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Wenn Studenten scheitern

Von KERSTIN MEIER, 21.01.08, 19:33h, aktualisiert 22.01.08, 08:24h

Ein Abbruch des Studiums kostet Geld, Zeit und Nerven. Merlin Koetz wagte den Schritt von der Uni in die Ausbildung. Sieben Semester hatte er studiert - und sich trotzdem immer fremd gefühlt.

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Von der Uni ins Krankenhaus: Nach sieben Semestern und vielen Fächerwechseln hat Merlin Koetz sich entschieden, sein Studium abzubrechen und stattdessen eine Ausbildung zu machen.
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Von der Uni ins Krankenhaus: Nach sieben Semestern und vielen Fächerwechseln hat Merlin Koetz sich entschieden, sein Studium abzubrechen und stattdessen eine Ausbildung zu machen.
„Wenn ich ein Krankenhaus betrete, fühle ich mich sofort zu Hause“, sagt Merlin Koetz. An der Uni ist ihm das nie passiert. Sieben Semester hat er studiert und sich trotzdem immer fremd gefühlt. Statt im Hörsaal sitzt er nun in der Krankenpflegerschule. Er hat die Konsequenzen gezogen und sein Studium abgebrochen. „Regelmäßig irgendwo hinzukommen, damit komme ich viel besser klar“, sagt der 24-Jährige - erleichtert, endlich eine Entscheidung getroffen zu haben.

Merlin Koetz' Geschichte ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Wie er fangen viele Abiturienten ein Studium der Geistes- und Kulturwissenschaften an. Und genau wie er studieren 69 Prozent dieses Fach nicht zu Ende. Wer hier erfolgreich seinen Abschluss macht, ist also in der Unterzahl!

2,2 Milliarden Euro kosten Studienabbrecher den Staat jährlich - das hat der „Stifterverband für die deutsche Wissenschaft“ errechnet. Zählt man die privaten Investitionen und das entgangene Einkommen der Studienabbrecher dazu, summiert sich der finanzielle Verlust sogar auf 7,6 Milliarden Euro. Nicht mit Geld aufzuwiegen sind die Zeit und die Frustration, die das falsche Studium kosten.

„Sehr viele Abiturienten stolpern einfach so in die Uni rein“, hat Isabel Saacke beobachtet. Wer es sich leisten kann, sitzt ein paar Semester später in der Coaching-Praxis der Diplom-Psychologin. Unter ihren Klienten sind nicht nur verzweifelte Geisteswissenschaftler: „Es kommen viele junge Männer, die BWL studieren und sich in einer Sinnkrise befinden, weil ihnen ihr Studienfach zu profan, zu kalt, zu unmenschlich erscheint.“ Aber auch viele Juristen litten darunter, dass sie große Mengen sehr trockener Materie bewältigen müssen.

Bei Merlin Koetz waren es gar nicht die Inhalte des Studiums, die ihm zu schaffen machten, sondern der anonyme, unverbindliche Unibetrieb. Wenn er morgens aufwachte, blieb er manchmal einfach liegen. Es interessierte ja sowieso niemanden, ob er zum Seminar kam oder nicht. „An der Uni habe ich mich oft alleine und verloren gefühlt“, erzählt er. Dass, worüber er heute so offen spricht, ließ er sich lange nicht anmerken: „Ich habe das alles mit mir selber abgemacht. Ich wusste einfach nicht, wo ich hingehen sollte, wo was ist, wo ich Infos bekomme.“ Außerdem, gesteht er, habe er sich lange auch nicht die Blöße geben wollen, Hilfe zu brauchen.

Probleme mit der Organisation

Am schwersten fiel es ihm, sich zu organisieren: „Den Wechsel von der Schule zur Uni habe ich nie richtig hingekriegt“, erzählt er. An der beinahe grenzenlosen Freiheit geisteswissenschaftlicher Studiengänge scheitern viele. Selbstständig arbeiten, Strukturen schaffen, Zeit einteilen - das können Abiturienten selten. Dazu kommt, dass Geisteswissenschaftler auf kein klares Berufsbild hin studieren. „Gerade an großen Unis gibt es da auch wenig Hilfestellung“, sagt Isabel Saacke. „Das kann für die Studierenden sehr deprimierend sein.“ An der Krankenpflegerschule, die Merlin Koetz jetzt besucht, wird ein Fach „Lernen und Lerntechniken“ angeboten: „Damit habe ich mich vorher nie auseinandergesetzt, da tun sich plötzlich Welten auf“, sagt er.

Der Abbruch des Studiums ist aber nicht für jeden die richtige Lösung: „Oft kann schon ein Fachwechsel helfen“, sagt Isabel Saacke - oder der Wechsel an eine kleinere Hochschule mit einem stärker strukturierten Studium.

Auch wenn der Gedanke erst mal naheliegt, muss die Unzufriedenheit aber nicht zwangsläufig etwas mit dem Studium zu tun haben: „Viele sind zum Beispiel in eine neue Stadt gezogen und fühlen sich sozial isoliert“, so Saacke. Generell habe sie das Gefühl, dass eine Menge Studenten „psychisch angeschlagen“ sind - ein Eindruck, den verschiedene Studien bestätigen. „Deswegen ist es wichtig, dass jeder sich über die Gründe klar wird, warum er mit dem Studium nicht glücklich ist - ist es tatsächlich das Fach oder die Lebenssituation?“

Bei Merlin Koetz lag es nicht am Studienfach. Chemie, Anglistik, Niederlandistik, Musikwissenschaften - er hat viel ausprobiert, bis ihm klar war, dass es bei ihm an der mangelnden Struktur scheiterte. „Ich bin einfach ein Organisationslegastheniker“ - das kann er heute so selbstbewusst sagen, weil er eine Ausbildung gefunden hat, die viel besser zu seinen Stärken passt: „Ich habe meinen Zivildienst im Krankenhaus gemacht und fand das schon total geil. Ich bin aufgeschlossen, treffe gerne neue Leute, das hat mir damals total Spaß gemacht.“ Nach vorne zu schauen und sich wie Merlin Koetz nach dem Abbruch des Studiums schnell neue Ziele zu setzen - das ist der beste Weg, mit dem Scheitern im Studium umzugehen, sagt Isabel Saacke.

Jeden Morgen um acht beginnt die Krankenpflegerschule, Anwesenheit ist Pflicht. Nach sieben Semestern Zweifeln steht Merlin Koetz wieder gerne auf: „Jetzt habe ich endlich das Gefühl, angekommen zu sein und das gefunden zu haben, was ich machen will.“



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