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„Brandmarkung mit Geschichte“

Von KIRSTEN BOLDT, 18.01.08, 20:27h, aktualisiert 18.01.08, 20:29h

Klaus Jünschke vom Kölner „Appell gegen Rassismus“ hat eine sehr klare Meinung zur Debatte über Jugendkriminalität: „Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Pass und Straftat“, sagt er.

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Klaus Jünscke
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Klaus Jünscke
Köln - Täter im Kindes- und Jugendalter sind erst Opfer, dann Täter. Was Wissenschaftlern an Zusammenhängen zwischen ungünstigen Lebensumständen und kriminellem Verhalten längst bekannt ist, werde derzeit von etlichen Politikern und vielen Medien auffallend außer Acht gelassen, meint Klaus Jünschke. Stattdessen sei von der Gewalt Jugendlicher die Rede. Vor allem die ausländischer Jugendlicher.

„Verbrecher-Stereotype“

Für Jünschke wird damit eine ganze Personengruppe gebrandmarkt. Eine Verfahrensweise, die in Deutschland Geschichte hat, meint der Sozialwissenschaftler mit Blick in die Vergangenheit. „Wer angeblich Verbrecher ist, wurde schon in früheren Jahrhunderten festgelegt: aufgrund von Religionszugehörigkeit wie bei den Juden oder von Hautfarbe wie die »Rheinlandbastarde«.“ Das waren die Kinder, die deutsche Frauen nach dem Ersten Weltkrieg mit französischen Soldaten dunkler Hautfarbe und aus Kolonialgebieten hatten und die zwangssterilisiert wurden. „Über Jahrhunderte wurden Sinti und Roma als Gefahr angesehen. Die Nationalsozialisten markierten Gesichtszüge als Kennzeichen. So wurden Verbrecher-Stereotype geschaffen.“

Die Pisa-Studien und ihre Erkenntnisse über einen hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in Hauptschulen und ohne Abschluss führten zu einer Diskussion darüber, was an Schulen schief- läuft. „Warum fragen wir nicht angesichts der hohen Zahl an tatverdächtigen Jugendlichen aus Einwandererfamilien, was vor der Tat schiefgelaufen ist? Warum werden nicht beide Diskussionen verknüpft?“, fragt sich Jünschke.

„Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Pass und Straftat“, sagt der 59-Jährige. Wohl aber Zusammenhänge zwischen Straftaten und schlimmen Lebenserfahrungen.

Das weiß er aus Erfahrungen, die eine Gruppe Studierender der Fachhochschule Köln allwöchentlich in der Justizvollzugsanstalt Ossendorf macht, in der sie unter Jünschkes Anleitung eine Gesprächsgruppe mit jungen Gefangenen veranstalten.

„Wir haben ausnahmslos mit jungen Menschen zu tun, die misshandelt und / oder missbraucht worden sind und aus Familien kommen, in denen viel geprügelt wird.“ Deshalb hat Jünschke zum Teil Verständnis. Nicht für die Taten, aber die Täter. „Diese Jugendlichen liegen am Boden.“ Allmählich begreife unsere Gesellschaft, dass nicht geprügelt werden dürfe. „Das zeigt sich ja inzwischen durch das Gesetz der Ächtung von Gewalt in der Erziehung.“

Die Bedingungen, unter denen Jugendliche derzeit in Gefängnissen leben müssten, betrachtet Jünschke auch als eine Form von Gewalt. „Schlimm ist, dass Politiker aller Parteien meinen, dass man diese Jugendlichen durch härtere Strafmaßnahmen bessern könnte. Mehr Druck hilft aber nicht, wenn der Druck jemanden schon runtergepresst hat.“



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