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Neonazis mit Tarnkappe

Von DETLEF SCHMALENBERG, 03.03.08, 21:35h

Neues aus der rechten Szene: Militante kopieren Kleidung und Symbole ihrer linken Gegner und schlagen zu. Die Übergriffe im Rheinland häufen sich. Die Staats- schutzabteilung der Kölner Polizei ermittelt.

Bild: Arbeiterfotografie
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"Schwarzer Block" der Autonomen Nationalisten bei einer Demo in Neuss.
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"Schwarzer Block" der Autonomen Nationalisten bei einer Demo in Neuss.
Bild: Max
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Roland Mahl ist ein Opfer der rechten Autonomen.
Bild: Max
Kurz nach Mitternacht, eine menschenleere Straße im Leverkusener Stadtteil Opladen. Im linksautonomen „Kulturausbesserungswerk“ ist ein Punkkonzert zu Ende gegangen. Ein paar Jugendliche sind auf dem Weg zum nur wenige Fußminuten entfernten Bahnhof, als ein Dutzend vermummter Gestalten von einem Parkplatz auf die Straße stürmt. „Ihr Schweine“ brüllen die schwarz Gekleideten und so etwas wie „Jetzt kriegen wir euch“. Bierflaschen fliegen in Richtung der Jugendlichen. „Ich bin nur noch gerannt, voller Panik und mit Angst um mein Leben“, sagt Paul. Mit einem Freund stürmt er in eine nahe Gaststätte. Auch den anderen gelingt die Flucht.

Die Schilderungen gewalttätiger Übergriffe gegen politisch links stehende junge Leute häufen sich bundesweit. Nach Berlin, München und dem Ruhrgebiet werden die neuen rechten Aktivisten auch im Großraum Köln zum Problem. Im Mittelpunkt der Schilderungen stehen die „Autonomen Nationalisten“ (AN): jugendliche Tarnkappen-Neonazis, die die Kleidung der Linken tragen und deren Symbole kopieren. Menschen werden bedroht, es kommt zu Schlägereien, nachts kleben und sprühen die meist jugendlichen Neonazis ihre Parolen auf Häuserwände und öffentliche Einrichtungen. Die Staatsschutzabteilung der Kölner Polizei hat bereits eine Ermittlungsgruppe gegründet.

Der klassische Neonazi hat ausgedient

Der klassischen Neonazi mit Glatze, Bomberjacke, Springerstiefeln oder Braunhemd hat ausgedient. Die neuen Nazis plündern die Lebenswelt ihrer linken Gegner: vom Che-Guevara-Button über Baseballkappen, XXL-Hosen, T-Shirts mit antikapitalistischen Sprüchen bis hin zu Palästinensertüchern. Bei Demonstrationen und Aufmärschen hören die „neuen“ Rechtsextremisten Songs von Rio Reiser oder den Ärzten, wettern gegen „Kapitalismus“ oder den „Überwachungsstaat“, tragen Sticker wie „Revolution now“ oder „Fuck Authority“ und vermummen sich eng beieinander stehend im sogenannten „schwarzen Block“.

„Es spielt keine Rolle, welche Musik man hört, wie lang man seine Haare trägt oder welche Klamotten man anzieht“, schreiben die „Autonomen Nationalisten Wuppertal“ auf ihrer Internetseite: „Wir setzen uns dafür ein, alle relevanten Teile der Jugend und Gesellschaft zu unterwandern und für unsere Zwecke zu instrumentalisieren.“

Als Provokation gilt für die Jungextremisten meist schon die Tatsache, dass es linke Treffen überhaupt gibt. „Wenn sie provoziert werden, insbesondere bei Veranstaltungen, schlagen sie unmittelbar zurück“, sagt eine Sprecherin des NRW-Verfassungsschutzes. Beispiele lassen sich schnell finden: Weil sie Teilnehmer einer Demonstration überfallen und zusammengeschlagen hatten, wurden AN-Anhänger in Marl vor einigen Tagen wegen schwerer Körperverletzung und „Verwendung des Hitlergrußes“ zu Freizeitarrest verurteilt. Westfälische Nationalisten deklarierten mehrfach eine „national befreite Zone“ und verkündeten, sie würden es „nicht zulassen, dass auch nur eine einzige Veranstaltung linker und antifaschistischer Kreise unbeobachtet, unkommentiert und vor allem ungestraft über die Bühne gehen wird“. In diesem Klima aus Drohgebärde und Gewaltbereitschaft erstach am Ostermontag 2005 ein junger Neonazi in Dortmund einen Punker.

