Erstellt 23.12.07, 19:10h, aktualisiert 28.12.07, 15:22h
BAUSCH-HÖLTERHOFF: Das ist leider noch nicht so lange her. Da hat sich Anfang letzten Jahres ein Mensch in der Justizvollzugsanstalt (JVA) umgebracht. Da erscheine ich als „Kölner“ Pathologe in einer traurigen Doppelfunktion, weil ich da als Gefängnisarzt tatsächlich auch Leichenbeschau machen muss.
Wie nah lassen Sie das an sich ran?
BAUSCH: Gott sei Dank ist das selten. Das passiert höchstens ein bis zwei Mal im Jahr. Aber es macht, wenn es sich um einen nicht natürlichen Tod handelt, immer wieder betroffen. Das sind schwierige Momente.
ksta.tv: Ausschnitte aus dem Interview
Machen Sie und ihre Kollegen sich da Vorwürfe im Sinne von „hätten wir das verhindern können?“
BAUSCH: Wir fragen uns immer, was wir besser machen könnten. Doch wenn man das Risiko betrachtet und unter welchen Bedingungen die Menschen untergebracht sind, muss man sagen: Freitod passiert bei uns im Vergleich zum Leben draußen relativ selten, weil die Kontrolle groß ist. Aber wenn einer das wirklich tun will, kann das niemand verhindern. Aber gerade dann macht es umso betroffener. Da gehen schon alle sehr kritisch miteinander um.
Sie kennen die Gefangenen zum Teil persönlich sehr gut und damit ihre Geschichte und sehen damit nicht nur den Täter. Was erfahren Sie da?
BAUSCH: Diese Leute sind nicht nur kriminell, so wie wir nicht immer freundlich sind. Die Tat ist nur eine Facette ihrer Persönlichkeit, mehr oder minder ausgeprägt. Dahinter steckt eine eigene Biografie. Es gibt viele, die hatten eine miese Kindheit, die hatten nie eine Chance, und enden in einer Zelle. Das hat sich bei vielen schon vor vielen, vielen Jahren abgezeichnet.
Wie können diese „Karrieren“ verhindert werden, wenn sie sich früh abzeichnen?
BAUSCH: Haft muss, da wo es möglich ist, verhindert werden und Alternativen geschaffen werden. Mit staatlicher Zwangserziehung gibt es nur Opfer auf beiden Seiten.
Ist ja auch nicht billig so eine Haft.
BAUSCH: Ein Tag in Haft kostet bei uns in Werl 140 Euro. Wenn man bedenkt, dass viele meiner Patienten da viele Jahre zubringen – der Älteste geht jetzt ins 40. Jahr – ohne Aussicht entlassen zu werden.
Und ohne Aussicht danach „geheilt“ zu sein.
BAUSCH: Ohne Aussicht je geheilt zu werden. Haft ist vielfach hospitalisierend. Wir machen viele auch lebensuntüchtig. Wir müssten noch mehr Geld aufwenden, um sie wieder fit zu machen für das Leben nach der Haft. Aber das zahlt keine Krankenversicherung und so werden viele ohne die Hilfestellung, die sich bräuchten, wieder ans Tageslicht gesetzt. Wir müssen früher die ersten Anzeichen erkennen und damit aussichtsreicher und letztlich billiger die Risiken sehen und eindämmen. Ohne zu viel Druck.
Als prominenter Gefängnisarzt nehmen Sie auch an Anti-Aggressions-Trainings für Jugendliche teil, die vom Richter dazu verurteil wurden. Was erzählen sie denen?
BAUSCH: Ich versuche Ihnen klar zu machen, dass auch wenig Gewalt viel Unheil anrichten kann. Ich habe welche gekannt, die mit 16 Jahren das erste Mal eingefahren sind und die heute noch, nach 20 Jahren, bei mir in Sicherheitsverwahrung sitzen. Das mache ich den Jungs klar. Auch dass sie mitunter jahrelang keine Frau mehr zu Gesicht bekommen. Da sind einige, die immer noch nicht wissen, wo der Frosch die Locken sitzen hat. Das ist denen gar nicht klar.
