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Mit dem Rollstuhl auf Kollisionskurs

Von THORSTEN MOECK, 13.03.08, 20:16h, aktualisiert 13.03.08, 20:37h

Am Freitag beginnt in Köln das weltgrößte Turnier im Rollstuhl-Rugby. Teams aus ganz Europa nehmen teil. Auch in der Rollstuhl-Version ist es ein körper- und kampfbetrontes Spiel, das den Spielern viel Selbstbewusstsein bringt.

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„Ohne Taktik kann man das Spiel abhaken“: Ellen Kuhn (Mitte) sucht das Zusammenspiel.
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„Ohne Taktik kann man das Spiel abhaken“: Ellen Kuhn (Mitte) sucht das Zusammenspiel.
Ellen Kuhn (31) ist zierlich und höflich. Aber auf dem Feld räumt sie skrupellos Stürmer aus dem Weg.

Wenn es richtig knallt und der Gegner ordentlich durchgeschüttelt wird, hat Ellen Kuhn alles richtig gemacht. Mit kurzen, schnellen Bewegungen dreht die Abwehrspielerin am Rad, macht Tempo und rammt den Rollstuhl eines Stürmers. „Man muss sich gut in den Weg stellen können. Ohne Taktik kann man das Spiel abhaken“, sagt sie. Die Kölnerin (31) ist permanent auf Kollisionskurs, denn im Rollstuhl-Rugby ist alles erlaubt, was im Straßenverkehr den Verlust des Führerscheins zur Folge hätte: Anderen den Weg abschneiden, sie ins Schleudern bringen und ungebremst auffahren bis sich nichts mehr bewegt. Der Stillstand ist Kuhns Ziel.

Dieses Wochenende muss Ellen Kuhn wieder vermehrt gegnerische Stürmer aus dem Weg räumen. Heute beginnt in Köln das weltgrößte Rollstuhl-Rugby-Turnier, die Mannschaften kommen unter anderem aus England, Belgien, Deutschland, Tschechien und Skandinavien. Benannt ist das Turnier nach Bernd Best, Gründungsmitglied des Rollstuhl-Club Köln. Best hatte sich gegen die Diskriminierung Behinderter eingesetzt, er starb bereits 1971 im Alter von 27 Jahren. Im Gedenken an Best treffen sich seit 1972 behinderte Sportler zu einem Turnier, zunächst wurde Rollstuhl-Basketball gespielt, nun wird zum zehnten Mal der Sieger beim Rollstuhl-Rugby gesucht.

Beim Abschlusstraining des RSC Köln wird beharrlich an der Zonenverteidigung gefeilt. In der Ecke steht eine Magnettafel, auf der Spielzüge markiert sind. Auf dem Feld hat sich der Abwehrblock postiert. Die Rollstühle sehen aus wie kleine Autoscooter, die Räder sind mit Metallverkleidungen geschützt, abgerundete Metallstangen verhindern, dass sich die 5000 Euro teuren Sportrollstühle verkeilen können. Immer wieder rollen die vier Angreifer an und versuchen einen Volleyball durch geschicktes Passspiel über die Grundlinie zu bringen und zu punkten. Aber meistens lässt es Ellen Kuhn vorher krachen.

Auch im Rollstuhl ist Rugby ein Kampfsport. Trotzdem brüllen die Sportler nicht rum, tragen keinen Mundschutz und haben sich auch keine martialischen Ringe unter die Augen gemalt. „Dieser Sport ist natürlich Emotion, aber vor allem bietet er ein Stück Lebensqualität und erfüllt eine wichtige Funktion der Rehabilitation“, sagt Horst Strohkendl, Sportwart des RSC Köln. In Deutschland gibt es keinen größeren Klub für Rollstuhl-Rugby. Die Mannschaften des RSC spielen in der Bundesliga und in der Regionalliga.

Nie mehr alleine auspowern

Wenn Horst Strohkendl vom Nachwuchsmangel im Rollstuhl-Sport redet, wirkt dies auf tragische Weise sarkastisch. Denn die meisten Sportler haben ihre Bewegungsfähigkeit bei schweren Verkehrs- oder Arbeitsunfällen verloren. Ellen Kuhn sitzt seit ihrem zwölften Lebensjahr im Rollstuhl. Sie leidet unter einer Muskelerkrankung. In der Schule konnte sie nie aktiv am Sportunterricht teilnehmen. „Ich war immer der Glücksbringer auf der Bank oder durfte die Zeit stoppen“, erzählt sie. Dann nahm sie ein Bekannter mit zum Rollstuhl-Rugby. Seitdem hat sie ihren Stammplatz in der Abwehr. „Ich hatte lange einen Teamsport gesucht, denn schwimmen war mir zu langweilig. Hier kann ich mich endlich richtig auspowern“, sagt sie.

Wenn Ellen Kuhn nicht gerade Rollstühle rammt, berät die Sozialpädagogin in der Uniklinik die Eltern herzkranker Kinder. Rugby sei der perfekte Ausgleich, erzählt sie. Und jetzt steht ein perfektes Wochenende bevor. Denn nach den Spielen treffen sich alle Sportler zur Party. Und dann wird nicht mehr gerammt, sondern angestoßen.



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