Von Monika Herrmann-Schiel, 02.01.08, 14:35h, aktualisiert 02.01.08, 14:36h
Der promovierte Historiker Carl Dietmar befasst sich schon seit längerem mit diesem Thema. Im Kölner Stadtmuseum, im Karnevalsmuseum, in Gesprächen mit Zeitzeugen und in Nachlässen verstorbener Karnevalisten suchte er nach Spuren. Erste Ergebnisse dieser Forschungen veröffentlichte er bereits 2005 in seinem Buch "Kölner Mythen – wie sich die Kölner ihre Wahrheit(en) basteln".
Lange glaubte man in Köln an die "Narrenrevolution". Im Mai 1935 wehrten sich die Vertreter der Kölner Karnevalisten gegen den auf Betreiben der NSDAP gegründeten "Verein Kölner Karneval". Der Widerstand der Jecken war so groß, dass der Verein gleich wieder aufgelöst wurde. "Diese Ereignisse dienten nach dem Krieg immer wieder als Beleg für die Repressionen, denen der Karneval seitens des Regimes ausgesetzt gewesen sein soll - und für den 'Widerstand', den man geleistet habe", berichtet Dietmar. Niemand aber fragte damals nach den Inhalten des Karnevals.
Dabei gab und gibt es Fotos von den Rosenmontagszügen aus der Nazi-Zeit, die zeigen, dass nationalsozialistisches und rassistisches Gedankengut ganz selbstverständlich mit zum "Zoch" gehörten. Ein Beispiel: Der "Palästina"-Wagen von 1934, mit dem auswandernde Juden unter dem Motto "Die Letzten ziehen ab" verunglimpft wurden. Auch in Büttenreden und Schunkelliedern gab man sich antisemitisch und völkisch, etwa in dem durchaus beliebten Lied "Die Jüdde wandern uss". Der Hitlergruß und das Horst-Wessel-Lied gehörten ebenso zu den Karnevalssitzungen wie das Gebot, dass die Nazi-Größen in den Büttenreden unangetastet bleiben mussten.
Selbstverständlich duldeten die Karnevalsgesellschaften bald nur noch arische Mitglieder in ihren Reihen. Die Nazis wussten das närrische Treiben in der Stadt für sich zu nutzen. Dafür griffen sie auch in alte Traditionen ein. So durften nach einem NSDAP-Erlass 1938 und 1939 weibliche Figuren nicht mehr von Männern, sondern nur von Frauen dargestellt werden - selbst die Jungfrau im Dreigestirn.
Widerstand gegen die völkische Begeisterung gab es nur vereinzelt. Einer davon war der Büttenredner und Querdenker Karl Küpper, der sich über die Nazis lustig machte und schließlich Auftrittsverbot erhielt. Die Autoren haben mit Zeitzeugen, Historikern und Funktionären des Kölner und Düsseldorfer Karnevals gesprochen, darunter mit Arnold Unkelbach, der Jungfrau des Jahres 1935. Zudem haben sie alte Filmdokumente entdeckt, die nie zuvor zu sehen waren. Dazu gehört ein Farbfilm, der den Rosenmontagszug von 1939 zeigt. "Heil Hitler und Alaaf!" bricht ein Kölner Tabu und zeigt, dass der Karneval nie frei war von politischen Einflüssen.
Hinweis: "Heil Hitler und Alaaf! Karneval in der NS-Zeit", WDR, Fr 4.1., 20.15-21.00 Uhr
(kna)
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