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Die Hamas und das Stockholm-Syndrom

Von TOBIAS KAUFMANN, 23.01.08, 23:09h

Die Palästinenser verstehen es, Bilder zu liefern. Ob bei kameragerechten Schießereien, bei „Spontandemonstrationen“ mit Kerzen oder jetzt, beim Sturm auf Rafah.

Die Palästinenser verstehen es, Bilder zu liefern. Ob bei kameragerechten Schießereien, bei „Spontandemonstrationen“ mit Kerzen oder jetzt, beim Sturm auf Rafah. Natürlich steht hinter dem Strom Zehntausender über die ägyptische Grenze auch Verzweiflung. Die Vorräte im Gazastreifen sind knapp, nicht erst seit der jüngsten israelischen Blockade. Aber die Hamas versteht es, Not propagandistisch auszuschlachten. Sprengstoff, Munition und Kommunikationstechnologie sind inmitten der Krise stets ausreichend vorhanden.

Gaza und die internationale Bühne sind von einer Art Stockholm-Syndrom ergriffen. Die Hamas-Regierung hält die eigene Bevölkerung als Geisel - und erntet Verständnis, gar Sympathie. Sie hat es in der Hand, den entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit freizulassen und die Angriffe auf Israel einzustellen. Da sie es nicht tut, trägt die Hamas die Verantwortung für die Folgen.

Es gibt viel zu verurteilen an Israels Politik gegenüber den Palästinensern. Aber in Sachen Gaza ist Israel nicht der Aggressor. 2005 hatte Israels Regierung den Rückzug aus dem Küstenstreifen durchgesetzt - ohne Gegenleistung und gegen gewaltigen Widerstand. Gaza ist seitdem eine palästinensische Angelegenheit.

Den normalen Palästinensern hat das aber nichts gebracht. Von der Besatzung schlitterten sie erst in den innerpalästinensischen Machtkampf und dann in die Wirklichkeit von Hamastan, in der die Schaffung einer islamistischen Konsensgesellschaft und der fanatische Kampf gegen Israel Vorrang haben vor dem Wohlergehen der Bevölkerung. Der unablässige Raketenregen aus dem Gazastreifen auf die israelische Stadt Sderot ist dafür ein Beispiel. Nur aus Zufall sind bisher die meisten Raketen ins Leere gegangen. Jederzeit kann eine Kassam einen Kindergarten treffen. Diese Bedrohung kann keine Regierung der Welt ignorieren. Es ist grotesk, von Israel zu verlangen, dass es einen Grenzverkehr mit Gaza aufrechterhält, als wäre nichts gewesen.

Ägypten hat die Grenze aus Sicherheitsgründen schon seit Monaten dichtgemacht - internationalen Protest gibt es nicht. Im Gegenteil: Die Europäische Union ist an den Grenzkontrollen beteiligt, weil sie um die Gefahren sehr genau weiß. Es ist kein

Zufall, dass die Hamas nach ihrer Mauersprengung den Status quo in Frage stellt. Sie will allein mit den Ägyptern den Übergang Rafah überwachen - womit Waffen und Terroristen einsickern könnten. Hinter einer Aktion, die nach Nothilfe aussieht, steckt das Kalkül der Hamas.

Gegen sie kann sich Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nur behaupten, indem er Parolen verbreitet, an die er vermutlich selbst nicht glaubt. So prangerte er vergangene Woche Israel für ein „Massaker“ im Gazastreifen an, das in Wahrheit ein Gefecht zwischen Hamas-Kämpfern und israelischen Soldaten war. Abbas muss in der palästinensischen Öffentlichkeit auf Kosten Israels punkten - und Israel muss es hinnehmen, um Abbas zu stärken.

Hilflosigkeit verbindet Jerusalem und Ramallah. Auch die kalte Erpressung, die Israels Blockadepolitik ohne Frage darstellt, verpufft. Irgendwann wird Israel eine groß angelegte Offensive inklusive einer vorübergehenden Wiederbesetzung des Gazastreifens starten. Dass die Hamas diesen Existenzkampf nicht riskiert, ist keineswegs sicher. Denn leiden würden wieder Zivilisten.

tobias.kaufmann@mds.de



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