Erstellt 15.02.08, 10:47h
BAYRAM: Wenn das so weitergeht wie im Moment, kann man das nicht ausschließen.
Wenn was so weitergeht?
BAYRAM: Die Jugendlichen brauchen früh genug gezielte individuelle Hilfsangebote, damit sie die Schule mit guten Schulabschlüssen verlassen, um überhaupt einen Ausbildungsplatz zu finden. Das hat absoluten Vorrang. Und nicht mehr Strafen, wenn es schon zu spät ist. Die Jugendlichen brauchen Erfolge. Doch das wird immer schwieriger. Wenn ausländische Jugendliche wegen eines fehlenden Schulabschlusses immer mehr zu Außenseitern werden, werden sie irgendwann darauf reagieren. Ich weiß nicht wie. Aber sie werden reagieren.
Wie in Frankreich?
BAYRAM: In Frankreich ist das schon anders. In den Ghettos von Marseille, Paris, Lyon gibt es keine Kommunikation mehr zwischen den Bevölkerungsgruppen.
Das sehen Sie hier noch nicht?
BAYRAM: Nein, gottlob nicht. Aber ich habe das Gefühl, es wird sich auch hier etwas entwickeln.
Sagen Sie es doch konkreter?
BAYRAM: Das Pendel kann nach beiden Seiten ausschlagen. Entweder diese Jugendlichen sehen sich als Teil dieser Gesellschaft oder sie grenzen sich weiter aus.
Ist die Aggression bei ausländischen Jugendlichen gewachsen?
BAYRAM: Die Zuspitzung auf Ausländer ist falsch. Das Aggressionspotenzial bei benachteiligten Jugendlichen ist überall gleich hoch.
Also geht es um Benachteiligung?
BAYRAM: Ja, die Jugendlichen sind frustriert. Der qualifizierte Hauptschulabschluss ist für sie aufgrund der sprachlichen Defizite und der familiären Situation schwer zu schaffen. In der 9. und 10. Klasse sind die Jugendlichen schulisch oft schon weiter als ihre Eltern. Diese Eltern können nur sehr schlecht einschätzen, was so ein Schulabschluss bedeutet und was es auch für die Jugendlichen heißt, den Anforderungen in Mathematik, Deutsch, Englisch gerecht zu werden. Einerseits erwarten diese Eltern gute Leistungen von ihren Kindern. Andererseits können sie ihnen nicht helfen. Und im Umfeld ist auch niemand, der das kann. Die Eltern fühlen sich hilflos. Folglich meiden sie die Schule.
Meiden?
BAYRAM: Sie trauen sich nicht. Wir haben gefragt: Von 36 Eltern gingen nur 7 zum Elternabend.
Nun setzen Sie genau da an. Muss man bei ausländischen Jugendlichen anders als bei deutschen mehr auf die Eltern zugehen?
BAYRAM: Das wäre mittlerweile auch bei deutschen Jugendlichen notwendig, mehr oder andere Elternarbeit zu machen.
Jugendliche finden die Eltern in der Pubertät doch eher peinlich.
BAYRAM: Bei den ausländischen Familien ist der Zusammenhalt noch stärker, obwohl die Probleme gravierender sind. Untersuchungen zeigen das: 84 Prozent der türkischen Jugendlichen treffen die Entscheidungen zusammen mit ihren Eltern, sei es bei Fragen der Ausbildung, Berufswahl, Heirat, Militärdienst oder Einbürgerung. Die sind noch sehr stark verbunden. Wenn wir also bei den Jugendlichen etwas verändern wollen, Kompetenzen fördern, müssen wir auch mit den Eltern arbeiten. Wenn wir Verhärtungen aufbrechen sollen, Frust abbauen, dann müssen uns die Eltern unterstützen. Dafür aber müssen sie gewonnen und sensibilisiert werden.
Ein Beispiel?
BAYRAM: Zum Beispiel: Lernen lernen. Die Jugendlichen lernen in einem Wochenendseminar: Was für ein Lerntyp bin ich, welche Schwierigkeiten habe ich, wie kann ich mich motivieren? Dann besprechen wir mit den Eltern, wie sie ihre Kinder unterstützen können. Dazu zählt, dass sie Raum schaffen müssen für die Jugendlichen, dass diese einen Tisch brauchen, an dem sie arbeiten können, dass sie nicht gestört werden dürfen durch den laufenden Fernseher, durch Besuch.
Sie erziehen die Eltern gleich mit?
BAYRAM: Die Eltern erfahren, dass es auf regelmäßiges Arbeiten ankommt. Dass büffeln nur vor den Klassenarbeiten nichts bringt. Das wissen viele nicht. Wir laden zu den Elternabenden verschiedene Experten ein. Experten, die über Pubertät, Erziehung, Schulabschlüsse informieren. Wir geben den Eltern Kompetenz zurück. Wir bieten ihnen acht bis zehn Seminare im Jahr an, auf Türkisch und Deutsch, damit alles verstanden wird. Ohne Eltern geht nichts.
