Von THORSTEN MOECK, 21.01.08, 20:08h, aktualisiert 22.01.08, 18:53h
Der Fall des Schülers Saleh ist so etwas wie die Antwort auf die Hysterie-Welle um kriminelle Jugendliche in Deutschland. Interessant vor allem deshalb, weil die Rollen von Opfer und Täter nicht nur stark verschwimmen, sondern beinah ins Gegenteil gewendet werden. Die Polizei ist in ihren Ermittlungen zu dem Schluss gekommen, dass ein 17-Jähriger mit einem Freund einen jungen Mann niedergeschlagen und überfallen hat. Das Opfer zog in Panik ein Messer und stach dem Angreifer ins Herz. Laut Staatsanwaltschaft handelte es sich um Notwehr. Und nun wird der Fall zu den Akten gelegt. Und nun gehen die Menschen empört auf die Straße. Hauptsächlich deshalb, weil es sich bei dem Angreifer um Saleh handelt, einen jungen Mann mit marokkanischem Pass. Erstochen von einem jungen Mann (20) mit deutschem Pass.
„Wenn das Opfer ein Deutscher gewesen wäre, hätte die Öffentlichkeit anders reagiert“, propagierte einer der Demonstranten mit großer Überzeugung. Widerspruch gab es nicht. In der Debatte um kriminelle Jugendliche hatte unlängst Frank Schirrmacher, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, festgestellt, es gebe starke Signale dafür, dass die deutsche „Mehrheit zum rassistischen Hassobjekt einer Minderheit werden kann.“ Die Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus sei potenziell das, was heute den tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts am nächsten komme.
Zu Unrecht in die kriminelle Ecke gedrängtVielleicht ist es so, dass sich chancenlose Migrantenkinder am Rande der deutschen Gesellschaft von terroristischen Ideologien angezogen fühlen. Aber natürlich gibt es einen großen Unterschied zwischen Bombenlegern und U-Bahn-Schlägern. Oder Jugendlichen, die Gleichaltrige „abzocken“. „Einzelfälle sind nicht unbedingt Ausdruck einer generellen Stimmung. Die Solidarität mit dem Toten ist vielleicht auch deshalb so groß, weil sich viele ausländische Jugendliche zu Unrecht in die kriminelle Ecke gedrängt fühlen“, sagt Professor Jürgen Friedrichs, Soziologe an der Kölner Universität. Sicherlich verbindet die vielen Demonstranten das Gefühl, als junge Ausländer unter Generalverdacht zu stehen, seitdem Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) die Kriminalitäts-Debatte losgetreten hat.
Doch der gut funktionierende Reflex, sich als Ausländer ungerecht behandelt zu fühlen und bei der Polizei generell schlechte Karten zu haben, wird durch die Biografie des 17-Jährigen ausgehöhlt. Zwar hatte er einen marokkanischen Pass, geboren wurde er aber in Deutschland, seine Eltern leben seit vierzig Jahren hier. Und nach Bekunden der Familie fühlte sich Saleh als „kölscher Jung“. Dennoch ist der junge Mann nach seinem Tod blitzschnell in die Rolle eines Märtyrers erhoben worden. Im Internet findet sich eine Darstellung des Jungen mit Engelsflügeln - die Fotomontage haben sich Freunde einfallen lassen. In pathetischen Zeilen teilen sie mit, dass „ein neuer, schöner Engel geboren wurde“. In einem Gästebuch haben sich mehr als hundert Menschen verewigt. Nach Ansicht vieler Wissenschaftler ist die Diskussion um kriminelle Jugendliche inzwischen an Absurdität kaum zu überbieten. „Das Thema ist unglücklicherweise stark ausgeschlachtet worden“, sagt Friedrichs. Und es ist kaum anzunehmen, dass die Debatten ein Ende haben, wenn am kommenden Sonntag um 18 Uhr die Wahllokale in Hessen schließen. In Köln gehen die Menschen vorerst weiter auf die Straße. Und nicht nur aus Trauer.
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