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Angst als ständiger Begleiter

Von DIRK RISSE, 18.02.08, 21:58h

Menschen ohne Papiere führen ein Leben am Rande. Zwischen 500 000 und einer Millionen Menschen leben ohne gültige Papiere in Deutschland. Die drohende Abschiebung gehört für mindestens 20 000 Menschen in Köln zum Alltag.

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Keine Papiere haben heißt ohne Rechte zu sein.
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Keine Papiere haben heißt ohne Rechte zu sein.
Köln - Eduardo hatte ein Motto, es hat ihn fünf Jahre durch den Tag gebracht: Verliere niemals die Kontrolle. Nicht an der roten Ampel, nicht am Hauptbahnhof, nicht in der Straßenbahn. Alles ging gut, all die fünf Jahre, doch dann kam diese Streife. Junge muskulöse Männer thronten da auf ihren Mountainbikes, die grünen Polizeiuniformen leuchteten in der Sonne. Nur einen Moment verlor Eduardo die Kontrolle über sich, folgte dem Reflex, die Straßenseite zu wechseln. Da war es bereits zu spät. Ausweiskontrolle, Handschellen, Abschiebung. So wie bei Metin, den sie auf der Arbeit erwischten, und Gustavo, den sie im Morgengrauen abholten, weil die Nachbarn aufmerksam hinsahen. Falsche Namen, wahre Geschichten. Eduardo, Gustavo und Metin können sie nicht mehr erzählen - sie wurden längst als „Illegale“ nach Ecuador, Kolumbien und in den Irak abgeschoben.

Zwischen 500 000 und einer Millionen Menschen leben ohne gültige Papiere in Deutschland. 20 000 sollen es in Köln sein, aber wer will das schon so genau zählen. Eine von ihnen, Claudia, meldet sich am Nachmittag per Telefon. Die Stimme erst zaghaft, dann kräftig, lateinamerikanische Lebensfreude pur. Die kräftige Stimme spricht lange vom Andenstaat Ecuador, aus dem Claudia stammt, vom wirtschaftlichen Chaos, den Streiks, den Demonstrationen. Monatelang war das Krankenhaus, in dem sie als Schwester arbeitete, mit den Löhnen in Rückstand. „Am Anfang haben wir uns noch Geld bei Freunden geliehen, am Ende hatten unsere Freunde genauso viel Hunger wie wir.“

Politisch Verfolgte haben Recht auf Aufenthalt

Hunger hatten die Unterzeichner der Genfer Flüchtlingskonvention im Jahr 1951 allerdings nicht als Asylgrund vorgesehen. Recht auf Aufenthalt genießen in Deutschland daher nur politisch Verfolgte. Von den 40 Millionen Menschen, die sich weltweit auf der Flucht befinden, schafft es ohnehin nur ein Bruchteil nach Europa, das sich durch sichere Drittstaaten und Auffanglager abgeschirmt hat. In Deutschland haben 2006 gerade einmal 21 000 Menschen einen Asylantrag gestellt, 85 Prozent davon schoben die Behörden wieder ab. Dann tauchen morgens in aller Frühe die Beamten auf, bringen Menschen wie Eduardo in Arrestzellen oder gleich zum Flughafen. Hunger hin, Hunger her, so einfach ist das im deutschen Recht.

Die Menschen kommen dennoch, irgendwie. Claudia und ihrem Mann Fernando reichte 1999 ein einfaches Touristenvisum als Eintrittskarte in die Bundesrepublik. Sie sind einfach aus dem Flugzeug gestiegen und geblieben. Seit acht Jahren putzen sie sich gemeinsam durch die Haushalte und träumen davon, einmal genug Geld zu haben, um nach Ecuador zurückzukehren. Um ein kleines Geschäft oder nur ein Haus aufzubauen. Aber dafür reicht es eigentlich nie, und seitdem die Arbeitslosigkeit auch in Deutschland gestiegen ist, schauen die Arbeitgeber öfter als früher auf die Papiere.

