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Von Kümmeltürken und Arbeitsmaschinen

Erstellt 21.01.08, 20:42h, aktualisiert 22.01.08, 00:15h

Was haben „Imis“ und „Eingeborene“ gemeinsam? Was trennt Kölner aus deutschen von denen aus türkischen Familien? In der neuen Serie „Ihr Deutschen - Ihr Türken“ kommen 20 türkische und deutsche Frauen und Männer zu Wort. Den Anfang machen die Kaberettisten Fatih Cevikkollu und Jürgen Becker.

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Fatih Cevikkollu
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Fatih Cevikkollu
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Jürgen Becker
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Was haben „Imis“ und „Eingeborene“ gemeinsam? Was trennt Kölner aus deutschen von denen aus türkischen Familien? In der neuen Serie „Ihr Deutschen - Ihr Türken“ kommen 20 türkische und deutsche Frauen und Männer zu Wort. Den Anfang machen die Kaberettisten Fatih Cevikkollu und Jürgen Becker.

Kabarettist Fatih Cevikkollu:

Ihr deutschen Eingeborenen, hört auf mit der Kriminalisierung der Moslems. Der Großteil der Menschen will den lieben Gott doch nur einen guten Mann sein lassen. Die Türken sind orientierungslos: Gestern Kümmeltürke, heute Top-Terrorist - und immer schön am Rande der Gesellschaft, wo er rumsteht und nicht weiterweiß: Darf ich in eine Moschee gehen oder bin ich dann verdächtig?

Liebe Deutsche, vergesst die Unterscheidung zwischen Zugezogenen und Eingeborenen und macht euch stattdessen auf die Suche nach dem „Ali“ und der „Aishe“ in euch. Ich habe den „Hans“ in mir schon gefunden. Deutschland ist meine Heimat. Ich kann nichts dagegen tun. Trotz all der Imageprobleme, die Türken hier haben. So muss ich immer noch den Satz hören: „Oh, Sie sprechen aber gut deutsch.“ Dann sage ich: „Danke schön, ich wünsche, ich könnte dasselbe von Ihnen behaupten.“ Schlimm sind auch die Verständnisvollen, diese Positivrassisten, die, die Bescheid wissen: „Sie kommen ja aus einem anderen Kulturkreis, das respektiere ich. Sie wollen sicher eine Jungfrau heiraten.“ Was soll das? Hast du schon mal mit einem Anfänger Tennis gespielt? Kein Ballgefühl.

„Bleibt da weg“

Ich habe mit diesen Leuten, die mit einem Stock im Arsch rumlaufen, nichts zu tun. Ich war nie Teil einer Parallelgesellschaft. Meine Mutter hat mich von diesen Hinterhofmoscheen ferngehalten. „Bleibt da weg“ hat sie gesagt. „Das ist Hirnwäsche, das sind Hassprediger, das hat mit dem Islam nichts zu tun.“ Ich halte Distanz zu religiösen Vereinigungen, weil solche Zusammenschlüsse immer den Ausschluss von anderen bedeuten. Trotzdem sage ich: Baut die Moschee in Ehrenfeld! Auch mit Minaretten und Kuppel! Damit die Wellblech-Moschee-Idioten aufhören, Hass zu säen, der bei denen einen Nährboden findet, die sich ausgegrenzt fühlen.

Dass so viele heute an seltsamen und konservativen Werten festhalten, ist ein hausgemachtes Problem. Man hat die Türken in einen Kokon getrieben. Integrationspolitik hat nicht stattgefunden. Der Plan war ein anderer: Die Türken sollten nach Deutschland kommen und wieder gehen. Das ist wie bei einer Pflanze, die immer nur im Topf wächst und nicht ins Beet gesetzt wurde, wo sie eigentlich schon früh reingehört hätte. Warum sollte Ali hier Wurzeln schlagen?

Angst statt Respekt

Also blieben viele Türken unter sich. Da herrscht zum Teil eine strenge Hierarchie, die nicht selten auf Angst statt auf Respekt beruht. Da haben einige nicht mitgenommen, dass Menschen miteinander reden können, Sexualität ein Urtrieb ist und Entwicklung immer auch Veränderungen mit sich bringt. Dieser konservierten Welt muss man knallhart das geltende Recht entgegenhalten und immer wieder Gelegenheiten zur Begegnung schaffen. Vieles, was heute unter der Überschrift Integration diskutiert wird, hat mit sozialen Entwicklungen zu tun. Perspektivlosigkeit führt zu Verzweiflung und zu den Auswüchsen, die wir beklagen. Hinzu kommt die Ausgrenzung, die zum Rückzug ins Religiöse führt. Und man darf nicht vergessen: Da sitzt dir nicht die Bildungselite der Türkei gegenüber.

Das sind tolle, einfache Menschen, die sich und ihr Wertesystem nicht in Frage stellen wollen. Und die denken nicht immer gut von den Deutschen: „Das sind doch Kühlschränke, Roboter, die können weder singen noch tanzen, noch haben die einen Funken Leben im Leib; das sind Arbeitsmaschinen.“

„Die Mauer muss weg“

Ich bin in dem ständigen Bewusstsein aufgewachsen, dass wir irgendwann zurückkehren. Wir haben zu fünft auf 50 Quadratmeter gelebt. Alles wurde eingekauft und weggepackt. Wir lebten mit einer Kartonmauer in der Wohnung, und ich stand da und habe gerufen: „Die Mauer muss weg, die Mauer muss weg!“ Was verdient wurde, ist in der Türkei investiert worden. Das Problem ist nicht, dass die Türken vergessen haben zurückzukehren. Sie haben vergessen, hier anzukommen.

