Von ANJA KATZMARZIK, 04.03.08, 17:31h, aktualisiert 04.03.08, 21:56h
Köln - Es braucht manchmal nicht viel zum Leben. Ein paar Plätzchen, einen Kaffee, saubere Spritzen, Kondome und ein gutes Gespräch. Das bekommen Jugendliche, deren Lebensmittelpunkt der Bahnhof ist, im „B.O.J.E.“-Bus, der werktags auf dem Breslauer Platz steht.
Boje steht für „Beratung und Orientierung für Jugendliche und junge Erwachsene“. „Und das sind Jugendliche aus Köln und dem Kölner Umland - keine Treber, die sich von Stadt zu Stadt durchschlagen“, weiß Claudia Nobis. Das Projekt, für das sie arbeitet, bezeugt, wie gut Kooperation zwischen Stadt und freien Trägern funktionieren kann.
„wir helfen“ besuchte den Bus mit der Polizei, für die die Sozialarbeit eine wichtige Entlastung ist. Denn: Mit „wir helfen“-Spenden wurde die Arbeit der „Auf Achse gGmbH“ und des Gesundheitsamtes ausgebaut. Seitdem gibt es eine halbe Sozialarbeiter-Stelle zusätzlich.
Auch ein Arzt und eine Krankenschwester schauen regelmäßig nach den jungen Leuten, von denen die meisten obdachlos sind. „LSD, Ecstasy, viel Chemie“, zählt die Sozialarbeiterin auf. Die meisten sind zugedröhnt, um die Wirklichkeit nicht ertragen zu müssen. Heroin und Kokain sind unter den Drogen, Schmerzmittel mit betäubender Wirkung. „Was sie gerade kriegen und dann alles durcheinander.“ Wie bei dem 15-Jährigen, der nach dem Verzehr von Engelstrompeten („Die wachsen in jedem Vorgarten“) mit Herzkammerflimmern in die Klinik kam. Sein Leben konnte gerettet werden.
Sich mit Drogen zu Tode zu bringen riskieren manche, oder sie wünschen sich (zurück) ins Gefängnis. „Da wissen sie, wo sie hingehören.“ Viele stranden nach einer Jugendhaftstrafe „ohne jede Perspektive“ an dem Bus. „Einige kommen direkt mit ihrer Tasche aus dem Gefängnis her“, so Anja Köster vom Gesundheitsamt. „Sie wissen nicht, wo sie schlafen sollen.“ Manche begehen neue Straftaten aus materieller Not oder Langeweile. „Und die ist unendlich.“ Junge Frauen, deren eigene Erziehung den Namen nicht verdient, prostituieren sich. „Wir hatten Mädchen, die dachten, dass sie mit rosa Unterwäsche nicht schwanger werden.“
Auf einem Sitz steht gekritzelt: „Nati, ich liebe Dich über alles auf dieser Scheiß-Welt.“ Ein anderer zitiert Jean-Paul Sartre: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Der ausrangierte Linienbus am Busbahnhof ist voller Botschaften dieser Art. „Schmiererei“ würde mancher sagen. Doch es ist der Bus der Jugendlichen, und er zeugt von Leben.
Es herrschen strenge Regeln im Boje-Bus. Sogar das Rauchverbot wird hier bereits problemlos umgesetzt. „Jeder weiß, sobald hier eine Schlägerei anfängt, schließen wir den Bus und fahren weg.“ So wird mancher Streit auch zwischen ehemaligen Gewalttätern friedlich beigelegt, ohne dass jemand sein Gesicht verlieren muss. Dafür bekommen die Jugendlichen hier Zuwendung und Freiheiten, die sie woanders nicht bekämen. Nobis: „Bei uns gibt es keine Hausverbote. Unsere Besucher wurden in ihrem Leben schon zu oft rausgeschmissen.“ 482 junge Menschen suchten 2007 bei der „Boje“ Halt. 194 von ihnen waren neu in der Szene. Elf waren jünger als 14 Jahre, und nur acht davon, weil sie Kinder von Besucherinnen sind. 74 Besucher waren 14 bis 17 Jahre, 139 unter 21 Jahren.
Der „Notarzt“, wie die Polizei ihren Streifendienst nennt, kommt erst, wenn es meistens schon zu spät ist. Das weiß Polizeidirektor Udo Behrendes aus täglicher Erfahrung. Und obwohl präventiv arbeitende Bezirksteams und Streifen mit dem Ordnungsamt vieles bereits verhindern können, sagt der Jugendbeauftragte: „Wir könnten noch mehr tun.“ Und damit meint er nicht die Polizei. „Uns fehlt ein dritter Partner. Wir brauchen mehr soziale Dienste auf der Straße, die nicht nur beraten, sondern auch weiter begleiten. Wir brauchen ein »Hausarztsystem«.“
Die nächste „wir helfen“-Seite erscheint am 8. März.
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Hedwig Neven DuMont
Viele Kinder leiden unter Depressionen, Lernbehinderungen und Krankheit. Manche werden als „sozial gestört“ abgestempelt. Sie alle brauchen unsere Hilfe. Hilfe, um aus ihrem dunklen seelischen Loch herauszukommen. Hilfe durch gesunde Freizeitangebote und das Teilhaben an Sport und anderem mehr.
Diese Kinder müssen wir an die Hand nehmen und ihnen eine Chance geben, körperlich und seelisch zu gesunden. Unser Thema bis Oktober 2012 lautet deshalb: „wir helfen – um alle Kinder hier an die Hand zu nehmen.“

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