Menschen ohne Papiere als billige Arbeitskräfte begeehrt

Andererseits sind Menschen ohne Papiere in Deutschland als billige Arbeitskräfte begehrt. Für fünf Euro schuften sie als Babysitter oder Küchenhilfe. Meist sind es Frauen, sagt Claus-Ulrich Prölß vom Kölner Flüchtlingsrat, weil Billigjobs ohnehin öfter von Frauen gemacht werden. Sozialversicherung und Urlaubsgeld sind freilich nicht drin. Wer krank ist, ist froh, wenn der Job überhaupt freigehalten wird. Fünf Euro in der Stunde, das macht 800 Euro im Monat, wenn man ordentlich zupackt. Verdammt wenig, wenn der Vermieter für ein kleines Appartement 600 Euro Miete verlangt.

Dennoch gelingt es vielen Papierlosen, ein durchaus bürgerliches Leben zu führen. Die Kinder gehen in die katholische Kita oder in die Schule nebenan, weil ein engagierter Lehrer ein Auge zudrückt. Wohnungen werden über Freunde mit Aufenthaltspapieren gemietet. Ein Stück Normalität in der Schattenwelt. Francisco, der auch aus Ecuador nach Deutschland kam, formuliert es so: „Ich habe jeden Moment in meinem Leben Angst, aber der Rest ist ziemlich normal.“ Franciscos Kinder - acht und elf Jahre alt - wissen nicht einmal, dass sie sich illegal in Deutschland aufhalten. Die beiden gehen wie ihre Altersgenossen zur Schule - weil eine konfessionelle Einrichtung bei der Anmeldung eine Ausnahme machte. „Die glauben, die sind wie alle anderen Kinder hier“, sagt Francisco.

Medizinische Versorgung gilt als Hauptproblem

Die medizinische Versorgung gehört zu den Hauptproblemen für Menschen ohne Papiere. „Nur wenn die Schmerzen nicht auszuhalten waren, gingen wir früher zum Arzt“, sagt Claudia. Auszuhalten war fast alles: Luftnot, Asthma, Herzrasen. Ab und an gab es jemanden, der wieder jemanden kannte, der in einer Apotheke oder in einem Krankenhaus arbeitete. Dann wurde manchmal ein Medikament herübergeschoben, meist war es wohl das richtige.

Mittlerweile gibt es ein ganzes Netz von Helfern, die Papierlosen unter die Arme greifen. Medinetz hat in Bonn vor vier Jahren einen Ring von 70 Ärzten aufgebaut, die Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis untersuchen. Krankenhäuser bringen auch in Köln Babys auf die Welt, ohne dass nach dem Pass der jungen Mutter gefragt wird. Psychologen lindern Depressionen, wenn die Einsamkeit wieder einmal zu groß wird, wenn Ehen unter der ständigen Belastung zerbrechen. Die Papierlosen bekommen freilich nichts geschenkt: Ein Krankenhausaufenthalt kostet sie 1200 Euro, sagt Sigrid Becker-Wirth von Medinetz. Die Initiative ist zu klamm, um ihn allein zu bezahlen.

Medinetz und der Kölner Flüchtlingsrat fordern nun, dass den Papierlosen zumindest eine Grundversorgung zugestanden wird. Krankenversicherung, rechtlicher Beistand, Schulen für die Kinder. „Fernziel muss sein, dass die Menschen, die schon lange hier leben und integriert sind, Aufenthaltspapiere bekommen“, so Becker. Das gebe es in Frankreich und in Spanien, das müsse auch in Deutschland möglich sein.

So weit denken Claudia und Fernando aber nicht. Erst einmal nur bis zum Abend. Wenn der Abend kommt, sind sie glücklich und traurig zugleich. Dann ist wieder ein Tag geschafft. Dann beginnt aber auch die Zeit der Einsamkeit, die Sehnsucht nach den Stimmen der Lieben in der Heimat. Dann kramen sie in den Aktenkoffern und Handtaschen nach den Telefonkarten und tippen lange Nummern in ihre Handys oder laufen durch die Dunkelheit zur nächsten Telefonzelle. Und warten. Eine kleine Ewigkeit bis sich knackend die Verbindung aufbaut und jemand 20 000 Kilometer entfernt „Hallo“ sagt. Nur ein Wort, ein kurzes Gespräch, aber manchmal reicht das schon, um durch die Nacht zu kommen.



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