Von HARALD BISKUP, 10.03.08, 22:04h, aktualisiert 11.03.08, 07:44h
Mit nahezu bühnenreifem parodistischem Geschick macht er bei einer Betriebsversammlung in der Gewerkschaftszentrale im Frankfurter Stadtteil Bockenheim die manchmal schneidend wirkende Sprechweise von Bahnchef Hartmut Mehdorn nach und berichtet, „natürlich“ hätte er „der anderen Seite“ „niemalös“ den Gefallen getan, sich nach der Einigung händeschüttelnd mit Norbert Hansen, seinem Kontrahenten von Transnet, zu präsentieren. Einmal nennt er die Konkurrenz-Gewerkschaft „unsere Freunde mit der anderen Feldpost-Nummer“, und bei aller Zufriedenheit über das Ende der Auseinandersetzungen bleibt für Schell ein Wermutstropfen: die vereinbarte Beschränkung auf die Lokführer.
Die Unterhosen-VorstellungAn Selbstbewusstsein gebricht es dem gebürtigen Aachener nicht, der vor kurzem 65 geworden ist und am 6. Mai sein Amt abgibt. „Wenn ich von der Richtigkeit einer Sache überzeugt bin“, sagt Schell in seinem holzgetäfelten Büro, „ziehe ich sie durch.“ Manchmal ist ihm während des Tarifstreits ein Rat seines Vaters in den Sinn gekommen: „Du musst dir jene, die sich stark und groß vorkommen, nur in Unterhosen vorstellen, dann sind sie nichts besonderes mehr.“ Schell kommt aus einer alten Eisenbahner-Familie und hat, ehe er sich entschied, hauptamtlicher Funktionär zu werden, als Heizer Kohlen geschippt und später auch Züge gelenkt. Seit 19 Jahren steht er an der Spitze der GDL, die er von einer zahmen Unterorganisation im Deutschen Beamtenbund zu einem ernst zu nehmenden Machtfaktor gemacht hat.
Es schmeichelt ihm schon, dass er seit Beginn der Arbeitskämpfe für ein paar Wochen als einer der mächtigsten Männer im Lande gegolten hat, und er verhehlt auch nicht „den Kick“, den es bedeuten kann, für Stillstand in der ganzen Republik zu sorgen. „Der Bekanntheitsgrad ist enorm“, sagt Schell und fügt süffisant hinzu: „Es wäre unehrlich zu behaupten, dass ich darunter leide.“ Säße er lieber im Frankfurter Arbeitsgericht, wo eigentlich zur gleichen Zeit über eine einstweilige Verfügung der Bahn gegen den geplanten Streik hätte verhandelt werden sollen? „Nein, absoluter Quatsch“, antwortet Schell, „Arbeitskämpfe sind nicht vergnügungssteuerpflichtig.“ An „diesen drei letzten harten Tagen“ sei er manches Mal „noch kurz vor dem Herzinfarkt gewesen“.
Wenn er in den vergangenen Monaten gelegentlich schlecht geschlafen hat, geht das offenbar weniger auf das Konto von Mehdorn („wir sind ziemlich ähnlich gestrickt“). Für „Magengrummeln“ habe immer wieder sein direkter Widerpart, Personalvorstand Margret Suckale gesorgt, „wenn sie immer wieder mal die gleiche Platte aufgelegt hat“. Am Höhepunkt des Konflikts hat er sie als „Super-Nanny“ tituliert, „weil es mich unheimlich wurmte, dass sie sich Sorgen um das Auseinanderbrechen der Eisenbahnerfamilie gemacht hat, die es im DB-Konzern schon lange nicht mehr gibt“. Einen tiefsitzenden Rochus hegt Schell gegen Transnet-Boss Hansen: „Sein Vorgänger wollte uns umbringen. Er umarmt uns und drückt uns die Luft ab. Das Ergebnis ist das Gleiche“, befindet der konservative Rebell, der 1993 / 94 für die CDU im Bundestag gesessen hat und ihr bis heute angehört.
Zu einer Schell-Studie gehört auch dies: So ätzend seine Kritik häufig ausfällt, so verletzt kann die Kämpfernatur auf Angriffe reagieren. Als er im Sommer 2007 eine lange geplante Kur am Bodensee antrat, reagierte die halbe Republik mit Häme. Bis heute ereifert sich der Liebhaber schneller Wagen - zurzeit fährt er ein schwarzes Mercedes-Coupé - darüber, dass (zu Unrecht) behauptet wurde, bei seinem Klinikaufenthalt habe er sich von einem Rückenleiden als Folge eines Unfalls mit seinem Ferrari kuriert.
15 Unterschriften
„Es stimmt, ich habe einen gebrauchten Ferrari bei Tempo 120 und Aquaplaning gegen eine Leitplanke gesetzt.“ Zum 60. Geburtstag hatte er von seinen Mitarbeitern ein Ferrari-Buch geschenkt bekommen - mit einer Widmung, die sinngemäß besagte: „Schell ist der Michael Schumacher der GDL. Seit er da ist, geht es bergauf.“ „Aus einem schönen Traum wurde Wirklichkeit“, sagt Schell und strahlt. Die Basis habe an seiner Leidenschaft niemals Anstoß genommen, auch nicht an den „bei uns üblichen“ Vorstandsgehältern zwischen 90 000 und 100 000 Euro - „im Jahr“, fügt er mit Blick auf „astronomische“ Bezüge von Bahn-Vorständlern hinzu.
Manfred Schell ist sich der Bedeutung des Augenblicks sehr bewusst, auch wenn ausnahmsweise mal keine Kameras dabei sind: Mit einem edlen Füllfederhalter unterzeichnet er am späten Vormittag den ausgehandelten Vertrag. 15 Mal setzt er seinen Namen unter die verschiedenen Ausfertigungen. „Die Schlacht ist geschlagen“, sagt er und klappt die rote Mappe zu.
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