Von HEINZ TUTT, 09.01.08, 19:39h
Düsseldorf - Der 22-jährige Ken J. sitzt schüchtern eingesunken auf dem Zeugenstuhl im aufwendig gesicherten Prozessgebäude des Düsseldorfer Oberlandesgerichts. Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss, der sich seit Monaten müht, die Umstände des Foltermordes im Siegburger Gefängnis aufzuhellen, tagt hier aus Sicherheitsgründen. Der junge Mann verbüßt noch eine Haftstrafe.
Ken J. soll den Landtagsabgeordneten schildern, wie er den Alltag im Siegburger Knast erlebt hatte. Dorthin war er vor drei Jahren gekommen. Und dort lebte er in Angst und Schrecken vor seinen Mitgefangenen, glaubt man seinen Schilderungen. „Die Wärter schauten einfach weg“, berichtet er dem Ausschuss.
Die Aufsichtsbeamten hätten stets tatenlos zugesehen, wenn er von russischen Mithäftlingen verprügelt worden sei. „Wenn du auf die Alarmanlage drückst, machen wir dir das Leben zur Hölle“, hätten ihm die Schläger zudem gedroht.
Ken J. berichtet weiter, er habe seine monatlichen privaten Einkäufe an seine Peiniger abgeben müssen. Ein ausländischer Gefangener nimmt ihm seinen Schmuck weg. Danach in der Zelle gesessen und geheult, wird in den Akten dokumentiert. Als ein Wärter von ihm erfährt, wer ihm den Schmuck gestohlen hat, erhält er diesen zwar zurück, wird aber wegen dieses „Verrats“ kurz danach verprügelt.
Im ersten halben Jahr seiner Haft in Siegburg bittet er achtmal um Verlegung aus der Anstalt, doch niemand der Bediensteten habe sich um ihn gekümmert. Dabei müssen die Machenschaften dem Personal sehr wohl bekannt gewesen sein. Der SPD-Abgeordnete Thomas Stotko zitiert aus einem Aktenvermerk eines Bediensteten: „Herr J. spricht von Unterdrückung. Sein Leidensdruck ist sehr groß, und ich kann nicht beurteilen, wie gefährdet er ist.“ Offiziell habe J. nicht verlegt werden dürfen, weil er einen halbjährigen Schulkursus im Gefängnis besuchte. Den absolvierte er mit Erfolg. Nach dem Unterricht habe er allein sein wollen, berichtet der junge Mann. Doch gegen seinen Willen seien andere Häftlinge in seine Zelle gekommen, die ihn oft verprügelt hätten. Sogar auf der Sanitätsstelle habe es Schläge gesetzt, „und alle guckten weg“, sagt Ken J.
Seine Leidensgeschichte hatte er schon einmal einer Richterin erzählt, die wegen einer vorgetäuschten Geiselnahme gegen ihn verhandelte. Nach der Gerichtsverhandlung wurde Ken J. in die Haftanstalt Geldern verlegt. „Dort ist es viel besser. Da habe ich Vertrauen“, erzählt er den Landtagsabgeordneten.
Das SPD-Ausschussmitglied Frank Sichau nannte die Schilderungen eine „beklemmende und schockierende Darstellung“. In der nächsten Sitzung des Rechtsausschusses solle Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) befragt werden, „ob diese Quälerei hinter Gitter Alltag in unseren Gefängnissen ist.“ (mit dpa)
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