Schriftgröße

Die Macht der Tränen

Von NINA SCHMEDDING, 31.07.13, 09:02h

Hillary Clinton zeigte Gefühle, andere Prominente taten es vor ihr. Berühmte Persönlichkeiten können damit Pluspunkte sammeln. In unseren Alltag und Berufsleben ist das allerdings nur begrenzt anwendbar.

Bild: afp
Bild vergrößern
Tief betrübt: Hillary Clinton
Bild: afp
Bild verkleinern
Tief betrübt: Hillary Clinton
Eine gebrochene, heisere Stimme, ein Kloß im Hals, feuchte Augen - und schon stiehlt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und rinnt die Wangen herunter. Ob aus Rührung, Selbstmitleid, Trauer, Enttäuschung, Erschöpfung oder Verzweiflung: Gründe zu weinen gibt es viele. Am Arbeitsplatz, auf einer Party oder im Supermarkt passiert der Tränenausbruch aber in der Regel nicht. Wer weinen muss, tut das meistens allein im Kämmerchen oder aber in Beisein einer Person seines Vertrauens. Wen es trotzdem unvermutet im Büro überkommt, dem ist dieser Gefühlsausbruch peinlich - als hätten die anderen ihn bei einer Schwäche ertappt.

Anders die Prominenz: In schöner Regelmäßigkeit sehen wir Politiker, Schauspieler oder Sportler vor laufenden Kameras ein Tränchen verdrücken, sei es Kati Witt aus Wehmut über die beendete Eislaufkarriere oder Erik Zabel, der wegen unerlaubten Dopings mutmaßliche Tränen der Reue weint. Zuletzt US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, bei der die Tränen kurz vor der Abstimmung in New Hampshire in Erwartung einer Niederlage augenscheinlich recht locker saßen - was ihr möglicherweise zwei Tage später den überraschenden Sieg der Vorabwahl bescherte. Zumindest lautet so die Analyse einiger Kommentatoren: Angeblich hätten gerade deshalb viele Frauen für Clinton gestimmt, weil sie die bis dato unbekannte emotionale Seite der Kandidatin in letzter Sekunde überzeugt habe.

Sind Frauen für Tränen empfänglicher als Männer? Der Wiener Tränenforscher Ulrich Kropiunigg bejaht das klar. „Frauen zeigen eher Gefühle als Männer, deshalb weinen sie auch eher. Hillarys Gefühlsausbruch hat gezeigt, dass sie nicht nur engagiert, sondern auch emotional ist. Das spiegelt die Realität von Frauen wider. Sie haben sich darin wiedererkannt.“ Dass Frauen näher am Wasser gebaut haben als Männer, habe vor allem soziologische Gründe, erklärt Sozialpädagogin und Supervisorin Karin Ackermann-Stoletzky. „Kleine Mädchen werden als Kinder häufiger als Jungen getröstet, wenn sie weinen. Jungen werden stärker belohnt, wenn sie das eben nicht tun, wenn sie stark sind.“ In ihren Reaktionen seien die Geschlechter dann entsprechend konditioniert.

Weinen im Berufsleben unangebracht

Was nicht heißt, das Frauen diese Strategie auch im Berufsleben befolgen sollten. „Je höher die berufliche Position ist, desto schlechter kommt Weinen an“, sagt Kommunikationstrainerin Sigrid Meuselbach aus Bergisch Gladbach. Frauen werden als Heulsusen abgestempelt, die „es nicht bringen“, weinende Männern kommen noch weniger an. Auch bei den Frauen nicht. „Das geht noch, wenn es sich um einen Kollegen auf gleicher Hierarchie-Ebene handelt. Wenn es der Vorgesetzte ist, verunsichert das Frauen völlig“, sagt sie. „Es macht ihnen Angst, wenn der Chef, der eigentlich führen soll, solche Emotionen zeigt.“ Da gelte immer noch das Sprichwort, dass ein Indianer keinen Schmerz kennt. Der so häufig propagierte sensible Mann, der auch mal Gefühle zeige, habe im Berufsleben nichts verloren. „Ein Weinender ist in unserer Leistungsgesellschaft für uns jemand, der es allein nicht schafft“, sagt auch Kropiunigg. Anders bei Prominenten: Denen werde das Weinen eher gestattet, weil sie damit menschlicher werden. „Sie stehen außerhalb, werden in den Himmel gehoben“, sagt Meuselbach. „Weinen signalisiert hier eher, das derjenige auch nur ein Mensch wie du und ich ist. Es hebt ihn auf die eigene Ebene und macht ihn dadurch sympathischer.“

Da die Motivation des Weinens zunächst im Dunkeln bleibt und zumindest auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist, können Tränen aber gerade auch bei Prominenten zu Negativ-Reaktionen führen. „Weinen hat immer appellativen Charakter. Es zwingt die Umgebung, darauf zu reagieren“, sagt Psychologe Kropiunigg. Es habe deshalb auch immer ein erpresserisches Moment, bringe den Beobachtenden dazu, dem Weinenden durch Handlungen zu helfen oder sein Verhalten zumindest zu interpretieren. Das könne der eigene Partner sein, der einen durch einen Tränenausbruch emotional erpressen will oder Politiker, denen inszenierte Tränen unterstellt werden, um Wählerstimmen zu gewinnen. „Da man die Gründe für den Gefühlsausbruch nicht kennt, ist man dann oft geneigt, an einen Trick zu glauben“, sagt Kropiunigg.

Wirklich bewusst eingesetzt seien erpresserische Tränen nicht, glaubt Karin Ackermann-Stoletzky. „Das ist ein Muster, das wir in der Kindheit gelernt haben. Wenn wir nicht bekommen, was wir wollen, weinen wir. Das läuft eher im Unterbewussten ab.“

Der Wein-Vorgang an sich sei dabei immer derselbe, sagt Kropiunigg - ob bei Freudentränen oder Tränen der Verzweiflung: „Die Anspannung verkehrt sich in Entspannung und bringt Erleichterung - gleich, ob es sich um eine Tragödie oder eine Komödie handelt.“



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


Ausflugstipps


WAS.WANN.WO.


Das Magazin auf Facebook

Das Magazin auf Facebook

Extra


Serie


Mode und Design



Kolumne


Kolumne


Aktion


ksta-blogs.de


Dienste



Die 5 beliebtesten Pausenspiele

Mahjongg Fortuna
Zuma
Zuma »
1507 Spieler
Bookworm
Bookworm »
1263 Spieler
Bubble Shooter
Bubble Shooter »
1034 Spieler
Bejeweled 2
Bejeweled 2 »
956 Spieler

Stadtmenschen Community