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Historische Bilanz

Gerechtigkeit für Weimar

Von Tobias Kaufmann, 25.01.08, 08:54h, aktualisiert 07.07.08, 11:16h

Die erste deutsche Demokratie war ein Experiment, ständig vom Scheitern bedroht, aber zugleich immer am Rand des Gelingens. Die Bilanz einer gescheiterten Republik.

Der blaue Engel
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Weimarer Leistung: "Der blaue Engel", Deutschlands erster Tonfilm. (Bild: Archiv)
Der blaue Engel
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Weimarer Leistung: "Der blaue Engel", Deutschlands erster Tonfilm. (Bild: Archiv)
Kann man stolz sein auf einen Versager? Auf eine „Demokratie ohne Demokraten“, wie der Historiker Heinrich August Winkler die Weimarer Republik nannte? Wohl kaum. Dazu hat es sich zu sehr eingeprägt, das geflügelte Wort von den „Weimarer Verhältnissen“, jene Chiffre für Chaos und Instabilität, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Scheitern.

Die Verunglimpfung, unter der die erste deutsche Demokratie vom ersten Tag an litt, hält auch nach ihrem Tod an - so als wäre diese schwächliche Republik nicht ein Opfer deutscher Raserei gewesen, sondern schuld am deutschen Unglück. Vom Verfassungsrahmen bis ins menschliche Detail hatte diese Demokratie Fehler, „Geburtsfehler“ gar, wie Verfassungshistoriker sagen. Aber Weimar auf seine Fehler zu reduzieren, hieße die Idee der sozialen Demokratie von 1918 / 19 nur von ihrem Untergang her zu betrachten. Das ist unhistorisch - und ungerecht.

Aus den Trümmern des Ersten Weltkriegs und auf dem Morast deutscher Großmannssucht eine liberale Demokratie zu bauen, allein dieser Versuch war bemerkenswert. Doch so wie der 11. August als Nationalfeiertag längst vergessen ist, an dem die Weimarer Verfassung in Kraft trat, so ist auch weitgehend vergessen, wie erfolgreich dieser Versuch gewesen ist. Das Wahlrecht für Frauen, der Acht-Stunden-Arbeitstag, die Mitbestimmung, das endgültige Ende der Staatskirche, garantierte Grundrechte, Volksbegehren und Volksabstimmungen - das alles sind Weimarer Leistungen. Der Verfassung gelang es, so ihr maßgeblicher Schöpfer Hugo Preuß, „zum ersten Mal in der deutschen Geschichte den Grundsatz zu verwirklichen: Die Staatsgewalt liegt beim Volk“.

Mag das rückblickend die übertrieben pathetische Würdigung eines sozial-demokratischen Wolkenkuckucksheims gewesen sein - der Luftzug von Weimar hat das Land nie auf den Kopf gestellt. Aber er hat es eben doch bis in die kriegsmodrige Ebene erreicht. Zwischen Krieg und Krieg lag eine Phase, die literarisch und künstlerisch so rasant, so kreativ, so frei und so ertragreich war wie kaum eine andere in Deutschland. Das kleine, schwache Weimar hat Weltliteratur hervorgebracht: Die Manns, Kästner, Brecht, Remarque, Döblin, Werfel, die Zweigs stehen nur für einen Bruchteil davon. Die Zersplitterung der Weimarer Gesellschaft, viel beklagt und karikiert, hat auf der anderen Seite zu einer vielfältigen Presselandschaft geführt, die ihresgleichen sucht - auch heute noch. Polemik, Essay, Satire, all diese Kunstformen des streitfreudigen politischen Journalismus, haben in Weimar geblüht wie nie zuvor und selten danach. Dazu gehörten der Aufstieg des Films, das Bauhaus, experimentierfreudige, internationalisierte Musik, die Befreiung der Erotik aus den Untertanen-Ehebetten - und das inmitten ökonomischer Krisen und der weitgehend ungebrochenen Macht eines antidemokratischen Erbes.

Trotz der Demütigungen nach dem Ersten Weltkrieg, trotz des Versailler Vertrags und der Gebietsverluste hat die Weimarer Republik eine atemberaubende außenpolitische Bilanz vorzuweisen. Männer wie Erzberger, Rathenau und Stresemann stehen dafür - Politiker, die von den Monarchisten, vom rechtsradikalen Militär und seinen Parteigängern verunglimpft und sogar ermordet wurden, weil sie Deutschland vom Rand in die Mitte der Nationen zurückgeführt haben. Die Verständigung mit Frankreich, für die Gustav Stresemann und Aristide Briand 1926 den Friedensnobelpreis erhielten, die schrittweise Revision des Versailler Vertrags, die zum Ende der Reparationszahlungen führte, sind Glanzstücke deutscher Politik.

Es stimmt auch nicht, dass die Deutschen durch die gesamte Weimarer Zeit hindurch demokratiefeindlich gewesen wären. 1920 rettete ein Generalstreik der Arbeiter und Beamten nach dem Kapp-Putsch die junge Republik. Bei den meisten Reichstagswahlen hatten die bürgerlichen Parteien eine relative Mehrheit; bis 1932 waren die Sozialdemokraten stets stärkste Partei.

Dennoch ist Weimar untergegangen. Der Pakt der SPD-Führung mit dem Militär gegen eine vermeintliche bolschewistische Bedrohung, die in dieser Form zu keiner Zeit bestand, hat dazu bereits in den ersten Jahren der Republik beigetragen. Nach diesem Verrat erreichte die „Weimarer Koalition“ aus SPD, Zentrum und Liberalen nie mehr die absolute Mehrheit.

