Von ANJA KATZMARZIK, 04.01.08, 20:40h
„Irgendwo einen Ausbildungsplatz finden“, wünscht sich der 20 Jahre alte Markus (alle Namen geändert). Realschulabschluss hat er und kassiert doch nur Absagen auf seine Bewerbungen. „Letzte Woche habe ich wieder sechs geschrieben.“ Neben ihm träumt Taner (18) von einem kaufmännischen Beruf. Doch er hat gar keinen Abschluss.
In der Malerwerkstatt der Jugendhilfe in Meschenich versuchen sie, ihre Chancen zu verbessern, und Marcus Queisser, der sie anleitet, lobt „seine“ Jungs: „Die sind weiter als im ersten Lehrjahr. Die sind absolut top.“ Aber sie wohnen am „Kölnberg“, wie die drei Hochhausblocks draußen vor der Stadt - umringt von lange nichts als weiten Feldern - auch genannt werden. Allein die Adresse schreckt manchen Arbeitgeber ab.
In den Hochhausbauten „An der Fuhr“ leben 4000 Menschen aus 60 Nationen. Die Jugendhilfe ist sehr präsent. Was der Verein in den 80er Jahren als ein Projekt für jugendliche Arbeitslose begann, ist längst auch zu einer Hilfe für Erwachsene geworden. Gezwungenermaßen, weil auch ältere Menschen immer öfter von Arbeitslosigkeit betroffen waren.
Das Leben der jungen Menschen ist von Perspektivlosigkeit geprägt. „Die Jugendlichen kommen hier schwer weg“, weiß Diplompädagogin Melanie Freund. „Das ist ein ganz großes Vermittlungshemmnis.“ Die Motivation dagegen sei häufig sehr groß. „Die wollen raus hier.“ Angebote von Initiativen wie der Jugendhilfe, die „wir helfen“ unterstützen will, sind für viele die einzige Hoffnung. „Hier weiß jeder, wo unser Büro, unsere Malerwerkstatt und unsere Jobbörse sind.“
In einer Zwei-Zimmer-Wohnung eines ganz gewöhnlichen Hochhauses in der Siedlung hat die Jugendhilfe ihre „Kompetenzagentur“. Näher dran und damit niedrigschwelliger geht es nicht. „Das spiegelt auch die Lebensverhältnisse. Alle anderen wohnen ja schließlich auch hier.“ Mitarbeiter besuchen Hauptschulen, Jugendzentren und informelle Plätze auf der Straße, „vor der Tür“. „Aber wir quatschen nicht jeden an“, so das Motto der Helfer. Zumeist freiwillig und von sich aus suchten dennoch 200 junge Menschen aus dem Stadtbezirk Rodenkirchen, wozu auch der Stadtteil Meschenich gehört, im Jahr 2006 hier Rat. Eine zweite Agentur befindet sich in der Südstadt.
20 Prozent der Jugendlichen, die hier wohnen, sind schon einmal mit der Polizei in Konflikt gekommen, 80 Prozent haben Erfahrungen mit Drogen, „weil sie mit den falschen Leuten an der Ecke standen“. Die Jüngsten in den Werkstätten sind 16 Jahre, in die Kompetenzagentur kommen bereits 14-Jährige.
Die Erfahrungen der Jugendlichen mit Gewalt, die eigene Bereitschaft zur Gewalt und Aggression „sind jeden Tag auf unseren Baustellen präsent“. Die Unfähigkeit, mit frustrierenden Erlebnissen umzugehen, ist allgegenwärtig. Das kann eine Absage auf eine Bewerbung oder Kritik an der Arbeitsweise sein. Fehler einzugestehen und Neues hinzulernen fällt oft schwer.
Aber auch schlimme Ausraster außerhalb des Betriebes werden Thema. So etwa der Fall des Mädchens aus dem Werkstattjahr. Die 17-Jährige hat eine KVB-Mitarbeiterin krankenhausreif geschlagen, nur weil diese ihren Fahrschein sehen wollte. Da vermittelten die Werkstattbetreuer zwischen Tochter und Mutter und stellten den Kontakt zur Jugendgerichtshilfe her. Diesen Monat soll die Verhandlung vor Gericht sein.
Das sind Extreme. Aber es gibt auch Erfolgserlebnisse wie das mit dem ehemaligen Teilnehmer der „Sprungbrett“-Maßnahme für junge Leute unter 25 Jahren. Er arbeitete zunächst als Verwaltungskraft für die Jugendhilfe, absolvierte anschließend erfolgreich eine Lehre zum Kfz-Mechaniker und kehrte dann als Zivildienstleistender nach Meschenich zurück. „Der denkt jetzt in Richtung Meisterschule“, berichtet Recht stolz.
Die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, sei groß. Nicht nur Familien mit Migrationshintergrund sind dankbar für „Übersetzer“ beim Ausfüllen von Anträgen. „Auch Deutsche verstehen das Amtsdeutsch vieler Behörden überhaupt nicht. Dass wir beim »Übersetzen« helfen, spricht sich schnell herum.“ Deutschkurse und Unterricht in Alltagsrecht sind ebenfalls sehr gefragt. „Das ist eine Riesenbaustelle“, so Diplomsozialpädagoge Florian Kalweit.
Die Werkstattarbeit inklusive Begleitung nebenher und Nachbereitung ist präventiv angelegt. „Misserfolgskarrieren“ wie von Siebtklässlern, die bereits die Schule abbrechen, versucht die Jugendhilfe zu unterbrechen, bevor es zu unheilvollen Taten kommt. Dabei werden in der täglichen Arbeit Pünktlichkeit, Flexibilität und Selbständigkeit gelernt.
Carla Recht, Abteilungsleiterin Soziales und Qualifizierung bei der Jugendhilfe Köln, wünscht sich mehr Zeit und Mitarbeiter, um länger als ein Jahr für die Jugendlichen aus dem Projekt da sein zu können. „Eine 16-jährige Sozialisation, die lässt sich nicht so einfach auf den Kopf stellen.“ Man „könnte locker ein weiteres halbes Jahr brauchen nur für die Arbeitsplatzsuche“. Doch dafür fehlt das Geld.
In der Maßnahme „Sprungbrett“ befinden sich zurzeit 110 Teilnehmer bei der Jugendhilfe. Für sie reichen in den Augen der Profis keine vereinzelten Trainings. „Sie müssen kontinuierlich trainiert, beraten und begleitet werden.“
Für „Kinder, die schon in den Brunnen gefallen sind“, gebe es Trainings, wenn eine Tat passiert ist. Und Melanie Freund fragt sich: „Doch warum muss es denn erst immer zu einer Anzeige kommen?“
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Hedwig Neven DuMont
Viele Kinder leiden unter Depressionen, Lernbehinderungen und Krankheit. Manche werden als „sozial gestört“ abgestempelt. Sie alle brauchen unsere Hilfe. Hilfe, um aus ihrem dunklen seelischen Loch herauszukommen. Hilfe durch gesunde Freizeitangebote und das Teilhaben an Sport und anderem mehr.
Diese Kinder müssen wir an die Hand nehmen und ihnen eine Chance geben, körperlich und seelisch zu gesunden. Unser Thema bis Oktober 2012 lautet deshalb: „wir helfen – um alle Kinder hier an die Hand zu nehmen.“

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