.
Mehr Transparenz
Politische Entscheidungsprozesse seien transparenter geworden, weil Chinas Medien mutiger geworden seien, sagt Cremer. Sicher spielten Debatten über mehr demokratische Freiräume eine Rolle in der chinesischen Elite, aber im Westen werde gerne übersehen, dass unsere demokratischen Systeme für Chinesen nicht unbedingt vorbildlich seien, denn sie können auch zu „schweren Fehlentscheidungen wie etwa dem Irak-Krieg“ führen.
Die schlimmen Folgen des wirtschaftlichen Booms für die Umwelt in China sind in Cremers Augen eine Herausforderung für die internationale Gemeinschaft. „Sowohl China als auch Indien haben ein Recht, sich zu entwickeln. Die Klimakonferenz in Bali hat zu Recht festgestellt, dass auch die Industrieländer einen Beitrag leisten müssen.“ Dass die Chinesen aber auch einen eigenen Beitrag zu mehr umweltverträglichem Wachstum zu leisten bereit sind, erkenne man auch daran, dass erhebliche Forschungsaufwendungen für die Entwicklung schadstoffarmer Hybridmotoren getätigt werden.
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