Sie zeigen den Teilnehmern auch schockierende Fotos.
BAUSCH: Ich zeige ärztliche Befunde, Resultate von Gewalt. Das sind Bilder von Verletzungen oder Operationen, Fotos von kaputten Lebern oder Knochen und ich erzähle ihnen, was es für ein Opfer bedeutet mitunter monatelang wieder laufen oder sprechen zu lernen. Das können die sich gar nicht vorstellen. Da muss man deutliche Worte finden – und deutliche Bilder.
Wie reagieren die Jugendlichen?
BAUSCH: Die meisten sind überrascht. Einem wurde sogar schlecht. Aber das ist eben kein Bruce-Willis-Film, wo der Held nach einem Tritt gegen den Kopf, nur mit einem Pflaster an der Stirn wieder aufsteht und weiter rennt. Das ist die Realität. Ich erkläre ihnen, wie die Geräusche gemacht werden, die Stuntmen arbeiten und sie glauben mir, weil sie wissen „der macht Filme“.
Gleichzeitig beschäftigen Sie sich nach Feierabend mit dem Zusammenhang von Kriminalität und psychischen Erkrankungen. Worüber haben Sie da zu berichten?
BAUSCH: Die landläufige Meinung ist ja, dass psychisch kranke Täter in eine Forensische Klinik kommen. Ich kann darlegen, dass dem nicht so ist. Seit 1969 wurden von 160 000 Betten in der Allgemeinpsychiatrie 100 000 abgebaut. Diese Patienten landen bei uns. Wir erleben eine Kriminalisierung von psychisch kranken Menschen, die erst eine Tat begehen müssen oder zwei, damit wir dafür sorgen können, dass sie in Haft ordentlich behandelt werden.
Werden Menschen auch erst in der Haft psychisch krank?
BAUSCH: Wir haben den Eindruck, dass das zunimmt. Oder es treten Anzeichen erst in der Haft zutage, die erst dann erkannt werden. Das ist eine große Zahl an chronischen Psychosen, die draußen mit Alkohol oder Drogen selbst „behandelt“ wurden. Darunter sind auch viele Deutschrussen, die in ihren Herkunftsländern nicht oder falsch behandelt wurden, oder junge Männer aus islamischen Länden mit einem anderen Krankheits-Verständnis, wo man die Krankheit im Elternhaus einfach nicht wahrhaben wollte.
Wie kommen die Kranken zu Ihnen?
BAUSCH: Wenn sie die Wahl haben zwischen drei, vier Jahren Knast oder Psychiatrie lebenslänglich, dann rät der Anwalt „lass dich nicht begutachten“, der Richter freut sich über einen schnellen Prozess und so landen psychisch Kranke im Knast, wo sie nicht hingehören.
Sie wären besser behandelbar?
BAUSCH: Wir sind nicht in erster Linie therapeutisch ausgerichtet. Wir können sie zu 60 Prozent so behandeln wie sie behandelt werden müssten. Sie wären aber vor allen Dingen früher behandelbar. Erste Auffälligkeiten treten ja meist schon mit 18, 19 Jahren auf, kurz nach dem Erwachsenwerden. Sie werden aber nicht erkannt. Oder sie werden erkannt, aber nicht behandelt. Erst muss eine Tat passieren, die dann alle entrüstet.
Es braucht mehr Hilfen von außen?
BAUSCH: Es braucht vor allem nachhaltige Hilfen, das scheitert an den Kosten. In Bochum hat sogar eine Staatsanwältin – und die gehören ja nicht gerade zu den zart besaiteten Sozialromantikern – einen Verein gegründet, damit junge Straftäter therapiert werden. Das bräuchte Köln auch.
Welche Rolle spielen Drogen?
BAUSCH: Eine große Rolle und auch ein Gefängnis ist ja kein Drogen freier Raum. Wir wissen heute, dass wir es bei den Frauen mit 40 bis 75 Prozent Drogenabhängigen zu tun haben. Und diesen Süchten gehen häufig psychische Auffälligkeiten zuvor wie Depressionen oder Angststörungen. Es genügt nicht, diese Menschen wegzusperren und eine Drogentherapie zu machen. Wir müssen auch das behandeln, was sie abhängig werden lässt.
