Von INGO LANG, 05.02.08, 16:39h
Über eine Holzstiege geht es in die erste Etage; vor der Türe stehen die Schuhe der Kinder. Drinnen laufen sie auf Socken und fühlen sich offensichtlich pudelwohl. Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad - eine ganz normale Wohnung dient ihnen als Refugium.
Hier kümmern sich acht ehrenamtliche Betreuer, fünf Frauen und drei Männer, nicht allein um die Hausaufgaben der Kinder. Hier können die Mädchen und Jungen über ihre Sorgen und Nöte sprechen, können um Rat fragen, werden gefördert - aber auch gefordert. Sozialarbeit rund ums Jahr, tagein, tagaus.
Respekt und Achtung
Dabei haben Brigitte Dimitrijevic und ihre Kolleginnen und Kollegen nicht das Lächeln verlernt. Manfred Kauschke, der Jahrzehnte als Bankkaufmann bei der Kreissparkasse schaffte, unterstützt die mittlere Altersgruppe, die Zehn- bis Zwölfjährigen, bei den Hausaufgaben. Aufgeregtheit lässt er erst gar nicht aufkommen. Ruhig und freundlich leistet er Hilfe zur Selbsthilfe. Nebenan sitzt Brigitte Dimitrijevic mit den Kleinen, den Sechs- bis Neunjährigen. Das geht temperamentvoller zu. Aber auch sie bleibt ganz gelassen, muss nicht einmal die Stimme heben. Was Brigitte sagt, wird getan. Aus Respekt und Achtung vor ihr, nicht aus Angst vor Sanktionen.
Die strenge Art, das würde der 58-Jährigen erkennbar nicht liegen. Sie leitet lieber lächelnd an. Oder auch ernst und durchaus mit Nachdruck. Das reicht. Drei eigene Kinder hat die Hausfrau groß gezogen, hat deshalb aber längst nicht die Nase voll von Erziehung. „Kinder sind mein Ding“, gesteht sie, „das war schon immer so.“ Schon als Jugendliche habe sie gern Babys betreut.
1994 meldete sie sich, als Stadt und Kirche Betreuer für Spielgruppen suchten. Ein Praktikant der Stadt gab dann den Anstoß fürs Projekt Hausaufgabenbetreuung: Eigentlich sei es doch sinnvoll, so etwas einzurichten. Brigitte Dimitrijevic fand die Idee toll, stieg ein, kam schnell zur Erkenntnis, dass zwei bis drei Termine wöchentlich nicht reichen. „So etwas muss täglich laufen.“ Gesagt, getan. Heute kommen die Kinder an jedem Werktag. Während der Schulzeit werden Aufgaben gemacht, in den Ferien wird gespielt. Oder Ausflüge werden unternommen, wenn Geld dafür da ist.
18 Mädchen und Jungen von sechs bis 16 Jahren werden derzeit im Dammweg betreut. Sie stammen aus Syrien, aus dem Irak, vom Balkan oder aus der Türkei. Ihr Leistungsspektrum reicht von Förderschule bis Gymnasium. Da dürfen es dann auch nicht viel mehr Schützlinge als die genannten 18 sein, sagen die Ehrenamtler. Sonst wäre das Unternehmen kaum noch steuerbar, kämen die einzelnen Kinder zu kurz. Was dem eigenen Anspruch nicht mehr genügen würde, den Kindern zu helfen.
Zwei mal wöchentlich widmet sich Dimitrijevic außerdem den Müttern der Kinder, bietet Deutschkurse an. Da wirbt sie gleichzeitig für hiesige Werte und Standards. Beispiel: Auch Mädchen brauchen Bildung. Sie als Hausmütterchen, die nicht rechnen, schreiben und lesen können müssen, in die Wohnung sperren, das läuft hier nicht so. Deshalb genüge es auch nicht, wenn die begabte Tochter nur die Förderschule besuche, weil sie als Mädchen eh nicht mehr wissen müsse. Das rüberzubringen erfordert Fingerspitzengefühl beim Dickbrettbohren, gibt Dimitrijevic zu verstehen. Belohnt werden sie und ihr Team von all den kleinen Erfolgen, die ihre Schützlinge in der Schule und im Leben erzielen. Und von Bekenntnissen, gern in die Hausaufgabenhilfe zu kommen: „Das mache ich viel lieber als Schule“, sagt der zwölfjährige Hamet.
Wie im Märchen
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Und die Schulen schätzen die Arbeit der Hausaufgabenhelfer ebenfalls, geben auf den Zeugnissen gern gleich auch Tipps, wo es bei den Kleinen noch hapert. Das wird dann prompt erledigt. Wenn schließlich ehemalige „Absolventen“, die längst ihr Abitur in der Tasche und erste berufliche Erfolge zu verbuchen haben, bei offiziellen Anlässen wie der Ehrenamtlerehrung beim Kreis „ihrer“ Hausaufgabenhilfe danke sagen, ist das fast wie im Märchen. Dann lächeln Brigitte Dimitrijevic und ihre Kolleginnen und Kollegen nicht nur, dann strahlen sie.
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