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„Fast wie im Märchen“

Von TIM STINAUER, 15.02.08, 21:23h

Beim Verein „Die Waage Köln e.V.” treffen sich Täter und Opfer zur Aussöhnung. Gerade bei vermeintlichen Lappalien wird ein solches Vorgehen nahegelegt - eine Entschuldigung ist das Ziel der Gegenüberstellung.

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Eine Entschuldigung der Täterin gegenüber dem Opfer ist das Ziel des Gesprächs, das Mediatorin Sabine Bärtels mit den Mädchen beim Verein "Die Waage" führt.
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Eine Entschuldigung der Täterin gegenüber dem Opfer ist das Ziel des Gesprächs, das Mediatorin Sabine Bärtels mit den Mädchen beim Verein "Die Waage" führt.

Es war ein Fausthieb ins Gesicht, den die 15-jährige Julia der ein Jahr älteren Sandra (Namen geändert) vor einigen Wochen im Zorn verpasst hat. Julia dachte, Sandra hätte ihre Cousine verprügelt. Als sie Sandra ein paar Tage später zufällig an einer U-Bahn-Haltestelle sah, zögerte sie nicht und schlug ihr ins Gesicht. Die Mutter des 16-jährigen Opfers bestand auf einer Anzeige bei der Polizei.

Aus strafrechtlicher Sicht ist die Tat eine Lappalie, ein Fall, den ein Staatsanwalt üblicherweise einstellt, zumal die 15-jährige Beschuldigte bislang nie bei der Polizei aufgefallen ist. Gerade bei Jugendlichen könne es aber „fatal sein, wenn sie denken, dass ihr Fehlverhalten überhaupt keine Konsequenzen hat“, sagt Sabine Bärtels (30), Mitarbeiterin des Vereins „Die Waage Köln e.V.“ Um bösen Folgen vorzubeugen, hat der Staatsanwalt die Ermittlungen eben nicht eingestellt, sondern den Mädchen ein Täter-Opfer-Ausgleichs-Gespräch (TOA) nahegelegt. Beide willigten ein und sitzen nun mit der ausgebildeten Mediatorin Bärtels an einem großen Holztisch in einem Büroraum der „Waage e.V.“ an der Roonstraße.

Bärtels:„Wie kräftig hast du den Schlag empfunden? Hattest du Schmerzen?“

Sandra:„Geht. War ein bisschen angeschwollen danach.“

Bärtels:„Hast du geweint?“

Sandra:„Nee, ich dachte nur: Voll krass so. Ich hatte vorher noch nie eine Faust bekommen. War neu für mich, komisch irgendwie.“

Bärtels:„Warum hast du sie geschlagen, Julia?“

Julia:„Ich hatte Wut, weil ich dachte, sie hätte meine Cousine geschlagen. Ich habe erst später erfahren, dass das so gar nicht stimmt. “

Bärtels:„Wie hast du dich nach dem Schlag gefühlt?“

Julia:„Scheiße, absolut scheiße, klar. Ich hatte noch nie jemandem mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Das war ein Reflex, ich hatte mich nicht unter Kontrolle.“

Insgesamt 340 solcher Gespräche haben die Mitarbeiter der „Waage“ voriges Jahr mit minderjährigen Tätern und Opfern geführt, 485 Gespräche mit Erwachsenen. „Wir könnten noch viel mehr machen, denn Fälle gibt es genug“, sagt Norbert Florin, der Geschäftsführer des Vereins. Doch das Geld für weitere Mitarbeiter fehlt. Deshalb ist die „Waage e.V.“ auf Spenden angewiesen. Finanziert wird der Verein zu 60 Prozent

vom Justizministerium NRW und zu 30 Prozent von der Stadt Köln, hinzu kommen zehn Prozent Eigenanteil.

