Schriftgröße

Exotinnen mit falschem Glauben

Von Aufgezeichnet von Helmut Frangenberg, 18.02.08, 22:42h, aktualisiert 19.02.08, 10:19h

Im neunten Teil unserer Serie „Ihr Deutschen - Ihr Türken” stellen wir zwei Konvertitinnen vor. Yüksel Yildiz ist eine türkische Christin, Karin El Zein eine deutsche Muslimin. Beide sind alleinerziehende Mütter.

Bild: ksta
Bild vergrößern
Yüksel Yildiz: Die eigenen Leute werfen einem vor: Du lebst zu deutsch! Wie man es macht, macht man es verkehrt.
Bild: ksta
Bild verkleinern
Yüksel Yildiz: Die eigenen Leute werfen einem vor: Du lebst zu deutsch! Wie man es macht, macht man es verkehrt.
Die deutsche Muslimin zögert. Zu schlecht sind ihre Erfahrungen, die sie als Konvertitin mit Medien gemacht hat. Die türkische Christin willigt dagegen sofort ein, sieht ihr Mitmachen als Glaubensprüfung. Für beide hat Religion eine besondere Bedeutung. Beide sind alleinerziehende Mütter und wohnen in Ehrenfeld. Die Texte sind Ergebnisse der Gespräche mit zwei Frauen, die zu der Religion wechselten, in die die jeweils andere hineingeboren wurde.

Yüksel Yildiz

Ich habe mich in meinem Leben oft alleingelassen und ohnmächtig gefühlt, weil ich nicht so leben konnte, wie ich wollte. Oft habe ich nachgeben und aufgeben müssen, zum Beispiel als ich meine Lehre als Hotelfachfrau zu Ende machen wollte. Mein Vater war dagegen, er wollte, dass ich ein paar Jahre irgendwo Geld verdiene und dann heirate. Als Jugendliche war ich in einen deutschen Jungen verliebt. Doch diese Liebe musste immer geheim bleiben. Er wäre mein Traumehemann gewesen, aber meine Eltern haben mich mit einem Mann verheiratet, den ich zuvor nur ein einziges Mal in der Türkei gesehen hatte.

Leid durch Zwangsheirat

Ich verstehe nicht, warum türkische Eltern so etwas immer wieder tun. Das ganze Leben wird verpfuscht - nicht nur das des Kindes. Auch die Kinder, die aus der erzwungenen Ehe hervorgehen, werden darunter leiden. Meine Ehe ist natürlich sehr unglücklich verlaufen. Man könnte viel erzählen über das, was man als türkische Frau hier erlebt und erträgt. Wir wachsen in Deutschland auf und werden automatisch von der deutschen Kultur und Lebensweise angesteckt. Und gleichzeitig gibt es die Kultur und Tradition der Eltern und der Familie. Die eigenen Leute werfen einem vor: Du lebst zu deutsch! Du kapselst dich ab! Wie man es macht, macht man es verkehrt. Man glaubt das kaum, aber es sind Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben und einem dann solche Vorwürfe machen.

Meine Eltern waren natürlich auch gegen meine Taufe und haben danach über ein Jahr nicht mit mir gesprochen. Jetzt ist der Kontakt wieder da, aber es ist schwierig. Ich komme mit den ganzen Traditionen und Denkweisen nicht klar.

Meine 19-jährige Tochter darf das, was alle deutschen Mädchen in diesem Alter auch tun dürfen. Ich glaube aber, dass die meisten jungen Türkinnen in Deutschland immer noch nicht so leben dürfen. Ich versuche, alles für meine Kinder zu tun. Das ist nicht einfach, weil mich keiner unterstützt. Auch die Schule macht es mir nicht leicht, weil Kinder mit einem Hintergrund wie meine benachteiligt werden. Gott sei Dank bin ich eine Kämpferin.