Im Rheinland zunehmend gewaltbereiter

Zunehmend gewaltbereiter sind auch Nationalisten im Rheinland. Nach einer Gedenkdemonstration zur Reichspogromnacht am 9. November 2007 in Leverkusen wurden Demo-Teilnehmer am Bahnhof Opladen von 20 Rechtsextremisten überfallen und über die Gleise gejagt. Die jungen Männer setzten Reizgas ein und warfen mit sandgefüllten Bierflaschen. Die 24 Jahre alte Heike (Name geändert) erlitt schwere Kopfverletzungen. Mit zertrümmertem Nasen- und Jochbein, zerfetzter Oberlippe und Nase und einem lädierten Kieferknochen musste sie ins Krankenhaus gebracht werden. Mehrfach operiert, hat sie heute Schrauben und Stahlplatten im Gesicht. Ihre rechte Gesichtshälfte ist taub, weil ein Gesichtsnerv verletzt wurde.

„Als ich von der Flasche getroffen wurde, dachte ich, jetzt ist dein Gesicht Brei“, sagt die junge Frau, die Monate später noch mit Panik in den Augen von dem Überfall erzählt. Sie hat Angstzustände, wacht nachts oft schweißgebadet auf.

„Früher hatten wir es nur mit besoffenen Skins zu tun“, sagt Florian Schnaider von den Antifaschisten Leverkusen. „Jetzt sind es generalstabsmäßig organisierte Banden, die Opfern planmäßig auflauern, auf Zuruf angreifen und sich dann geordnet wieder zurückziehen.“ Anhänger der linken Szene seien mittlerweile außerhalb von Veranstaltungen in der Stadt angesprochen worden. „Wir wissen, wer du bist und wo du wohnst. Pass bloß auf!“, würden die Fremden sagen. „Ich fürchte, dass diese Leute Informationen über uns sammeln und auch Namenslisten führen“, so Schnaider.

Pulheim ein Beispiel der Entwicklung

Auch Pulheim ist Beispiel einer landesweiten Entwicklung. Am Wohnort des Neonazi-Führers Axel Reitz, der unter anderem wegen Volksverhetzung seit Juli 2006 in Haft sitzt, tauchten in den Vergangenheit in großer Zahl Aufkleber der „Autonomen Nationalisten“ auf, die ihre nächtlichen Klebeaktionen stolz auf Videos der Internetseite „Youtube“ zeigen. Ergänzt wurden die Aufkleber durch Sprühsprüche wie „Pulheim bleibt braun“ oder „Schluss mit multikulti“.

Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, die auf die Schmierereien hinwiesen, sind nach eigenen Angaben von der örtlichen Polizei nicht ernst genommen worden. „Die hat das überhaupt nicht interessiert“, sagt der ehemalige Schülersprecher Roman Nickel. Der heute 21-Jährige, der mit Gleichgesinnten einen Aktionstag gegen Rechtsextremismus ins Leben rief, ist durch einen Schriftzug vor seinem Elternhaus offen bedroht worden. Auch ans Schultor hatten Unbekannte gepinselt: „R. Nickel - wir kriegen dich. Autonome Nationalisten Pulheim“. Nachdem linke Aktivisten, die im Allgemeinen auch nicht zimperlich mit dem politischen Gegner umgehen, ein Flugblatt mit Fotos von Jugendlichen verteilt hatten, die zu den örtlichen Nationalisten gehören sollen, kam es im September 2007 am Stommelner Bahnhof zu einer wüsten Schlägerei mit Neonazis.

