Erstellt 30.12.07, 15:33h
auf diesem Wege möchte ich Ihnen meine Solidarität aussprechen. Ich wünsche Ihnen genügend Kraft und eine dicke Haut, an der die Vorwürfe abprallen, die derzeit nach der Ausstrahlung Ihres jüngsten „Tatort“-Krimis auf Sie einprasseln. Der Protest seitens der alevitischen Verbände über die angeblich anti-alevitischen Tendenzen Ihres Films sind sehr gekünstelt und dick aufgetragen: ein Sturm im Wasserglas. Meiner Überzeugung nach sehen die Funktionäre Ihren Krimi als willkommene Gelegenheit, ordentlich die Werbetrommel in eigener Sache zu rühren. Und das auf Ihrem Rücken!
Ich sage Ihnen, Frau Maccarone, ich bin es persönlich leid, dass Interessengruppen jedweder Art immer wieder nichtige Anlässe nutzen, um ihre eigenen egoistischen Ziele zu verfolgen - siehe den Karikaturenstreit vor einiger Zeit. Das soziale und friedliche Miteinander bleibt dabei all zu oft auf der Strecke und dieses Mal Sie gleich mit!
Natürlich ist es wahr: Die Aleviten sind verfolgt worden, und es existiert auch ein Stigma, das Aleviten in die Nähe inzestuösen Verhaltens rückt. Das sind alte Vorurteile, die etwa daher rühren, dass bei den Aleviten Männer, Frauen und Kinder gemeinsam beten - offensichtlich Grund genug für manche, eine blühende Phantasie zu entwickeln. All diese Klischees sind dummdreist und pauschaler Nonsens! Und so hätte es auch jeder verstanden, wenn die alevitischen Verbände etwa eine Protestnote herausgegeben hätten, so wie es eben auch das Katholische Erzbistum tut, wenn Kardinal Meißner wieder einmal auf Kabarettbühnen hochgenommen wird. Aber gleich eine Demonstration? Eine Anzeige wegen Volksverhetzung? Gar ein Brief an Bundesinnenminister Schäuble? Was hat der denn damit zu schaffen, wenn die ARD einen umstrittenen Film ausstrahlt? Ja, wo leben wir denn? Es muss also ein ganz besonderes Beben den Tsunami im Wasserglas erzeugt haben: Ich glaube, Ihr Film ist den Verbänden ein willkommener Anlass, eine Werbebotschaft in eigener Sache heraus zu posaunen - zur besten Sendezeit und die Aufmerksamkeit bekannter Tageszeitungen inklusive!
Die Botschaft ist: „Aleviten sind die besseren Muslime, Aleviten sind liberal und demokratisch und damit moderner als ihre hinterwäldlerischen sunnitischen Brüder und Schwestern.“ Das organisierte Alevitentum nutzt die Chance, sich von den Sunniten abzugrenzen: „Wir sind die Guten, ihr die Schlechten!“ Damit widerspricht es völlig der alevitischen Philosophie von Toleranz und Menschenliebe.
Mir tut es persönlich leid, dass dieser Rosenkrieg auf Ihren Schultern ausgetragen wird. Und dass noch mehr Gräben zwischen Gruppen in unserer Gesellschaft aufgerissen werden, die nicht sein müssten. Frau Maccarone, Ihr nächster „Tatort“ ist schon abgedreht, und dieses Mal geht es um Schrebergartenbesitzer. Ich kann nur hoffen, dass diese Gruppe wenigstens gelassener und selbstironischer reagiert als die Aleviten - ohne Anzeige wegen Volksverhetzung zu stellen. Andernfalls würde es mir um die Kunst- und Kulturfreiheit Angst und Bange werden.
Herzlichst,
Ihre Lale Akgün
Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion
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