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Träume am „Wunschtor“

Von SUSANNE HENGESBACH, 29.02.08, 23:16h

Die Gernsheimer Straße in Ostheim ist einer von 269 Sozialräumen in Köln und steht auf Platz sechs der „Negativ-Hitliste“. In einem ehemaligen Pausencontainer der KHD leistet „Veedel e.V.“ seit 1996 engagierte Sozialarbeit.

BILD: KNIEPS
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Raus aus der Langeweile und Perspektivlosigkeit hilft der Veedel e.V.
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Raus aus der Langeweile und Perspektivlosigkeit hilft der Veedel e.V.
Köln -„Ich schaff das nicht!“, murmelt Murat und lässt entmutigt den Füller sinken. „Versicherungsbericht“ steht akkurat über ein paar Zeilen geschrieben, deren Schriftbild nach unten hin immer nachlässiger wirkt. Stöhnend nimmt der 13-Jährige seinen Stift wieder auf und starrt auf seinen Text. „Am Samstag hat im Kaufhaus ein Einbruch stattgefunden.“ - „Wieso »hat« und nicht »hatte«?“, fragt der Schüler die junge Frau auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches. Sie schaut ihn an. „Ich hab' auch keine Lust, aber wir müssen weitermachen“, ermuntert Gilan. Neben der ehrenamtlichen Helferin sitzen vier weitere Kinder. Murats zwölfjähriger Bruder Yassin etwa, der sich mit „Subtrahieren von Dezimalbrüchen“ quält oder Diana (8), die am Stift lutschend über ihren Rechenaufgaben brütet.

Elf Kinder sind an diesem Nachmittag zur Hausaufgabenbetreuung in den Container des Vereins Veedel e.V. gekommen. Die Tür des sonnengelb leuchtenden Gehäuses ist immer geöffnet. Draußen, über dem Bolzplatz, zeigt sich der Himmel in einem ähnlich trostlosen Grau wie die angrenzenden Wohnblöcke. Das gelbe „M“ auf einem „McDonald's“-Schild an der Gernsheimer Straße ist nahezu der einzige Punkt in der Gegend, von dem etwas Leuchtkraft ausgeht - wenn man von dem Container absieht.

Auf der „Negativ-Hitliste“ der städtischen Sozialräume - 269 gibt es in Köln insgesamt - rangiert die Gernsheimer Straße auf Platz sechs. Nachdem Jugendliche an Weiberfastnacht 2007 in einer nur 100 Meter vom Container entfernten Telefonzelle einen 43-jährigen Familienvater brutal zusammengeschlagen und beraubt hatten, schaute ganz Köln mit fassungslosem Entsetzen auf Ostheim. „Inzwischen hat sich die Szene beruhigt, aber es war ein hartes Jahr für uns“, stellt Günter Schmitz fest.

Bis Oktober vergangenen Jahres leistete der beleibte Mann als einzige Vollzeitkraft in der „Offenen Tür am Wunschtor“ Jugendsozialarbeit. Inzwischen wird er dabei von Kollegin Siegrun Zielke unterstützt; aber das ändert nichts daran, dass Schmitz weiterhin potenzieller Ansprechpartner für 900 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren bleibt; ebenso wie für deren erwachsene Geschwister sowie Eltern und mitunter auch Großeltern.

Was im Behördendeutsch „intergenerative Arbeit“ heißt, funktioniert hier, ohne dass ein Großteil der Betroffenen das Wort je gehört hätte. Etwa 2700 Menschen leben an der Gernsheimer Straße, 90 Prozent der Familien haben Migrationshintergrund und „überdurchschnittlich viele drei Kinder und mehr“.

Das handgeschriebene Schild, auf das Schmitz von seinem Sitzplatz im Container aus schaut, lautet anders als die Wirklichkeit. „Niemand darf Kindern wehtun“, steht dort. Keiner weiß besser als Schmitz, wie wenig man sich gerade an einem sozialen Brennpunkt wie diesem daran hält. Und dennoch: Gäbe es die Anlaufstelle Wunschtor nicht, die Grünfläche zum Spielen, den aus einem Parkplatz entstandenen Fußballplatz und das Stadtteilbüro des Vereins, „dann wären hier die Wände beschmiert, die Autos zertrümmert, und die Kriminalitätsstatistik wäre wesentlich höher“, sagt Rolf Blandow, der Sozialraumkoordinator für Ostheim und Neubrück.

Schmitz kommt an diesem Nachmittag kaum dazu, zwei Schluck Kaffee ohne Unterbrechung zu trinken. Im Container geht es zu wie im Taubenschlag, Kinder gehen ein und aus, fast jedes hat irgendein Anliegen. Dabei ist der Winter eine eher ruhige Jahreszeit. Schmitz, der diesen Job seit 30 Jahren macht, bräuchte an manchen Tagen 100 Ohren und fühlt sich mitunter „wie ein Punchingball“. Gleichwohl bezeichnet er seine Tätigkeit als Traumberuf.

Dies übrigens durchaus im doppelten Wortsinn. So wie viele Kinder und Jugendliche, die hier seit Jahren eine zuverlässige Anlaufstelle haben, träumt auch Schmitz davon, dass die Projektarbeit mehr Kontinuität erhält. Es gibt ein durchgängiges Programm, zu dem Hausaufgabenbetreuung, Sportangebote, Spiele, Ausflüge, Gewaltprävention für Mädchen, Elternsprechstunde, Sprachkurse für Migranten, Sozialberatung in russischer Sprache oder ein Seniorentreff gehören.

Dazu gehören aber auch temporäre Angebote wie Lese-Nächte, Mitternachtsfußball, Computer-, Bewerbungs- oder Ernährungsworkshops. Sie sind jedoch laut Blandow „im Alltagsgeschäft nicht dauerhaft zu finanzieren“. So droht dem Fußball am Samstagabend das Aus, weil 1500 Euro im Monat fehlen. Das sei so bedauerlich. Der Bedarf ist da. Aber es gelinge mit den gegebenen Mitteln nicht, diese Projekte auf eine dauerhafte Schiene zu bringen. Der Traum von Kontinuität für die Jugendarbeit wird wohl einer bleiben.

Die nächste „wir helfen“-Seite erscheint am 5. März.

 www.veedel.de



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