Von ANJA KATZMARZIK, 11.01.08, 23:48h
Der Verein bekommt vom Land einen Zuschuss, aber keine Vollfinanzierung, obwohl er dem Land viel Geld spart (siehe auch „13 176 Tage Haft gespart“). Die eigene Schreinerei als Arbeitsgebiet für die jungen Männer, die aus der Haft kommen und meistens total orientierungslos sind, musste bereits schließen. Der Verein ist total verschuldet. Aber was das Schlimmste ist: „Wir können oft niemanden aufnehmen, weil die Kostenübernahme strittig ist.“
Zwischen Landschaftsverband als übergeordnetem Sozialhilfeträger und dem jeweiligen Jugendamt entbrennt häufig ein Konflikt darüber, wer nun die Kosten für die Unterbringung in dem Projekt zu tragen hat. „Der Landschaftsverband zahlt nur bis zum 21. Lebensjahr. Das „Killerargument“ der Verwaltung sei jedoch, dass die Delinquenten frühere Hilfsangebote nicht angenommen hätten. Ex-Geschäftsführer Matthias Remky kann darüber fast nur noch sarkastisch lachen: „Das kann man von allen unseren Teilnehmern behaupten. Sonst wären sie nicht hier.“
Zum Teil geht der Streit darüber bis vor Gericht. Und obwohl der Verein überwiegend aus Juristen besteht, die sich hier ehrenamtlich und hauptamtlich engagieren, beißen sich die Juristen an manchem Prozess die Zähne aus. Mit der Stadt Troisdorf habe man sich mehr als ein
Jahr um 30 000 Euro gestritten - und verloren. Von den Sachkosten ganz zu schweigen. Die werden von Spenden getragen. „Da ist jedes Jahr eine Lücke von 70 000 Euro.“
370 Haftentlassene konnte der Maßstab e.V. im vergangenen Jahr beraten. In der Justizvollzugsanstalt Ossendorf sitzen ständig zwei „Maßstab“-Juristen, die sich um die jungen Menschen kümmern und in der Sülzer Marsiliusstraße steht das Haus des Vereins. In dem Altbau, den die jungen Leute selbst entkernt, modernisiert und umgebaut haben - inzwischen musste die Schreinerei schließen - , gibt es vier Appartements für Ex-Häftlinge und eine Jugendwohngemeinschaft für frisch Entlassene. Natürlich nur solche mit guter Prognose. Die meisten haben „Knastschäden“ wie es Leiterin Angelika Kreis beschreibt. „Einige sind durch die Haft so hospitalisiert, dass sie sogar ihr Zimmer hier einrichten wie in einer Zelle.“ Vor allem aber hätten die jungen Männer „verlernt, selbst Verantwortung zu übernehmen“. Und plötzlich stünden sie auf der Straße, „kennen kein Amt, keinen Ansprechpartner und sind auf sich allein gestellt“. Zum Teil hätten sie noch nie mit Euro bezahlt. Kreis und eine Sozialpädagogin helfen beim Übergang zurück in die Freiheit, zwölf bis 15 Monate im Schnitt.
Es wird früh aufgestanden („Auch das muss wieder geübt werden.“), „Altlasten“ wie Schulden angepackt, auf Jobsuche gegangen, selbst eingekauft und gekocht. Dafür arbeitet der Ex-Geschäftsführer Remky nun ehrenamtlich. „Manchmal zermürbt es einen“, gibt der 54-jährige Langeler zu, der jetzt wieder eine eigene Kanzlei eröffnet. „Aber die Sache ist einfach total gut. Es gibt keine Alternative.“
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Hedwig Neven DuMont
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