In der Krise Jesus begegnet

Wenn ich so zurückdenke, glaube ich, dass ich im Grunde seit dem vierten Schuljahr unbewusst mit der katholischen Kirche verbunden bin. Damals habe ich bei einem Schulgottesdienst die Hostie empfangen. Wir haben als Familie den Islam nicht als Glauben gelebt. Das mag ein Grund dafür sein, dass ich immer am Christlichen interessiert war. Ich habe diese Religion als etwas empfunden, was mit Friede und Geborgenheit zu tun hat. Eine bewusste Auseinandersetzung mit Religion begann aber erst nach meiner Scheidung. Ich war mitten in der Lebenskrise und stand allein vor einem riesigen Berg von Problemen. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. In diesem tief unglücklichen Moment bin ich Jesus begegnet. Ich habe über den Sinn des Lebens nachgedacht, habe angefangen, viel zu lesen und mich mit meinen Gefühlen beschäftigt. Man sucht nach Erklärungen, denkt: Das kann doch nicht alles gewesen sein. So habe ich damit begonnen, mich mit Jesus zu beschäftigen - schließlich wie eine Verliebte. Ich habe nach und nach wieder Halt, Trost, Verständnis, Liebe und Kraft gefunden. Man muss sein Herz öffnen, dann wird man vom Glauben getragen. Es ist wie eine Liebesgeschichte, in der man nehmen kann und geben muss.

Ich versuche zu erkennen, was Jesus von mir erwartet. Die Dinge bekommen einen Sinn. Man erkennt die Not anderer, versucht mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt zu gehen. Manchmal denke ich: Ich müsste in die Dritte Welt gehen, um helfen zu können. Ich kann mir auch vorstellen, irgendwann einmal, wenn meine Kinder selbständig sind, in eine Ordensgemeinschaft einzutreten.

Taufe als Geschenk Gottes

Die Taufvorbereitung und der Eintritt in die Kirche waren ein Geschenk Gottes, das mich euphorisch machte. Diese tiefen Gefühle empfinde ich bis heute, wenn ich in eine Kirche gehe. Es hat mich in meinem Leben noch nie etwas so erfasst und erfüllt. Ich weiß nun, wo ich zu Hause bin.


Karin El Zein

Manchmal fühle ich mich wie ein Exot, der von allen angestarrt wird. Ich gehe zum Beispiel gerne ins Theater oder ins Kabarett. Wenn ich da mit Kopftuch im Publikum sitze, kann ich regelrecht spüren, wie die Leute um mich herum denken: Was will die denn hier? Als ich vor mehr als 20 Jahren nach Köln gekommen bin, war es für mich als Konvertitin hier einfacher.

Schlimm ist auch, wenn man in der Bahn oder bei Veranstaltungen sitzt und von allen anderen einfach ignoriert wird. Selbst in der Nachbarschaft tun sich die Leute recht schwer. Als ich eingezogen bin, schrieb ich allen einen kleinen Brief, zur guten Nachbarschaft. Ich wollte mich niemandem aufdrängen, aber signalisieren: Für Nachbarschaftshilfe oder Fragen bin ich immer bereit. Eine gute Nachbarschaft ist eine islamische Pflicht.

Von keinem angesprochen

Ich weiß, dass die Leute viele Fragen haben. Ich finde es schade, dass sie nicht irgendwie versuchen, mit uns in Kontakt zu kommen. Wenn es jemand doch einmal wagt, entstehen meistens gute Gespräche. Dass Leute nicht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen, habe ich auch in dem kleinen Ort im Schwarzwald erlebt, in dem ich geboren bin. Niemand hat mich angesprochen, als ich konvertiert war. Alle negativen Reaktionen kamen nur bei meiner Mutter an. Damit meine Mutter endlich wieder Ruhe hatte, bin ich nach Köln gezogen. Mein Wechsel zum Islam war für meine ganze Familie sehr schwer.

