Von WALTER WILLEMS, 21.01.08, 11:52h
Lebensspanne steigt
Wissenschaftliche Belege für eine lebensverlängernde Wirkung solcher Stoffe sind dürftig. Eindeutig bewiesen ist dagegen die Tatsache, dass die Lebenserwartung in den Industrieländern zunimmt. In den vergangenen 150 Jahren stieg die Lebensspanne pro Jahr um durchschnittlich drei Monate, wie Jutta Gampe vom Max-Planck-Institut (MPI) für demografische Forschung in Rostock berichtet. Um 1840 waren die Schwedinnen mit einer Lebenserwartung von 45 Jahren weltführend. Inzwischen haben sie die Spitzenposition an die Japanerinnen abgetreten, die im Durchschnitt 85 Jahre alt werden. In Deutschland beträgt die Lebenserwartung bei Frauen 82, bei Männern 76 Jahre.
„Der Trend zum Älterwerden wird sich fortsetzen“, prognostiziert Gampe. Die über 100-Jährigen sind die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe. Gründe für die Tendenz sind die geringere Kindersterblichkeit, die bessere medizinische Versorgung und eine gesündere Ernährung. Und dennoch: Der Rekord für das längste Leben ist seit zehn Jahren ungebrochen. Damals starb die Französin Jeanne Calment im Alter von 122 Jahren. Obwohl bisher kein Mensch älter wurde, glaubt Gampe nicht an ein absolutes Alterslimit: „Es gibt keine einprogrammierte Grenze.“ Generell scheint die Rolle genetischer Faktoren für die Lebenserwartung begrenzt. Forscher beziffern den Einfluss der Erbanlagen auf etwa 25 Prozent. Die übrigen 75 Prozent entfallen demnach auf Umweltfaktoren. „Der Lebensstil spielt eine ganz entscheidende Rolle“, sagt Professor Alfred Wolf vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Anti-Aging-Medizin. Als Rezept für ein langes Leben empfiehlt der Gynäkologe gesunde Ernährung, Bewegung, Verzicht auf Tabak, wenig Stress und ein anregendes soziales Umfeld. „Diese Faktoren bestimmen im Wesentlichen, ob wir alt werden“, sagt Wolf.
Zusätzlich zu den allgemeinen Empfehlungen grenzt Wolf die Anti-Aging-Medizin von den einfachen Heilsformeln dubioser Geschäftemacher ab. „Man kann die Auswirkungen des Alterungsprozesses verzögern, muss dabei aber individuell vorgehen“, sagt er. Das heißt, jeden Menschen präventiv auf altersbedingte Risiken etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs zu untersuchen. Zwar gebe es Hinweise, dass verschiedene Gene, Hormone oder Antioxidantien am Alterungsprozess beteiligt sind.
Die genaue Bedeutung einzelner Faktoren ist laut Wolf aber nicht geklärt. Auch Professor Peter Herrlich warnt vor voreiligen Schlüssen. „Altern wird von vielen Faktoren bestimmt, die bei jedem Menschen anders sind“, sagt der Leiter des Leibniz-Instituts für Altersforschung in Jena. „Diese Prozesse sind viel zu kompliziert, als dass man einfache Schlüsse ziehen könnte.“
Kalorien senkenBeispiel Kalorienrestriktion: Zwar gehen viele Forscher davon aus, dass eine Reduzierung der Energiezufuhr die Lebensspanne verlängert. Aber zur Erklärung dieses bisher nur in Tierversuchen gezeigten Phänomens werden unterschiedliche Gründe bemüht. So vermutet man, dass mit dem Energieverbrauch in den Zellkraftwerken, den Mitochondrien, der Anfall schädlicher Stoffwechselprodukte wie etwa freier Radikale steigt, die dann die Zellen schädigen. Eine Senkung der Kalorienmenge soll vor diesem oxidativen Stress schützen und das Altern verzögern.
Unklar ist auch, ob der als Wundermittel angepriesene Rotwein-Inhaltsstoff Resveratrol hilft: Zwar verlängerte das Mittel in Studien der Jenaer Forscher tatsächlich die Lebenszeit von Fischen um 30 Prozent. Aber es erhöhte laut Herrlich auch die Sterblichkeit der Tiere in jungem Alter. „Resveratrol ist keine harmlose Substanz“, mahnt der Altersforscher.
Auf der Suche nach dem Schlüssel für ein langes Leben blicken viele Forscher nach Okinawa. Nirgendwo sonst auf der Erde werden die Menschen so alt wie auf dieser japanischen Insel. „Auf Okinawa werden alte Menschen noch mit vielen sozialen Aufgaben betraut“, sagt MPI-Wissenschaftlerin Gampe. „Die soziale Integration spielt offenbar eine große Rolle.“
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