Von ANNE BURGMER, 11.03.08, 19:53h
Frechen-Buschbell - Ein wenig unsicher ist Nikolai schon, nachdem er auf den Rücken des Ponys Blender geklettert ist. „Das darf aber nicht zu sehr schaukeln“, meint der Neunjährige zögernd. „Wenn er Schritt geht, ist es doch in Ordnung, oder?“ fragt Reittherapeutin Inga Nelle behutsam. Nikolai nickt, und der 18-jährige Blender setzt sich langsam in Bewegung. Schon nach wenigen Augenblicken ist die anfängliche Skepsis verflogen, und Nikolai blüht auf. Er hebt erst einen Arm, dann den zweiten, und er hat auch nichts dagegen, als Inga Nell Blender antraben lässt.
Es sind Augenblicke wie dieser, die Heidi Görner, Sonderpädagogin an der Donatusschule, der Rheinischen Förderschule für Körperbehinderte in Pulheim-Brauweiler, bestätigen, wie wichtig diese therapeutischen Reitstunden auf dem Reiterhof „Alter Römer“ in Frechen für ihre Schüler sind: „Unsere Kinder sind alle verhaltensauffällig. Doch hier beim Reiten ist das ganz anders, da sind sie viel ruhiger und ausgeglichener.“ Eine Einschätzung, die auch Inga Nelle teilt: „Am Tor zu unserem Reiterhof beginnt bei den Kindern eine wahre Metamorphose.“
Träger der Donatusschule ist der Landschaftsverband Rheinland (LVR), der an 21 seiner 40 Förderschulen therapeutisches Reiten anbietet. „Therapie mit Delphinen ist vielen ein Begriff, die Therapie mit Pferden ist hingegen der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt. Dabei sind die Erfolge beachtlich. Die Kinder sind offener, freier, gelöster. Was der Delphin im Wasser ist, ist das Pferd auf dem Land“, sagt Ulrich Wontorra, Leiter des Schulverwaltungsamtes des LVR. Finanziert werden die Therapiestunden durch die Kultur- und Sozialstiftung Provinzial Rheinland, die das Reiten seit 2003 jährlich mit 40 000 Euro unterstützt und die RWE Rhein-Ruhr AG, die für die Jahre 2006, 2007 und 2008 jeweils 10 000 Euro zur Verfügung stellt. Davon erhält die Donatusschule in diesem Jahr 1 800 Euro.
Jede Woche kommen sechs bis sieben Kinder der Donatusschule auf den Reiterhof „Alter Römer“. Ausgewählt werden sie jedes Halbjahr von den Therapeuten der Einrichtung. Zum einen sind es Jungen und Mädchen, die einen besonderen Förderungsbedarf haben. „Zudem achten wir darauf, Kinder auszuwählen, die aus sozial schwächeren Familien kommen und deren Eltern sich solche Therapien außerhalb der Schule nicht leisten könnten“, sagt Heidi Görner. Für Nikolai etwa, der an Koordinations- und Wahrnehmungsstörungen leidet, ist es besonders wichtig, sein Gleichgewichtsgefühl und seine Körperhaltung zu schulen. Das therapeutische Reiten setzt genau hier an, denn es schult die Geschicklichkeit, die Feinabstimmung der Bewegungen und das Gleichgewicht.
Zu Beginn der Therapiestunden misten Nikolai und seine Mitschüler die Box des Ponys aus, dann wird Blender geputzt, danach geht es in die Reithalle. Bevor die Kinder aber auf dem braven und ausgeglichenen Pony reiten dürfen, üben sie auf einem Holzpferd die Figuren. „Manche Kinder haben gar keine Angst vor den Pferden, sind sehr spontan. Andere sind am Anfang sehr zurückhaltend“, sagt Heidi Görner. Da sei viel Einfühlungsvermögen gefragt, doch das Erfolgserlebnis, die Angst überwunden zu haben, stärke das Selbstbewusstsein ihrer Schüler sehr. Und eins freut die Pädagogin besonders: „Bisher war noch kein Kind dabei, das sich nicht auf das Pferd getraut hat.“
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