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Kinder missbrauchen Kinder

Von ANJA KATZMARZIK, 11.03.08, 18:46h, aktualisiert 11.03.08, 18:46h

Mit seinem Präventions-Theater würde der Verein, der kein Geld von der Stadt kriegt, gerne auch an Schulen in ärmeren Stadtteilen auftreten. Doch die können sich das oft nicht leisten.

Bild: Knieps
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Zartbitter-Präventionstheater „Ganz schön blöd“ mit Imke Pankauke und Massimo Tuveri.
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Zartbitter-Präventionstheater „Ganz schön blöd“ mit Imke Pankauke und Massimo Tuveri.
Köln - Die Frage lautet: „Wer von euch hier hat denn schon ein eigenes Handy?“ Und gefühlte 99 Prozent aller Schüler in der Turnhalle der Gemeinschaftsgrundschule Görlinger-Zentrum melden sich. Ursula Enders vom Verein „Zartbitter“ hält diese Angabe für realistisch. „Im vierten Schuljahr haben heute fast alle ein Handy.“ Je ärmer der Stadtteil, desto früher, berichtet sie.

Das bestätigte sich jetzt wieder an der Schule in Bocklemünd-Mengenich. Die Schule kam in den Genuss einer von 20 Aufführungen des Präventions-Theaterstückes „Ganz schön blöd“, das der Verein zu seinem 20-jährigen Bestehen verschenkt hat. In dem Stück erfährt die Hauptfigur Tine (Imke Pankauke) unfreiwillig, wie „moderne“ Nötigung aussieht: Der Bruder ihrer besten Freundin filmt sie auf der Schultoilette mit der Handykamera und veröffentlicht die Bilder im Internet.

Kinder werden durch neue Medien immer früher mit Gewalt und Demütigungen konfrontiert - als Opfer oder Empfänger. 70 Prozent aller Kinder der Schulen, an denen der Verein mit seinem Präventionstheater gastiert hat, geben an, schon Gewalt verherrlichende Bilder auf ihr Handy gesendet bekommen zu haben, berichtet Zartbitter. In 40 Prozent aller Missbrauchs-Fälle seien neue Medien verwickelt. Enders: „Das hat unsere ganze Arbeit verändert.“

Kinder können kaum zwischen „petzen“ und „Hilfe holen“ unterscheiden. Lehrer und Eltern erfahren selten von Handyfotos, die kostenlos per „Bluetooth“ auf dem Schulhof herumgeschickt werden, oder körperlichen Übergriffen: „Opfer tun Verletzungen als Scherz ab - aus Angst vor weiteren Verletzungen.“ Erwachsene wüssten zu wenig über die Technik, mit der auch über Spielkonsolen mit Fremden „gechattet“ werden kann, um sich zu verabreden. Formen öffentlicher Demütigung „wie sie Dieter Bohlen praktiziert“, so Psychologe Bernd Eberhardt, seien alltäglich. „Lehrer und Mitschüler werden provoziert, dabei gefilmt und der Film ins Netz gestellt“, so der Sozialarbeiter, der viele Lehrer fortbildet.

30 Prozent aller Zwölf- bis 16-Jährigen hätten in Befragungen zugegeben, Hardcore-Pornos auf ihrem Handy zu haben. Doch Eberhardt glaubt, es sind längst viel mehr. Längst habe Zartbitter es in Fällen von sexuellem Missbrauch im Zusammenhang mit neuen Medien nicht mehr mit erwachsenen Fremdtätern zu tun. Enders: „Die meisten sexuellen Gewalttaten, die sich über das Handy oder das Internet anbahnten, werden von Jugendlichen verübt.“ Manche Täter sind sogar noch jünger. So habe Zartbitter allein im vergangenen Jahr von 40 Fällen erfahren, in denen massive Übergriffe von Kindern im Vorschul- und Grundschulalter an anderen Kinder verübt wurden. „Da versuchen Siebenjährige, andere Kinder zu vergewaltigen.“ Meistens hätten diese Kinder selbst sexuelle Gewalt erlebt. „Und wir haben keine Kapazität für Therapieplätze. Die Stadt leugnet den Bedarf.“

„Click it! Gute Seiten - Schlechte Seiten“ heißt das zweite Präventions-Theaterstück von Zartbitter zum Thema Medien. 70 000 Jugendliche sahen 2007 das Spiel rund um Chancen und Risiken des Internets, das mit Spenden von „wir helfen“ aufgebaut werden konnte.

Das neue Stück „Ganz schön blöd“ zum Thema Handygewalt richtet sich an Jüngere. Lieder wie „Ein ganz schön blödes Gefühl“ werden zu Ohrwürmern und interaktive Elemente wie das „Ist das Petzen oder Hilfe holen“-Quiz mit „Günther Schlauch“ fesseln auch unaufmerksame Kinder. Letztlich gibt es Zugabe-Rufe der Kinder im Görlinger-Zentrum und Gesichter von Grundschullehrern, die sichtlich bewegt sind. Auch sie haben dazugelernt, und Ursula Enders ist überzeugt: „Wir bräuchten das für Lehrer und Kinder an allen Schulen.“ Zartbitter bietet eine Aufführung „Ganz schön blöd“ in Köln mit Spenden subventioniert für 650 Euro unter dem Selbstkostenpreis an. Sonst kostet ein Auftritt 950 Euro.

 www.zartbitter.de



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