Kontakt zum Islam habe ich über eine muslimische Familie bekommen. Wir haben viel gesprochen und diskutiert. Fasziniert haben mich ihre Vorbereitungen für die Wallfahrt nach Mekka und ihre späteren Berichte. Als ich Bilder von der Hadsch sah, lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich war in der Kirche engagiert, hatte aber viele Fragen, die ich nicht befriedigend beantwortet bekam. Ich hatte zum Beispiel Probleme mit der Dreifaltigkeit und damit, dass Jesus Gottes Sohn sein soll. Der Wechsel war für mich leicht, da der Islam keine neue Religion war, sondern ich an vieles weiter glauben konnte, was ich kannte.

Freiheit durchs Kopftuch

Das Kopftuch war für mich keine problematische Anpassung. Ich fühle mich frei. Es war klar, dass das dazugehört. Ich verurteile jedoch niemanden, der keins trägt. Jede Muslimin muss selbst entscheiden und es vor Gott verantworten, ob sie es trägt oder nicht. Ich verbinde mit den Kleidervorschriften eine Stärke des Islam. Ich habe mich von dem Druck befreit, Trends und Moden hinterherlaufen zu müssen. Ich konnte mehr ich selbst sein, war näher bei mir.

Die Bedeckung hat nichts mit Unterdrückung zu tun. Ich würde mich zum Beispiel nie vom Lernen abhalten lassen. Wissen zu erwerben ist eine lebenslange islamische Pflicht. Mir helfen die klaren Vorgaben des Korans, weil sie mir Halt und Sicherheit geben. Die Pflicht zum Gebet ermöglicht mir, mich für kurze Zeit dem Alltagsrummel zu entziehen, mich auf den Schöpfer zu besinnen, ruhig zu werden. Das empfinde ich als eine meditative Unterbrechung des hektischen Alltags. Bei vielen geht das Gebet doch im Alltag verloren.

Ein Richter wird strafen

Ich weiß nicht, wie ich ohne Glauben leben könnte. Er gibt meinem Leben Sinn und die Hoffnung auf Gerechtigkeit. Das ermöglicht mir, auch mit Dingen zu leben, die ich als ungerecht empfinde. Ich hasse oder verurteile niemanden, weil ich weiß, dass es einen Richter gibt, der später gerecht bestrafen oder belohnen wird.

Es wird einem nicht leicht gemacht, hier als Muslima den Glauben zu leben. Es wird sogar immer schwerer, wie man an den Diskussionen um Kopftuchverbote und den Moscheebau sehen kann. So werden Ängste bestärkt, die man in Gesprächen abbauen könnte. Gleichzeitig ziehen sich diejenigen, über deren Köpfe hinweg diskutiert wird, immer mehr zurück. Ich habe schon mal überlegt, Deutschland zu verlassen - aber dann dachte ich mir, warum? Ich bin eine Deutsche und gebe für das gute Zusammenleben mein Bestes. Alles Weitere liegt in Gottes Hand.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


Anzeige


Umfrage

Mehr autofreie Zonen für Köln?
Der Platz vor der Eigelsteintorburg ist schon autofrei, nun soll der Chlodwigplatz folgen. Auch für den Neumarkt schlägt der Masterplan vor, eine Seite für den Verkehr zu sperren. Ist das sinnvoll?


Special


Anzeige




Modisch aufgefallen


Junge Zeiten


Bildergalerien


Termine

Veranstaltungssuche

 

Veranstaltungs-Tipps

Manic Street Preachers

22. April 2012,
E-Werk Köln

 

Neue ksta.tv-Videos aus Köln




Offene Schulen


Top-Links (Anzeige)



Weitere Serien


ksta shop


Aktuelle Verkehrsinfos


Service


Mein ksta.de


ksta.de auf Facebook

KSTA auf Facebook

Aktion


Aktion



Hintergrund


Stadtmenschen Community


Extra


Dienste