Von MARIANNE KOLARIK, 01.01.08, 20:21h
„Haben Sie Feuer?“ Mit diesen Worten begann früher oft ein hübscher kleiner Flirt. Heute muss der Raucher damit rechnen, mit strafenden Blicken bedacht zu werden. Kaum eine Debatte wird derzeit emotionaler und nicht selten irrationaler geführt als die über den Sinn und die Folgen von Rauchverboten. Daran wollen wir uns hier nicht beteiligen. Lassen wir stattdessen Menschen zu Wort kommen, die die segensreichen Seiten des blauen Dunstes beschworen haben: Dichter, Philosophen und Künstler, die sich auf die eine oder andere Weise mit Situationen beschäftigt haben, die ohne ihre diversen Rauchwaren undenkbar sind. Gönnen wir uns einen kleinen Streifzug durch die Kulturgeschichte des Rauchens.
Zum Beispiel mit Hans Castorp, dem „Held“ des „Zauberbergs“ von Thomas Mann, ein Roman, der im Tuberkulose-Sanatorium Berghof in der Nähe von Davos spielt. Dort besucht Castorp seinen Vetter Joachim Ziemßen - und bleibt sieben Jahre. Auf einem Spaziergang sagt er: „Ich verstehe nicht, wie jemand nicht rauchen kann - er bringt sich doch, sozusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn ich aufwache, so freue ich mich, dass ich tagsüber werde rauchen dürfen, und wenn ich esse, so freue ich mich wieder darauf, ja ich kann sagen, dass ich eigentlich bloß esse, um rauchen zu können.“
Thomas Mann war Raucher. Ein Tag ohne Tabak wäre für ihn der Gipfel der Schalheit, lässt er seinen Protagonisten weiter sagen: „Ich glaube, ich fände nicht den Mut aufzustehen.“ Mit einer guten Zigarre fühle man sich geborgen. „Es kann einem buchstäblich nichts geschehen.“ Castorp findet für seine Zigarre namens „Maria Mancini“ schwärmerische Worte wie andere sie für die Beschreibung ihrer Geliebten benutzen.
Erst in der Gemeinschaft entfaltet sich die ganze kommunikative Kraft des Rauchens, ein Ausdruck der Gastfreundschaft wie der Ich-Erzähler in Prosper Mérimées „Carmen“ seine Begegnung mit Don Jose beschreibt: „In Spanien bringt der Austausch oder das Anbieten und Annehmen einer Zigarre schon fast freundliche Beziehungen zuwege, wie im Orient das Teilen von Brot und Salz zwischen zwei Personen.“ Die gemeinsame Rauchzeremonie löst die Zunge: „Mein Unbekannter wurde auf einmal gesprächiger.“ Dass die Indianer nicht nur als „Erfinder“ des Rauchens gelten und Feinde zu Freunden wurden, nachdem man gemeinsam eine Friedenspfeife geschmaucht hat, ist ein weiterer Beleg für die beruhigende Wirkung von Rauchwölkchen aufs menschliche Gemüt.
Wer glaubt, die gegenwärtigen „Teufelsaustreibungen“, mit denen Raucher aus der Öffentlichkeit verbannt werden, seien eine Errungenschaft der Neuzeit, muss sich übrigens eines Besseren belehren lassen: Rauchverbote sind so alt wie das Rauchen selbst. Seinen Siegeszug trat der Tabak allerdings erst Ende des 16. Jahrhunderts mit Jean Nicot an, ein französischer Gesandter am Hofe zu Lissabon, dem die in Europa bisher weitgehend unbekannte Pflanze ihren Namen verdankt. Mit ihr kamen die Angriffe weltlicher und geistlicher Regierungen, denn die Geschichte des Rauchens ist auch eine vom Kampf gegen die Lust und Sinnlichkeit.
So veröffentliche der 1603 in England inthronisierte Jakob I. ein wütendes Traktat gegen das Rauchen in dem er es mit den Worten anprangerte: „Das Erbgut manchen jungen Edelmannes wird ganz erschöpft und verfliegt mit dem Dampf dieses Rauches rein in nichts. . .“ 1634 drohte Zar Michael Feodoro in Russland seinen rauchenden Untertanen, ihnen die Nase abzuschneiden und der türkische Sultan Murad IV. (1623-1640) soll Tabak-Verkäufer eigenhändig mit dem Säbel geköpft haben.
Doch zurück zu denen, die sich von keinem Verbot einschüchtern ließen: Der französische Komödienschreiber Molière (1622-1673) etwa preist den Schnupftabak mit den Worten: „Nicht nur erfrischt und reinigt er das Gehirn, nein, er leitet sogar die Seele zur Tugend. Aristoteles und die ganze Philosophie mögen sagen, was sie wollen, es gleicht doch nichts dem Tabak. Er ist die Leidenschaft der honetten Leute, und wer ohne Tabak lebt, ist nicht würdig, zu leben.“
Der Meinung war offenbar auch Mark Twain (1835-1910), der von seinen Pfeifen schwärmte: „Es gibt ein tiefes Gefühl des Wohlbehagens, vor seinem eigenen Kaminfeuer und dem Pfeifenständer zu sitzen.“ Und dass Kommissare wie Sherlock Holmes oder Maigret ohne ihre Pfeifen auch nur einen Verbrecher zur Strecke gebracht hätten, ist schlicht unvorstellbar.
Aberwitzig wäre dagegen die Vorstellung von einer rauchfreien Zone in „Rick's Café Americain“ aus dem Film „Casablanca“. Humphrey Bogart mit Lutschbonbons im Mund und stillem Wasser im Whisky-Glas - ausgeschlossen!
Magisch ist schon der Moment, in dem das Streichholz entflammt: ein Augenblick der Kontemplation und - bei aufgeweckten und freien Geistern - möglicherweise auch der der Inspiration. Oscar Wilde: „Der Genuss einer guten Zigarre lässt uns an Zeiten zurückerinnern, die es gar nicht gegeben hat.“
Die Asche als kaltes Überbleibsel suggeriert das - sinnlos erscheinende - Ende der zuvor genossenen Lust, die nie ganz befriedigt wird. „Weil Rauchen aus Sicht der Lebenserhaltung sinn- und nutzlos ist, erhebt es sich über die Zwänge der Naturgesetze und ermöglicht den vorübergehenden Austritt aus dem Strom kausaler Ketten“, beschreibt Imre von der Heydt in „Rauchen Sie?“ (DuMont Verlag) den provozierenden Aspekt des Rauchens, der eng verknüpft sei mit dem Triumph der Freiheit. „Ich rauche, trinke schwarzen Kaffee, schlafe zu wenig, mache zu wenig Bewegung und bin auf diese Weise 70 Jahre alt geworden“, schrieb der österreichische Erzähler Friedrich Torberg (1908-1979). „Vielleicht wäre ich bei gesünderer Lebensführung heute schon 75 oder 80, aber das lässt sich schwer feststellen.“
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