Auch die Staatsanwaltschaft schätzt das Engagement der „Waage“-Mitarbeiter. „Die machen das sehr gut, leisten eine klasse Arbeit“, berichtet Tino Seesko, der Sprecher der Kölner Anklagebehörde. Ein Täter-Opfer-Ausgleich sei „eine besondere Art der Einwirkung, gerade auf Jugendliche“, sagt der Staatsanwalt. Im Gespräch mit dem Opfer werde dem Beschuldigten direkt vor Augen geführt, „was er da eigentlich angerichtet hat“. In manchen Fällen, ergänzt Mediatorin Bärtels, sei ein TOA sogar sinnvoller als ein Prozess vor Gericht, weil beide Parteien Gelegenheit bekämen, sich auszusprechen. „Es geht ja hier um Konfliktbearbeitung. Das können Staatsanwälte und Richter in der Form gar nicht leisten.“

Bärtels:„Warum hast du Sandra nicht zur Rede gestellt?“

Julia:„Das war ein Reflex, ich kenne das sonst auch nicht von mir.“

Bärtels:„Du hast vorhin erzählt, du seist damals in einer stressigen Lebenssituation gewesen.“

Julia: „Ja, ich war aggressiv, meine Eltern hatten sich gerade getrennt. Ich hing auch mit falschen Leuten rum.“

Bärtels:„Wie würdest du so eine Situation wie mit Sandra denn künftig lösen?“

Julia:„Erst mal reden, auf jeden Fall.“

Bärtels:„Nimmst du ihr das ab?“

Sandra: „So, wie sie das jetzt sagt, ja, schon.“

Voraussetzung, dass ein Ausgleich funktioniert, sei die Einwilligung aller Beteiligten, erklärt Florin. Ob eine ernsthafte Bereitschaft zur Aussöhnung besteht, klären die „Waage“-Mitarbeiter vorab in Einzelgesprächen mit den Beteiligten. Mit den Jugendsachen sind vorwiegend eine Diplom-Sozialpädagogin und eine Diplom-Sozialarbeiterin betraut. Alle sechs Mitarbeiter haben eine Zusatzausbildung in Mediation oder Streitschlichtung.

Die meisten Klienten werden von der Staatsanwaltschaft an die „Waage“ vermittelt, manche auch vom Gericht. Verläuft das Ausgleichsgespräch aus Sicht beider Parteien positiv, ist beispielsweise der Täter bereit, dem Opfer freiwillig einen Schadensersatz zu zahlen, stellt die Justiz das Ermittlungsverfahren in der Regel ein oder mildert das Strafmaß für den Beschuldigten. „Idealerweise haben wir dann das Straf- und das Zivilverfahren gleichzeitig beendet“, sagt Florin.

Manche Ausgleichsgespräche

münden durchaus in unkonventionelle Lösungen. Einmal lud ein Täter sein Opfer als Wiedergutmachung ins Fußballstadion ein. In anderen Fällen verbrachten die vorherigen Kontrahenten nach dem Gespräch gemeinsam einen Tag im Phantasialand oder einen Abend im Kino. „Das ist dann natürlich fast wie im Märchen“, findet Florin. Manchmal verlangt das Opfer auch nur eine ehrlich gemeinte Entschuldigung.

Bärtels: „Julia, tut dir der Faustschlag leid?“

Julia:„Ja.“

Bärtels:„Sag das Sandra doch mal selbst.“

Julia:„Es tut mir wirklich leid, ich habe das nicht gewollt.“

Bärtels: „Was brauchst du, um die Sache für dich abzuschließen?“

Sandra:„Eigentlich nichts, ich denke auch nicht mehr oft daran.“

Bärtels:„Also ist es für dich so okay?“

Sandra:„Ja. Ich finde es gut, dass sie heute hierhin gekommen ist.“

Bärtels:„Was passiert wohl, wenn ihr euch das nächste Mal auf der Straße seht?“

Julia:„Wir grüßen uns und gut.“

Nach einer halben Stunde ist das Ge spräch beendet. Sandra Bärtels ist erstaunt - so schnell geht das selten. Die 30-Jährige schreibt noch einen Bericht für den Staatsanwalt. Dann dürfte der Fall erledigt sein.



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