Von JÜRGEN BECKER, 13.03.08, 14:28h, aktualisiert 17.03.08, 09:25h
QUIZ: Wie gut kennen Sie Köln?
Auch das gibt es. Der Zug ist pünktlich! So zeige ich zur Feier des Tages meinem Gast das Neueste: den Kölner Dom. Jugendliche Fußballfans aus Dortmund hörte ich mal ins Handy rufen: „Wir treffen uns hier an der großen Kirche mit den beiden Türmen gegenüber von McDonald's.“ Mein Gast ist zwar besser informiert und kennt die Hohe Domkirche St. Petrus & Maria durchaus. Das neue Richter-Fenster aber macht das Wahrzeichen Kölns für jeden Gast zu einem Muss. Er will das Fenster sehen, das Kardinal Meisner dort nicht mag. Eigentlich kann man den Kirchenmann aus Ost-Berlin verstehen. Man hat ein Kirchenfenster bestellt und bekam ein Kneipenfenster. Es erinnert an die bunten Butzenscheiben eines Brauhauses.
Das ärgert Menschen wie Meisner, die zuvor in Preußen gearbeitet haben. Diese Kölner können halt nicht unterscheiden zwischen Frühmesse und Frühschoppen, zwischen Weihnachten und Biergarten. Und außerdem: Was ist denn aus Künstlern geworden, die - wie Gerhard Richter - nichts Religiöses gemalt haben? Matisse: Bein ab. Van Gogh: Ohr ab. H.A. Schult: Rad ab!
Nach so viel Neuem im alten Köln frage ich meinen Gast: „Tässchen Kaffee, Karl-Heinz?“ „Ja aber nur, wenn noch was da ist!“ In Köln ist immer noch was da. Ein Café mit Rheinblick, die Tasse Kaffee kostet 30 Cent, und die gesamte Familie Millowitsch sitzt mit am Tisch, wenn auch nur symbolisch. Sie hat die Schirmherrschaft übernommen, der evangelische Stadtkirchenverband (auch das gibt es in Köln) hat in Kooperation mit der Vereinigung Kölner Kaufleute „City Marketing“ gemeinsam mit vielen weiteren Lobbyisten 2001 ein Cafe eröffnet, das man einfach mal gesehen haben muss: „Gulliver“ heißt die Anlaufstation für Menschen, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist. In Köln sind ungefähr 2000 Männer und Frauen obdachlos und machen „Platte“. Gulliver bezieht seinen Reiz auch dadurch, dass dort Menschen auftauchen, die nicht Platte machen, sondern die ständig wechselnde Kunstausstellung besuchen oder einfach einen Kaffee trinken.
So verliert man nicht die Bodenhaftung, erfreut sich am eigenen Wohlstand und kann das nächste Ziel in Angriff nehmen: die Goldene Kammer. St. Ursula gehört zu den zwölf großen romanischen Kirchen in Köln und verweist als Reliquienstätte den Kölner Dom in die zweite Liga, was dem Kölner Fußballfan wohl vertraut ist. Viele übersehen in der Vorhalle der Basilika rechts den Eingang in die Kammer. In Regalen und Schrankwänden stapeln Totenschädel, eingehüllt in Samt und Seide, geschmückt mit Gold, Silber und Perlen. Fast 700 Reliquien sind im Anschnitt, viele kunstvoll verpackt in Büsten der Jungfrauen, andere in Glaskästen. An den Wänden Tausende Knochen, geformt zu Mosaiken, Symbolen und Buchstaben.
Zugegeben, das ist nichts für empfindliche Naturen, aber dagegen wirken die Wandgemälde und Gobelins im Schloss von Versailles wie eine langweilige Raufasertapete aus dem Baumarkt der Geschichte. Die ursprünglich elf Jungfrauen der heiligen Ursula wurden durch den merkantilen Umgang der Kölner mit den Gebeinen der Heiligen zu 11 000 Märtyrerinnen, die angeblich den Hunnen zum Opfer fielen. Ein schwunghafter Reliquienhandel (offiziell nur das Gefäß drum herum, das Reliquienmonopol besaß der Papst) war die Folge: Der Groschen in der Kasse klingelt, wenn der Pilger zu den Knochen tingelt. Aus Dankbarkeit verehren die feierfreudigen Domstädter die brutalen Urheber des Reliquien- und Geldsegens noch heute mit einem aktiven Karnevalsverein: der Hunnenhorde.
Wer Comics liebt, kann die Geschichte der heiligen Ursula gleich im Anschluss in der Basilika anhand des wunderbaren Bild-Zyklus von 1456 samt dem Gemetzel mit den Hunnen nacherleben.
Soviel morbiden Charme sollten wir mit einem frisch gezapften Kölsch segnen. Gleich vor der Kirche liegt der Beweis für die enge Anbindung zwischen Frühmesse und Frühschoppen: Der volkstümliche Name der Goldenen Kammer ist gleichzeitig die Viertelskneipe an St. Ursula: die Schreckenskammer. Prost!
Gang zum RheinNun gehen wir zum Rhein und diesen dann am Ufer stromaufwärts. Wir lassen die Museen „Schoko“ und „Sport“ links liegen. Der Mensch braucht keinen Sport, der Mensch braucht Bewegung. Und wir bewegen uns gerade in Richtung jenes Kölner Vororts, dessen Spuren noch überall zu finden sind: Rom!
Noch vor dem Agrippina-Ufer bilden die neuen Kranhäuser eine imposante Baustelle und erinnern sofort an den Dom, war er doch Jahrhunderte lang Dauerbaustelle und damit auch ein Kranhaus.
Weiter geht es am Ufer entlang der vielen Kapriolen der modernen Architektur, neu eröffneten Galerien, dem frisch renovierten Siebengebirge unter der Südbrücke durch bis zur Tacitus-Straße in Bayenthal. Dieser Geschichtsschreiber der Römer beschrieb die Germanen so: „Sie lieben das Nichtstun, aber sie hassen die Ruhe.“ Es muss sich also um Rheinländer gehandelt haben. So müssen wir heute auch nicht mehr bis nach Rom wandern, sind wir doch im Grunde schon da. Wir lassen an der Ecke Tacitus- / Goltsteinstraße die Tour ausklingen bei „Höhns“. Hier hat die bürgerliche und die kölsche Küche die feine Qualität, die man in den Brauhäusern an den Touristenadern der Altstadt lange suchen muss. Da alles, vom Wiener Schnitzel bis Himmel und Ääd, frisch und fachmännisch gemacht wird, muss man bis zu einer Stunde Kölsch trinken, bis der appetitlich dampfende Teller vor einem steht. Aber wir lieben ja das Nichtstun.
Wir haben also Knochen in der Kirche, Penner im Café, Kräne am Strom und Brauhausfenster im Dom. Eigentlich ist Köln ganz schön - wenn man die hässlichen Ecken einfach gar nicht ignoriert. Und dann kommt der Köbes und fragt: „Wer von üch zahlt? Einer muss jo der Aasch sin.“ Eben.
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