Der Verfassungsschutz stuft die Autonomen Nationalisten mit einigen Hundert Mitgliedern als „militante Randgruppe“ ein, sieht in ihnen jedoch nicht nur wegen ihres aggressiven Verhaltens ein „ernstzunehmendes Phänomen“. Denn die auf links getunten Neonazis sprechen eine Klientel an, die für rechtsextreme Inhalte bisher nicht empfänglich war: eine Erlebnisgeneration, die Revolution spielen möchte, anstatt zu Hause vor dem Computer zu versauern. „Autonome Nationalisten. Bald gibt es kein rechts oder links mehr! Dann gibt es nur noch das System und seine Feinde“, heißt es auf einem Szene-T-Shirt.

Jungnazis ecken im rechten Lager an

Die Jungnazis ecken auch im rechten Lager an. Handfesten Streit hat es nach NPD-Demonstrationen gegeben, bei denen AN'ler einen schwarzen Block bildeten. Als Ordner versuchten, den Block aufzulösen, um polizeiliche Auflagen wie das Vermummungsverbot durchzusetzen, kam es zu Rangeleien. Anschließend gab es Zoff in der Szene. In Foren hieß es, die NPD-Ordner seien „Polizei-Vasallen“ und die Partei fahre einen „pseudobürgerlichen Schmusekurs“.

Die kritisierte Partei gab im August 2007 bekannt, dass sie bei ihren Aufmärschen keinen Schwarzen Block mehr dulden würde. Die NPD, die sich im „Volksfront Bündnis“ darum bemüht, die rechtsextreme Szene mit DVU und Freien Kameradschaften zu vereinen, fürchtete wohl, dass durch die militant-provokative Haltung der AN'ler Sympathisanten verschreckt werden. Als die Kameradschaften die Ausgrenzung der Autonomen jedoch scharf kritisierten, gingen die NPD-Oberen wieder auf Schmusekurs. Auf dem Parteitag im September 2007, auf dem Vertreter der neuen Nazis herzlich begrüßt wurden, zeigte sich Generalsekretär Per Marx mit einem „Black Block“-Button am Jackett.

Durchsuchung im vergangenen November

Im vergangenen November wurden Wohnungen von AN-Anhängern in Pulheim, Hürth und Euskirchen durchsucht. Einige Tage später zogen etwa 50 Neonazis durch die Pulheimer Innenstadt und skandierten „Nationaler Sozialismus bis zum Tod!“, angeblich um „ein Zeichen gegen die polizeilichen Repressionen und den Überwachungsstaat“ zu setzen. Die Polizei löste die unangemeldete Demonstration schließlich auf.

„Zunehmend aggressives Auftreten“ kennzeichne die jungen Nationalisten im Großraum Köln, betont Wolfgang Klonz vom Staatsschutz der Kölner Polizei. Bei ihren Ermittlungen zu Übergriffen und Schmierereien treffen die Beamten oft auf überraschende Schwierigkeiten. Die AN'ler legen sich in der Regel mit Personen aus der linken Szene an. Ausländer werden nicht attackiert. Die Linken, die Opfer von Körperverletzungen werden, würden oft jedoch keine Aussage bei der Polizei machen wollen, „wohl, weil sie der Institution Polizei ablehnend gegenüberstehen“, sagt Klonz.

Roland Mahl jedenfalls hat bei der Polizei ausgesagt. Der Kioskbesitzer mit den Rasta-Locken ist schon länger eine Zielscheibe der Neonazis, nachdem er sich öffentlich über deren Treiben beschwerte. Die Wände seines Geschäftes am Bahnhof in Leichlingen sind seitdem häufig mit AN-Aufklebern übersät, ein Graffito mit Bob Marley wurde durch großflächige Farbkleckse beschädigt.

„Juden müssen draußen bleiben“, stand einmal auf der Eingangstür zum Kiosk. „Mahl ist tod“ oder „Kioskbesitzer, wir kriegen dich“ wurde in den Durchgang zu den Gleisen gesprüht. Als Mahl und ein Freund mit rechtsradikalen Jugendlichen über die Vorfälle sprechen wollte, hätten die ihn angegriffen, berichtet der 37-Jährige: „Einer von denen sprühte Pfefferspray in meine Richtung, ein anderer warf mit einer geschlossenen Bierflasche, die dann auf dem Brustkorb meines Freundes zersplitterte.“



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