------------------------------------------------------ Kabarettist Jürgen Becker:

Ihr Türken könnt ja nichts dafür, dass ihr Moslems seid. Wir Deutschen können nichts dafür, dass wir hier in den europäischen Wäldern einst eine Religion aus der Wüste bekamen. Hätte Karl Martell 732 die Araber nicht bei Portier gestoppt, wäre der Kölner Dom eine Moschee. Die Türken standen schon mal vor Wien und haben uns den leckeren Kaffee gebracht, dann hat man sie wieder nach Hause geschickt. Sonst sänge jetzt der Papst vom Minarett.

Jeder bleibt in der Regel bei der Religion, in die er geboren wird, und wer hätte dafür mehr Verständnis als der Rheinländer: Die ganze Scheiße neu auswendig lernen ist zu viel Arbeit. Ich appelliere dazu, mehr Gelassenheit zu zeigen und dazu, sich mehr an der Unterschiedlichkeit zu erfreuen. Das ist doch super, was es alles gibt: Religionen mit Gott, Buddhisten ohne Gott, mit 1000 Göttern wie bei den Hindus oder die Agnostiker, die sagen, ich habe keine Ahnung und nehme den Fifty-fifty-Joker.

Der Glaube an Vernunft

Niemand ist ungläubig oder unrein, selbst Atheisten glauben an die Vernunft, was schon schwer genug ist. Das müssen auch die strengen Moslems einsehen. Sie haben offenbar ständig Angst, im himmlischen Elferrat neben den Falschen sitzen zu müssen. Gut, der Gedanke, da neben Kardinal Meisner zu landen, ist unschön, aber ewiges Leben heißt ja auch nicht, dass das nie vorbei ist.

Natürlich könnt ihr eure Religion ausüben. Natürlich dürft ihr eine schöne Moschee bauen. Es will ja auch kein Katholik ein Pontifikalamt in einer alten Druckerei abhalten. Aber ihr müsst auch aushalten, dass euch andere kritisieren oder sich über euren Glauben amüsieren. Das müssen Christen auch - bis hin zur Blasphemie. Das ist eine tolle Sache. Jesus war für Juden und Römer ein Gotteslästerer. Trotzdem oder gerade deshalb ist eine recht passable Firma daraus entstanden.

Religion ist nicht statisch

Religionen sind nicht statisch, sondern sich permanent verändernde Gedankengebäude. Sie sind wie Häuser, und die muss man einfach von Zeit zu Zeit mal gründlich renovieren. Und da habt ihr Moslems die letzten paar hundert Jahre ziemlich geschlunzt. Ihr wohnt in einem Altbau mit zu niedrigen Decken. Vor allem die Frauen haben bessere Zimmer verdient. Aber wo könnte die dringend notwendige Kern-sanierung besser stattfinden als hier in Europa? Schließlich haben wir auch von euch profitiert. Als das christliche Abendland im Mittelalter geistig erstarrte, habt ihr Muslime die ersten Universitäten gegründet. Viele Grunderkenntnisse der Wissenschaft haben wir indirekt von euch: Algebra, Dezimalsystem und Döner-Sandwich, um mal die drei Wichtigsten zu nennen. Mohammed sprach: „Jeder Moslem ist verpflichtet, Wissen zu suchen!“ Doch dann kamen eines Tages diese Ayatollahs, Muftis und Imame, die sagten: „Aus A folgt B, aber nur, wenn es Allahs Wille ist.“ Folge: Jeder fünfte Mensch auf der Welt ist Moslem, aber von 100 Wissenschaftlern bekennen sich nur zwei zum Islam. Insofern ist die Angst vor dem Islam unterschwellig vielleicht die Angst davor, dass uns die Unterschicht überrollt. Uns kommt der Islam ein wenig vor wie RTL 2. Ein Deppensender mit jeder Menge Action. Der Buddhismus hingegen kommt uns vor wie Arte: Alle sind froh, dass es das gibt, aber keiner guckt. Ein soziales Problem.

Problem Hauptschule

Insofern müssen wir uns gemeinsam dort engagieren, wo es viele türkische und andere Muslime gibt: an unseren Hauptschulen. Man kann doch nicht akzeptieren, dass 15 bis 20 Prozent aller Schüler einfach ins Nichts laufen. Besser wäre, die Hauptschule ganz abzuschaffen, aber leider ist die CDU geistig noch zu stark im Ständesystem verhaftet. Die Wirtschaft boomt, aber das sogenannte abgehängte Prekariat wird größer. Gerade jetzt, wo sich die gebildeteren Schichten mit der Fortpflanzung so zurückhalten, hängt die Zukunft dieses Landes davon ab, wie viele es von den Hauptschulen an die Universitäten schaffen. Ob Türken oder Deutsche, mit Migrations-Hintergrund oder ohne. Diese Kinder sind unsere Kinder.



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