Wie streng sind die Eltern?
BAYRAM: Viele türkische Eltern erziehen ihre Kinder noch immer türkeiorientiert, heimatorientiert, teilweise autoritär. Die Jugendlichen aber entdecken, wenn sie in die Pubertät kommen, die deutsche Kultur. Sie vergleichen und suchen eine eigene Identität. Wie alle anderen Jugendlichen wollen sie dann nicht nur das tun, was ihre Eltern sagen. Plötzlich empfinden diese Eltern ihre Kinder als schwierig, aber auch die kommen mit den Eltern nicht mehr klar. Beiden Seiten erklären wir, was da aufeinanderprallt.
Hört sich gut an. Aber kann man da so schnell etwas verändern?
BAYRAM: Eine Menge. Die Eltern sind vorsichtig, aber sie werden Schritt für Schritt ihren Kindern gewisse Freiheiten geben. Die Kinder gehen mit uns ins Kino, ins Theater, ins Museum, zum Bürgerzentrum. Sie fahren mit uns ins Wochenendseminar. Wir haben immer die Hälfte Jungen, die Hälfte Mädchen dabei. Auch konservative Eltern erlauben, dass ihre Töchter mitgehen.
Weil Sie aufpassen?
BAYRAM: Ja, auch. (lacht) Unsere Arbeit ist ganzheitlich. Nicht nur Hausaufgaben, Nachhilfe, Sprachunterricht. Es geht auch um Persönlichkeitsentwicklung. Die Jugendlichen sollen eine Menge ausprobieren können. Bei uns haben die Kinder die Chance, ihre Fragen loszuwerden. Und sie erhalten Antworten.
Über was können die zu Hause nicht sprechen?
BAYRAM: Zum Beispiel über die Frage: Darf ich eine Deutsche oder einen Deutschen heiraten. Viele Eltern wollen noch durchsetzen, dass ihre Kinder sich nur in der türkischen Gemeinschaft bewegen.
Was sagen Sie dann?
BAYRAM: Wir reden nicht direkt dagegen, aber zeigen sehr deutlich die Konsequenzen, die Nachteile.
Welche Tabuthemen gibt es noch?
BAYRAM: Zum Beispiel, wie lang die Kinder ausgehen dürfen. Darüber verhandeln viele Eltern einfach nicht. Auch über Sexualität wird nicht gesprochen.
Und wenn Sie darüber sprechen, wie reagieren die Eltern?
BAYRAM: Unsicher. Die Eltern sagen uns, dass sie Angst um ihre Kinder haben. Angst vor Arbeitslosigkeit, schlechten Freunden, vor Alkohol, Kriminalität und Drogenmissbrauch.
Können Sie die Sorgen nehmen?
BAYRAM: Wir erklären den Eltern sehr behutsam, dass die Jugendlichen mit allem konfrontiert sind und dass es besser ist, mit ihnen darüber zu reden, statt sich zurückzuziehen. Wir sagen ihnen, dass die Jugendlichen Fehler machen dürfen. Und wir sagen ihnen, dass es normal ist, dass ihre Töchter mit 18 Jahren irgendwelche Geheimnisse vor ihnen haben. Zugleich spüren die Eltern, dass wir ihnen den Rücken stärken.
Wie hoch ist der Anteil derer, die die Deutschen negativ sehen?
BAYRAM: Das ist unterschiedlich. Solange die Familien in gemischten Gebieten wie in Ehrenfeld wohnen und Kontakt haben zu deutschen Nachbarn ergibt sich ein differenziertes Bild. Sie klären sich gegenseitig auf und bekommen mit, dass die deutschen Eltern ähnliche Ängste haben.
Bekommt denn ein Schüler aus Chorweiler ein anderes Angebot?
BAYRAM: Wir holen jeden Jugendlichen da ab, wo er steht. Manch einer muss vielleicht erst einmal lernen, mit Konflikten umzugehen. Und er braucht verstärkt Sprachunterricht.
Der türkische Ministerpräsident Erdogan aber fordert türkisch-sprachige Schulen in Deutschland. Was halten Sie davon?
BAYRAM: Ich sehe keine Notwendigkeit dafür. Der Erfolg im deutschen Bildungssystem zählt. Für die ohnehin unsichere türkische Bevölkerung war dieser Vorschlag nicht sinnvoll.
Was läuft zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen?
BAYRAM: In der Bahn, auf den Ringen fallen manche ausländischen Jugendlichen oft unangenehm auf. Dahinter steckt, dass diese Jugendlichen schon aus beiden Kulturen, der deutschen und der türkischen, herausgefallen sind. Aber im Grunde wollen auch sie dazugehören. Eigentlich fühlen sie sich als Kölner. Wir hier wollen erreichen, dass sie sich in dieser Gesellschaft sicher fühlen, diese mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Nur so geht es.
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