Was sind das für Anzeichen?
BAUSCH. Wir sehen Kindern, die ziehen sich immer mehr in sich zurück. Andere können mit ihren Aggressionen nicht umgehen. Da fehlt die Bremse im Kopf. Unsere Klientel kommt häufig aus Elternhäusern, in denen häusliche Gewalt „normal“ ist, wo Gewalt gelernt wird, in dem man abguckt, oder selbst Opfer von Gewalt wird. Und wir haben eine relativ hohe Zahl an Epilepsiekranken, die irgendwo in ihrer Kindheit Schaden genommen haben an ihrem Hirn.
Was würden Sie dagegen tun?
BAUSCH: Ähnlich wie ein Schulzahnarzt müssten wir in Kindergärten und Schulen gucken: Braucht der eine Klammer? Nur in Bezug auf psychische Auffälligkeiten. Wir dürfen nicht erst anfangen mit einer Therapie für einen 50-Jährigen in der Sicherheitsverwahrung. In England und Neuseeland sind solche Untersuchungen für kleine Kinder längst üblich.
Aber auch dort gibt es Kriminalität.
BAUSCH: Natürlich gibt es dort auch Kriminalität. Aber die Konsequenzen sind andere. Lehrer müssen lernen, bestimmte Auffälligkeiten in einem Kontext zu erkennen und nicht nur zu sanktionieren in einer Schule, die ausschließlich selektiert. Wir brauchen mehr Lehrer, die früh erkennen, da läuft was in die falsche Richtung.
Die armen Lehrer. Von allen Seiten Druck.
BAUSCH: Kinderärzte und Nachbarschaft sind ebenso gefordert. Kinder tauchen nicht einfach ab. Ein Skandal ist auch, dass es viel zu wenig Kinder- und Jugendtherapeuten gibt als gebraucht werden. Eltern, die Hilfe brauchen, stoßen auf Wartezeiten bis zu einem Jahr.
Was tun, wenn einer die Verantwortung dem anderen zuschiebt?
BAUSCH: Wir müssen dafür Sorge tragen, dass es Initiativen gibt und Geld für schnelle und verlässliche Hilfen, die Warnsignale früh erkennen. Und nicht, dass man erst richtig krank werden muss, damit es die Krankenkasse zahlt.
Oder als Gerichtskosten wieder auf den Steuerzahler zukommen.
BAUSCH: Wer kein Fieber misst, kann auch kein Fieber feststellen. So lange wir Hänschen noch beibringen können, sein Verhalten zu ändern, dürfen wir nicht warten bis er als Hans nichts mehr ändern kann. Das sind Sachen, die passieren nicht in Afrika, Die passieren bei uns um die Ecke. Da tue ich auch was dafür, das mein Leben und das meiner Kinder sicherer wird. Deshalb unterstützte ich „wir helfen“.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Hedwig Neven DuMont
Viele Kinder leiden unter Depressionen, Lernbehinderungen und Krankheit. Manche werden als „sozial gestört“ abgestempelt. Sie alle brauchen unsere Hilfe. Hilfe, um aus ihrem dunklen seelischen Loch herauszukommen. Hilfe durch gesunde Freizeitangebote und das Teilhaben an Sport und anderem mehr.
Diese Kinder müssen wir an die Hand nehmen und ihnen eine Chance geben, körperlich und seelisch zu gesunden. Unser Thema bis Oktober 2012 lautet deshalb: „wir helfen – um alle Kinder hier an die Hand zu nehmen.“

Testen Sie das ADHS-Risiko Ihres Kindes!
Lizzy Net - Internet für Mädchen
Sozialdienst Katholischer Frauen
Sozialdienst Katholischer Männer
Kidkit - Für Kinder süchtiger Eltern
Netkids - Gegen Kinderpornografie im Netz
Diakonie Michaelshoven - Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe