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US-Boot-Camps: Schinden und Schikane als Prinzip

Von MARKUS GÜNTHER, 03.01.08, 23:41h, aktualisiert 05.01.08, 10:33h

Der 15-Jährige wurde angeschrien und geschlagen - und überlebte den Drill nicht. Die harten „boot camps“, die sich einige Politiker für Deutschland vorstellen können, sind auch in Amerika umstritten.

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Ein "Ausbilder" und jugendliche Straftäter in einem Erziehungslager in North Carolina.
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Ein "Ausbilder" und jugendliche Straftäter in einem Erziehungslager in North Carolina.
Washington - Martin Anderson machte schon am ersten Tag schlapp. Der jugendliche Drogenkonsument war im Januar 2006 gerade durch die Aufnahmeprozedur im Verwaltungsgebäude gegangen, da nahmen ihn die Wärter auch schon hart ran: Liegestütze, Dauerlauf, hinwerfen, aufstehen, Hindernisse übersteigen, weiterlaufen. Er war noch keine zwei Stunden im Lager, da fiel er schon erschöpft in Ohnmacht.

Die Wärter schrien ihn an, schlugen ihn, versuchten mit Riechsalz, ihn wieder auf die Beine zu bringen, und verlangten, dass er weiterlaufe. Anderson fiel in ein tiefes Koma und starb am nächsten Tag an den Folgen eines akuten Sauerstoffmangels. Zwei Wochen später wäre er 15 Jahre alt geworden.

Andersons Fall ist der vielleicht spektakulärste, gleichwohl nicht einzige Fall eines jugendlichen Delinquenten, der die jetzt auch in Deutschland vieldiskutierten amerikanischen „boot camps“ (Erziehungslager) nicht überlebt hat. 30 Todesfälle, so ermittelte die New York Times, soll es in den letzten 20 Jahren gegeben haben, allerdings sind die Todesursachen im Einzelfall sehr unterschiedlich. Doch während viele Fälle kaum Aufsehen erregen, hatte der Fall von Martin Anderson weitreichende Konsequenzen: Der damalige Gouverneur von Florida, Jeb Bush, entschuldigte sich bei den Eltern und ließ alle Erziehungslager des Staates schließen. Die Drill-Offiziere, die Anderson gequält hatten, wurden wegen Totschlags angeklagt - allerdings aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Nicht nur der Staat Florida, auch die Bundesregierung in Washington hat inzwischen alle „boot camps“ („boot“ wegen der schweren Stiefel, die dort getragen werden) abgeschafft. Zur Begründung heißt es, eine geringere Rückfallquote im Vergleich zu Tätern, die in normalen Gefängnissen untergebracht werden, sei nicht nachweisbar. Doch noch gibt es in mehr als der Hälfte aller Bundesstaaten staatliche Erziehungslager. Die Idee, Anfang der 80er Jahre in Georgia und Oklahoma erstmals praktiziert, lautet: Disziplin und militärischer Drill stärken das Selbstvertrauen und die Selbstkontrolle gefährdeter Jugendlicher. Meist dauern die Aufenthalte zwischen drei und sechs Monate und ersetzen Arrest- und Gefängnisstrafen von wesentlich längerer Dauer. In einigen US-Bundesstaaten und auch in Kanada können die verurteilten Jugendlichen selbst zwischen einem längeren Gefängnisaufenthalt und den Strapazen des Camps entscheiden.

Helfen die Lager tatsächlich, Jugendliche auf den rechten Weg zu bringen? Bei allen Informationen über die US-Erziehungscamps sind Vorsicht und Skepsis angebracht. Fast jeder Bericht in den Medien, aber auch die meisten „wissenschaftlichen“ Studien über die Wirksamkeit der Erziehungsprogramme verfolgt ein politisches Ziel. Den einen geht es darum, die Lager als Ausgeburt faschistoider Law-and-Order-Politiker zu verteufeln; die anderen wollen beweisen, dass den Teenagern die militärische Härte nur guttut.

Viele Missbrauchsfälle

Tatsache ist, dass viele Missbrauchsfälle bekannt geworden sind. Da die Wärter den ausdrücklichen Auftrag haben, den Jugendlichen keinerlei Faulheit oder Frechheit durchgehen zu lassen, kommt es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen. Auch gibt es Psychologen, die davor warnen, dass die Erfahrung von Härte und Aggressivität nicht immer zu Disziplin und Problembewusstsein führt, sondern oft nur zu noch mehr Aggression. Die Erwartungen, die in den 80er und 90er Jahren in die Lager gesetzt wurden, haben sich größtenteils nicht erfüllt.

Allerdings gibt es immer noch Fachleute, die glauben, dass ein Lageraufenthalt für bestimmte Jugendliche eine hilfreiche Schocktherapie sein kann. Timothy Hoover, der als Pflichtverteidiger im Staat New York kriminelle Jugendliche vertritt, sagt: „Von meinen Kunden, die ins »boot camp« gehen, sehe ich nur die wenigsten wieder.“ Hinzu komme, dass die Lagerinsassen selbst mit ihrer Situation zufriedener seien als Häftlinge in der Jugendstrafanstalt.

Auch viele Eltern glauben trotz der öffentlichen Kritik offenbar weiter an den segensreichen Effekt eines Camp-Aufenthalts. Während die staatlichen Lager in die Kritik geraten sind, boomt der Markt der privaten, die den Drill als kostenpflichtiges Ferienangebot oder eine Art Erziehungsanstalt samt Schulunterricht anbieten. Ab 2000 Dollar pro Monat können Teenager in einem der mehr als 100 privaten Camps untergebracht werden. Als Maßstab der „angemessenen“ Härte geben die Betreiber an, den Jugendlichen nicht mehr abzuverlangen als Rekruten in den Ausbildungslagern der US-Armee.



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