Ebenso unheilvoll war die Unfähigkeit der Parteien, Kompromisse zum Wohle der Allgemeinheit zu schließen. Diese parlamentarische Spielregel hatten die deutschen Parteien nicht gelernt. Sie mussten sie auch nicht lernen, weil laut Artikel 48 der Weimarer Verfassung die Möglichkeit bestand, das Parlament zu umgehen und das Land durch einen „Ersatzkaiser“ regieren zu lassen: den vom Volk gewählten Reichspräsidenten.

Doch dieser „Geburtsfehler“ in einer Verfassung, die zwei sich ausschließende Staatsideen gleichberechtigt nebeneinanderstellte, hätte nicht zum tödlichen Defekt werden müssen, wenn nicht ausgerechnet ein verbohrter Feind der Demokratie diesen Posten ausgeübt hätte. Der kaisertreue Paul Hindenburg hat von Anfang an nicht davor zurückgeschreckt, die Verfassung auszuhöhlen und zu brechen, die ihn ins Amt brachte. Am 12. März 1933, kaum war die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten vollendet, verfügte der Präsident der Weimarer Republik, bis zur endgültigen Klärung sei auf allen offiziellen Gebäuden die Fahne des Kaiserreichs neben der Hakenkreuzfahne zu hissen. Artikel 3 der Verfassung, auf die eben jener Präsident einen Eid geschworen hatte, lautete: „Die Reichsfarben sind schwarz-rot-gold.“ Dass dem greisen Hindenburg wegen seines ästhetischen Unbehagens über den „böhmischen Gefreiten“ Hitler mitunter bis heute die Gnade des kleineren Übels zuteil wird, ist ein Skandal.

Die Justiz, der Apparat, das Militär waren mindestens auf dem rechten Auge blind, wenn nicht durch und durch republikfeindlich eingestellt. Die Unfähigkeit, ja den Unwillen, dagegen vorzugehen, hat Kurt Tucholsky dem ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert schon 1926 vorgeworfen: „Die immense antimilitaristische Bewegung wurde von ihm niemals verstanden; die neuaufglänzenden Ideale der Demokratie auch nicht. Dass er die Revolution des Vierten Standes nicht machen konnte, mag sein geschichtliches Verhängnis gewesen sein. Dass er nicht einmal die des Dritten gemacht hat, ist seine Schuld.“

Alles überlagernd nahm die wirtschaftliche Krise der Republik den Atem. Es ist ihrer Wirtschaft und Politik aus vielen Gründen nicht gelungen, anhaltenden, allgemeinen Wohlstand zu schaffen - politisch waren dafür die Reparationen stets eine willkommene Ausrede, obwohl das Reich nicht so viel zahlte wie auf dem Papier verlangt. Als die USA in der Weltwirtschaftskrise die Kredite abzogen, auf denen der zwischenzeitliche deutsche Aufschwung fußte, wurde der Republik wirtschaftlich das Genick gebrochen.

Die enormen Kosten für Kriegsrenten waren wie viele andere Haushaltsrisiken der jungen Republik ein Erbe des Kaiserreichs und dessen Politik, die Arbeitslosigkeit und eine regelrechte Verelendung lagen zwar nicht allein aber zu einem großen Teil in der Weltwirtschaftskrise begründet. Doch alles wurde der Weimarer Demokratie angelastet. Deren Feinde von links und rechts, KPD und NSDAP, die das Gleiche hassten, aber nicht dasselbe wollten, bekamen Aufwind - obwohl sie vor allem es waren, die das Land mit den Kneipenschlachten und Schießereien ihrer Kampftruppen destabilisierten.

Spätestens als Hindenburg 1930 die Koalition des Sozialdemokraten Hermann Müller willkürlich absetzte, war Weimar am Ende. An die Stelle der formalen Republik trat die „kalte Diktatur“. Doch dass das Land den Nazis in die Hände fallen würde, war selbst da nicht ausgemacht. „Der gewaltige nationalsozialistische Angriff auf den demokratischen Staat ist abgeschlagen“, zitierte der „Welt“-Journalist Sven Felix Kellerhoff kürzlich aus der „Frankfurter Zeitung“ vom 1. Januar 1933. Diese Ansicht vertraten die meisten Blätter damals. Die „Vossische Zeitung“ glaubte die Republik gerettet. „Nicht, weil sie verteidigt wurde, sondern weil sich die Angreifer wechselseitig erledigten.“

Vier Wochen später war die Republik Geschichte. Von ihren Verteidigern blieb die Rede des Sozialdemokraten Otto Wels, der den Nazis am 23. März 1933 in der letzten freien Rede im Reichstag entgegnete: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“

Gemeinhin wird dem Widerstand der Attentäter vom 20. Juli 1944 zugeschrieben, dass er es Deutschland ermöglichte, das Gesicht zu wahren. Aber die „zweite Chance“, die die Alliierten den Deutschen nach dem Krieg zugestanden haben, hat auch mit der Weimarer Zeit zu tun, mit dem real existierenden anderen Deutschland zwischen Kaiserreich und Barbarei. Bei allen Fehlern, die dieser Versuch hatte, und die auszuschließen das Bonner Grundgesetz garantieren sollte - die Republik von Weimar war ein großartiges Experiment. Es war ständig vom Scheitern bedroht, aber zugleich immer am Rande des Gelingens. Sie war schwach, die erste deutsche Demokratie, und am Ende, als sie erdolcht wurde, war sie wehrlos. Aber das ist kein Grund, nicht stolz zu sein auf diese kränkliche Gestalt. Weimar war größer als das meiste, das man auf deutschem Boden jemals für groß hielt.



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