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Ganzkörper-Rasur

Haare, nein danke!

Von Claudia Lehnen, 09.02.09, 13:59h

Was sprießt, wird rasiert. Diesem Trend können sich weder Frauen noch Männer entziehen. Doch warum sind Körperhaare überhaupt zum Tabu geworden? Ist es das Ende der Emanzipation oder ein neues Selbstbewusstsein?

Rasur
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Immer mehr Männer rasieren sich am ganzen Körper.
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Immer mehr Männer rasieren sich am ganzen Körper.
Es gab diesen Tag im Sommer 1993, da wäre sie einmal um die Welt gelaufen, um einen Rasierer zu kaufen. Es war sonnig, es gab spülwasserwarmes Meer, sie hatte einen schwarzen Bikini, dazwischen einen flachen Bauch und Beine so lang wie der Sommer. „Ich war zum ersten Mal alleine weg von zu Hause, mit einer Jugendgruppe.“ Alles war wie in einem Werbespot für Südsee-Ferien, obwohl Nadine Schwertberger nur auf Korsika war. Alles lief glatt, bis die damals 14-Jährige aus ihrem Selbstbewusstseinstrip aufwachte und sich lange Hosen wünschte. Die Freizeit-Schönste sollte gewählt werden, Nadine rechnete sich Chancen aus - bis ein 16-Jähriger den Satz „Die hat ja Haare an den Beinen“ in die Jurorenrunde rief. Heute verlässt die 29-Jährige nicht mehr unrasiert das Haus.

Was auf dem Kopf gefeiert wird, ist weiter unten heute eklig. Die Enthaarungswelle nimmt militante Züge an. Frauen lauern jedem Haar auf, das unterhalb des Kopfes aus ihrer Haut drängeln könnte. 25 000 stehen in den Startlöchern. Die ganz feinen an den Armen dürfen bleiben, der Rest wird abgeraspelt. Unter den Achseln, zwischen den Beinen, was unter Bikini-Zone läuft, womit aber oft die komplette Intimrasur gemeint ist. 59 Prozent der 20- bis 30-jährigen Frauen rasieren sich nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung die Schambehaarung. In Großstädten sind es 82 Prozent. Auch 30 Prozent der Männer legen ihr bestes Stück frei, längst sind es nicht mehr nur Homosexuelle. Was laut Diplom-Psychologin Ada Borkenhagen von der Uni Leipzig einen einfachen Grund hat: „Ich habe mir sagen lassen, der Penis sehe dann größer aus.“

Affront gegen den kultivierten Geschmack?

Haarfrei ist Trend, in Amerika schon lange, aber auch deutsche Teenager sehen in natürlicher Körperbehaarung einen Affront gegen den kultivierten Geschmack, in Zeitschriften wie der Bravo zeigen sich jugendliche Leser nackt, unten herum ganz haarlos.

Dass wir nackte Haut schöner finden als behaarte ist alt. „Das erste Modephänomen war die nackte weibliche Haut. Enthaarung steht schon immer für Kultivierung, Behaartheit für Primitivität“, sagt die Psychotherapeutin Borkenhagen. Neu ist, dass heute Körperteile dem Modediktat der Rasur unterliegen, die früher so intim waren, dass jeder dort so aussehen durfte, wie er wollte. „Früher wurde weniger Haut gezeigt. Heute gibt es schmale Strings, wenn da Wolle drunter wäre, sähe das nicht schön aus“, so Borkenhagen. Wenn der Sichtschutz weg ist, müssen auch die Schamlippen absurden Standards genügen. Was nicht aussieht wie die perfekt geschlossene Muschel, wird beim Chirurgen nachgearbeitet.

Dass die heute Pubertierenden zu militanten Haarhassern mutiert sind, liegt laut Borkenhagen auch an der Wellenbewegung der Mode: „Wir können das als Gegenbewegung zur 68er-Generation deuten, als Frauen wie Männer ihre Haare bewusst sprießen ließen. Die Töchter und Söhne rasieren sich.“ Auch Schwertberger kann sich noch an die Mädchen ihrer Schule erinnern, die ganz selbstverständlich ihre feinen, hellen Beinhaare zum kurzen Rock zeigten.

Im Enthaarungsstudio Marla Schnee in Köln steht eine, die kein einziges Haar mehr am Körper hat. Nur eine weiße Perücke. Sonst babypopoglattes Plastik. Wie die Schaufensterpuppe werden Kunden nach der Lasertherapie bei Mitarbeiterin Jana Kalbertodt nicht aussehen. „Die ganz feinen Haare können nicht zerstört werden“, sagt die 38-Jährige. Alles andere kann durch Laser oder Licht für immer in den Orkus geschickt werden. Achselhaare, Schamhaare, Haare an den Unterschenkeln, Bartschatten auf der Oberlippe, Haare um die Brust, Haare am Bauch, auf den Händen, zwischen den Beinen, unter dem Bauchnabel, Oberarme, Unterarme, Rücken. „Als wir vor neun Jahren anfingen, hatten wir hauptsächlich Problemfälle, also Frauen mit Barthaaren, oder ganz starker Körperbehaarung. Heute kommen alle, vom Lufthansapiloten bis zur Prostituierten“, sagt Kalbertodt. Sie lassen sich die Haare entwurzeln, um ihrem aseptischen Schönheitsideale näher zu kommen. Kalbertodt: „Die Haarfollikel werden dauerhaft verödet, was einmal zerstört ist, kommt nicht mehr wieder.“

Unter dem Laserlicht zur Lolita werden - Ex-Viva-Moderatorin Charlotte Roche sieht das Diktat der Rasierklinge als Abschied von der Emanzipation. „Frauen beschäftigen sich immer noch viel zu viel mit ihrem Äußeren. Sie sollten sich endlich auf andere Werte konzentrieren.“ Ohne Haare wirke eine Frau lieblicher, angepasster. „Warum dürfen wir keine urwaldmysteriösen, behaarten Frauen sein?“

Den haarlosen weiblichen Körper als Rückschritt zu bewerten - das ist für Borkenhagen allerdings zu kurz gedacht. „Es zeigt auch, das Frauen sich trauen zu zeigen, wie sie unten herum aussehen. Intimrasur kann auch autoerotisch sein und zu Selbsterkenntnis führen. Einfach, weil man sich dafür mit dem eigenen Intimbereich beschäftigen muss.“



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