Von CLAUDIA LEHNEN, 19.02.08, 13:42h, aktualisiert 20.02.08, 12:28h
QUIZ: Mit 10 Fragen die Allgemeinbildung testen
Wenn Kinder zu viel Zeit vor dem Fernseher verbringen, macht sie das dumm, ist das aktuelle Ergebnis einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Ein Drittel aller Schüler in Brandenburg hält Konrad Adenauer für einen DDR-Politiker. Das hat ein Forscherteam der Freien Universität Berlin herausgefunden. Bei „YouTube“ gibt es Videos, in denen sich Jugendliche mit ihrer Unbildung übertrumpfen. Sie wissen nicht, wie George W. Bush mit Vornamen heißt, halten den Dreisatz für eine olympische Disziplin - und haben Spaß dabei. Wer „YouTube“ guckt, lacht über diese Verfehlungen. Erst wenn durchsickert, dass die Unterbelichteten keine humoristischen Einzelfälle sind, steht die Frage im Raum: Was, wenn wir zu einer Gesellschaft der Inkompetenten und Ignoranten werden? Anne Weiss und Stefan Bonner haben gerade ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Generation Doof“. Die These, dass heute Menschen zwischen 15 und 35 eine Generation der Nix-Blicker sind, haben sie auf eigenen Erfahrungen aufgebaut. Betriebe beklagen sich darüber, dass die schulische Ausbildung derer, die sich als Lehrlinge bewerben, häufig zu wünschen übrig lässt. „Einige wissen nicht, wie die Kanzlerin heißt. Wir hören, dass es Bewerber gibt, die nicht rechnen können, vielen fehlt die soziale Kompetenz“, sagt Marianne Becker, Ausbildungsberaterin der Handwerkskammer Köln.
IQ sinkt seit zehn JahrenZudem gibt es auch Wissenschaftler, die das intellektuelle Ausbluten erforscht haben. Siegfried Lehrl, Wissenschaftler an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Erlangen, hat herausgefunden, dass der Intelligenzquotient von Menschen in westlichen Industrienationen seit zehn Jahren sinkt. Und das ist mehr als ein Zwischentief - eher eine Trendwende. Schließlich stieg ihr IQ in den vierzig Jahren zuvor stetig an, wie der neuseeländische Kollege James Flynn errechnete.
Die Pisa-Studie schwebt wie ein erhobener Zeigefinger über dem Land, das einst das der Dichter und Denker zu sein glaubte. Wir schneiden schlechter ab als andere Nationen, jetzt werden wir auch noch dümmer als vorangegangene Generationen. Zumindest ein Teil von uns, und nur ein Teil scheint sich daran zu stören. Pauschal von einer „Generation Doof“ zu sprechen, hält man bei der Studienstiftung des deutschen Volkes für nicht gerechtfertigt. Die Geförderten sind alles andere als Glorifizierer der Trash-Kultur. Unter den Besten sei kein Trend zum Absacken in den Sumpf der Halbgebildeten zu erkennen, sagt Cordula Avenarius von der Studienstiftung. „Uns mangelt es nicht an hervorragenden Leuten.“ Möglicherweise hätte sich aber in der Wissensvermittlung der Schwerpunkt vom Bildungskanon auf Erfahrungskompetenz verlagert. „Vielleicht können heute junge Leute nicht mehr so viel auswendig rezitieren. Aber dafür haben sie Auslandserfahrung und wissen, wie man sich Wissen durch zwei Klicks im Internet beschafft“, erklärt Avenarius.
Unausgebildete SchulabgängerWas die Entwicklung prekärer macht: Neben der Elite verlassen Kinder deutsche Schulen, die nicht lesen können. Jeder fünfte Schulabgänger, sagt Christoph Schäfer von der Stiftung Lesen, sei nicht in der Lage, Texte zu lesen und deren Inhalt zu verstehen. Heißt: „Am Wissensangebot kann derjenige gar nicht mehr teilnehmen“, so Schäfer - so leicht zugänglich es auch sein mag.
Die Schere zwischen den Pisa-Kindern, die den Bildungsverantwortlichen so ein schlechtes Zeugnis ausstellten und den Potter-Kindern, wie Schäfer sie nennt, also denjenigen, die Harry Potter auf Englisch lesen, weil die deutsche Ausgabe noch nicht vorliegt, gehe weiter auseinander. Dabei seien es nicht nur die Armen, die ihre Kinder vor dem Fernsehgerät parkten, wo sie mit den ungebildeten Gewinnern der Gesellschaft wie Verona Pooth konfrontiert werden, die einst wegen ihrer unkorrekten Grammatik reüssierte, oder Dieter Bohlen, dessen Wortschatz sich weitgehend aus Fäkalsprache zusammenbraut. Schäfer weiß: „Auch der erfolgreiche Autohändler besteht manchmal darauf, dass seine mangelnde Bildung ihm nicht geschadet hat. Seine Kinder werden heute mit wenig Bildung aber nicht mehr erfolgreich sein.“
Buchtipp
Generation Doof. Wie blöd sind wir eigentlich?
Von Anne Weiss und Stefan Bonner
Luebbe Verlagsgruppe, Bergisch Gladbach, 2008
300 Seiten
Preis: 8,95 Euro
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