Von GISELA SCHWARZ, 15.01.08, 18:02h, aktualisiert 15.01.08, 18:03h
Noch kann ich das nicht verstehen, denn nach dem Start bei der Spedition Kellershohn im Alten Bahnhof wand sich der Brummi durch die schmalen Straßen, kroch im Schneckentempo durch die Verkehrskreisel. Und Müller fluchte über die viel zu engen Radien und Kreuzungen, kurbelte das Lenkrad erst mal nach links, um dann mit einem Schlenker nach rechts abzubiegen: „Sonst krieg ich die Kurve nicht. Die Straßenkreuzungen werden ja immer enger gebaut.“
Aber dann auf der Landstraße in Richtung Untereschbach bekomme ich eine Ahnung, warum mich Spediteur Willi Kellershohn unbedingt auf seinen neuesten Brummi locken wollte. „Mit dem wird die Zukunft eingeläutet im Schwerkraftverkehr“, hatte er angekündigt.
Fahrer Müller legt an der Armlehne einen Hebel um und überlässt dem 40-Tonner das Fahren. Auf 60 Stundenkilometer hat er das Gefährt eingestellt. Automatisch hält es die Geschwindigkeit und auch den Abstand zum Vordermann. Als Müller - nur zur Demonstration - den weißen Markierungen am rechten Straßenrand zu nahe kommt, tutet der Warnmelder unüberhörbar los. „Mit solch einer Warnung rauscht kein Lkw mehr gegen die Leitplanken“, sagt Müller. Seit über 25 Jahren arbeitet er als Fernfahrer und weiß bestens über den gefürchteten Sekundenschlaf Bescheid, bei dem nicht nur die Brummifahrer von der Straße driften. Meist mit schrecklichen Folgen.
Auf der Landstraße fühle ich mich als Beifahrer ganz wohl mit 40 Tonnen im Rücken. „Den könnten Sie auch steuern, ohne Probleme“, beteuert Müller. Danke, nein, ich hab nur Führerscheinklasse III. Mit viel Tempo überholt uns ein Auto, setzt sich direkt unserem Dicken vor die Nase. Noch ehe ich in der Schrecksekunde ans theoretische Bremsen denken kann, hat der Brummi schon automatisch die Situation erkannt und die Geschwindigkeit gedrosselt. Müller sitzt immer noch gemütlich da, Gas- und Bremspedal bleiben unberührt. „Der würde jetzt sogar 'ne Vollbremsung machen, wenn plötzlich vor uns ein Stau oder ein Hindernis wäre. Ohne dass ich eingreife“, sagt er. Danke, auch darauf kann ich gut verzichten. Bitte, keine Demonstration. „Das haut einen auch gewaltig in den Gurt“, sagt der Fernfahrer.
Wenig später düsen wir über die Autobahn 4 in Richtung Engelskirchen. Da geht es ruhiger zu als auf der Landstraße. Müller stellt die Geschwindigkeit ein auf 80 Stundenkilometer. Prompt hält der Lastwagen 50 Meter Abstand zum vorausfahrenden Lastwagen. Fast wird mir langweilig, wenn nicht immer wieder vorwitzige Autos einscheren und unser Gefährt automatisch zuerst das Tempo drosseln und wieder anziehen würde. Das hält auf. Und plötzlich dämmert mir, warum die Brummifahrer ihre Hupe dröhnen lassen und den Stinkefinger zeigen, wenn man in solch eine Lücke einschert. „Mach' ich nie mehr wieder“, verspreche ich Rainer Müller. Der betont: „In solchen Situationen läuten bei uns sofort die Alarmglocken.“
Nie habe ich den Berichten von automatisch fahrenden Autos und Lastwagen auch nur einen Funken Glauben geschenkt. Unmöglich, bei dem Verkehr auf den Autobahnen, dachte ich bisher. Nach der Probefahrt ist mir klar: Es wird in naher Zukunft so weit sein. Schon fordert der Bundesrat eine verbesserte Sicherheitsausstattung bei Lastwagen: Bis spätestens Oktober 2011 sollen EU-weit alle Neuzulassungen nur noch mit Schleuderschutz ESP, Notbremssystemen und Spurhalte-Assistenten zugelassen werden. Damit könnten nach den Vorstellungen der Hersteller 40 Prozent der Unfälle vermieden werden.
In der Lindlarer Spedition sind die Zukunftsvisionen längst zum Standard erhoben worden. Nach und nach hat Spediteur Kellershohn seinen Fahrzeugpark auf die neuen Systeme umgerüstet. Die Investition zahlt sich aus, nicht nur in Sachen Sicherheit. Der so genannte „Retarder“ im 40-Tonner von Daimler hält fein dosiert die Geschwindigkeit, ohne Einsatz der Betriebsbremse über den Motor. Das spart Bremsbeläge und Kraftstoff: pro 100 Kilometer zwei bis vier Liter Diesel. „Der braucht dann nur noch circa 24 Liter“, rechnet Rainer Müller an der Diesel-Tankstelle für Lastwagen aus. Dort macht er zehn Minuten Pause, bis der 1100-Liter-Tank wieder voll gelaufen ist. 671,09 Liter zeigt die Zapfsäule an - 871,75 Euro.
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