Von THOMAS GEISEN, 15.02.08, 19:12h, aktualisiert 19.02.08, 21:05h
Ist Götz Aly ein Renegat? Abtrünniger eines (linken) Wertesystems, der ins feindliche (rechte) Lager gewechselt ist und nun seinerseits versucht, den „linken Faschismus“ der 68er zu entlarven. Den Dogmatismus, Fanatismus und die Gewaltbereitschaft in dieser Generation, über die schon der Philosoph Jürgen Habermas nachgedacht hat - vor fast vier Jahrzehnten. Insofern hat Alys Streitschrift „Unser Kampf - 1968. Ein irritierter Blick zurück“ kaum Neuigkeitswert. Sie passt aber, nicht nur wegen des Datums, in eine politisch-gesellschaftliche Landschaft, in der zum Sturm auf die revolutionsseligen Protagonisten dieser Zeit geblasen wird. Neue Allianzen braucht das Land - von Eva Herman über Paul Nolte bis hin zu „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. Deren These: Alles Übel dieser Zeit, von Kinderlosigkeit bis zum angeblichen Fehlen eines ethischen Fundaments, sind die Langzeitschäden, die Rudi Dutschke und Kohorten zu verantworten haben.
Ob nun Götz Aly zum Verräter an der Sache geworden ist, hängt vom Standpunkt des Beobachters ab. Klar ist, dass er - seinerzeit am Berliner Otto-Suhr-Institut selber ins revolutionäre Geschehen involviert - zur Vergangenheitsbewältigung angesetzt hat: „Ich konnte gar nicht anders“, sagt er in einem Interview. Als ob es ein inneres Bedürfnis sei, die Welt (wieder einmal) von einer Lebenslüge zu befreien: „Wenige teilten die Ansicht, dass die deutschen Achtundsechziger in hohem Maße von den Pathologien des 20. Jahrhunderts getrieben wurden und ihren Eltern, den Dreiunddreißigern, auf elende Weise ähnelten.“ Und weiter: „Sie verachteten - im Geist des Nazi-Juristen Carl Schmitt - den Pluralismus und liebten - im Geist Ernst Jüngers - den Kampf und die Aktion.“ Und so lässt sich der Titel „Unser Kampf“ als provokativer Dreiklang erklären: Aly mittendrin, der Kampf als zentraler Begriff der 68er und schließlich der Anklang an Hitlers „Mein Kampf“.
Die Rigorosität, ja, die Besessenheit, mit der Aly die Idee von der 68er-Bewegung als „Spätausläufer des Totalitarismus“ durch das Buch transportiert, wirkt am Ende doch etwas irritierend. Man spürt den Furor, mit dem Aly diese Wesensverwandtschaft offenbart. Es geht ihm darum, „die Ähnlichkeiten der Mobilisierungstechnik, des politischen Utopismus und des antibürgerlichen Impetus herauszuarbeiten“. So weit so gut, anregend. Eine Portion zusätzlicher inhaltlicher Analyse wäre aber hilfreich gewesen - gerade weil momentan die „Abrechnung“ mit den 68ern oft so pauschal und banal vorgetragen wird. „Die Aktivisten waren keine Neuerer, sondern Teil eines Problems, das sie weder selbst verursacht hatten noch lösen konnten.“ Aly also bestreitet jegliches historische Verdienst seiner Mitstreiter. Wenn sie denn so unbedeutend waren, wenn die Jungmarxisten keine reale Leistung erbracht haben und nur ein moralisches Überlegenheitsgefühl kultivierten: Waren die Proteste gegen Vietnam und Prag verkehrt? Haben sich Musik, Kultur und Lebensformen in der Folgezeit nicht verändert, wurde nicht die Prügelstrafe in Schulen verboten? Es gab die Grünen und später einen grünen Außenminister, einen schwulen Parteivorsitzenden und sogar eine Kanzlerin. Langwierige Prozesse sind das, die aber irgendwann einmal angeschoben wurden.
Hier soll kein Lamento angestimmt werden nach dem Motto „Es war doch nicht alles schlecht“. Aber: Immer wieder unter Verwendung von NS-Anspielungen in der Wortwahl - die 68er strebten eine „Machtergreifung in Westberlin“ an, bei Demonstration waren „die Reihen fest geschlossen“ wie im Horst-Wessel-Lied - versucht Aly, die zentrale These unterzubringen. Auch der aufkeimende Anti-Amerikanismus (mit der unerträglichen USA-SA-SS-Gleichsetzung) und die vehemente Israel-Kritik werden einzig als Abwehr historischer
Schuld im Kontext des Nationalsozialismus gesehen. Und die NS-Studentenschaft schließlich wollte „wie ihre Nachfahren von 1968 (...) Standesunterschiede nivellieren“. Heißt das im Umkehrschluss, dass eine ideologische Distanz zum Nationalsozialismus sich darin manifestiert, dass man ein möglichst hierarchisch gegliedertes Gesellschaftssystem anstreben sollte? Der Historiker Aly, einmal in Fahrt, argumentiert hier nicht sauber, was andere verdienstvolle Passagen in der Gesamtschau deshalb in Mitleidenschaft zieht. Dazu gehört die unerklärliche Begeisterung für Mao Tse-tung: „Die Kinder der Nazis tanzten um einen kultigen Massenmörder, bewunderten einen großen Führer, der in der von Albert Speer und Joseph Goebbels bevorzugten Bildsprache den angeblich glücklichen Massen zuwinkte und gelegentlich zu ihnen sprach.“
Abenteuerlich wirkt das Bekenntnis des Autors, erst durch Quellenstudium im Bundeskanzleramt, Bundesinnenministerium und Verfassungsschutz die Wahrheit erfahren zu haben. Mit Verlaub: Dass die studentischen Revoluzzer in den Akten ihrer „Gegner“ nicht besonders gut wegkommen, ist naheliegend. Und dass die Bundesrepublik - auch ohne die 68er - gerade dabei war, aus einem Nachkriegs-Heilschlaf zu erwachen, ist kühne Theorie.
Götz Alys „Unser Kampf“ ist nicht als die Arbeit eines Historikers zu lesen, schon eher als Familiengeschichte der Kriegsgeneration und ihrer ungeliebten Sprösslinge. Der Mannheimer Politikwissenschaftler Rudolf Wildemann hat die 68er als die „emotional frierenden Kinder“ bezeichnet, Kinder von Vätern, die aus dem Krieg, so sie ihn überlebten, mit einer seelischen Hornhaut zurückkamen. Aly zitiert einen Amerikaner, der mit Blick auf die Deutschen sagt: „They don't love each other“ - Sie mögen sich nicht. Diese Lieblosigkeit kann vielleicht die Auswüchse dieser Zeit erklären. Mit der historischen Gleichsetzung der Nazizeit und der Studentenunruhen liegt Aly inhaltlich daneben. Dutschke ist kein Goebbels.
Götz Aly: „Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück“ , S. Fischer, 253 Seiten, 19,90 Euro.
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