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Nicht wegsperren, erziehen!

Von ANJA KATZMARZIK, 14.03.08, 21:30h

Die Jugendhilfe des Landschaftsverbandes Rheinland hat große Kompetenz im Umgang mit problembeladenen Jugendlichen. In fünf Einrichtungen versucht sie, die individuell richtige Unterstützung zu finden.

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Auf der Kinder- und Jugendfarm in Viesen-Dülken sollen Mädchen und Jungen zurück zur Normalität finden.
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Auf der Kinder- und Jugendfarm in Viesen-Dülken sollen Mädchen und Jungen zurück zur Normalität finden.
Solingen / Krefeld / Viersen - Christian kriegt nichts gebacken. Der 16-Jährige steht selbst am Herd. Der junge Duisburger kocht immer häufiger für sich und andere. Mit Lebensmitteln - und nicht, wie früher, vor Wut. Auch, wenn ihm Stillsitzen in der Schule und Selbstkontrolle immer noch schwer fällt. „Ich habe meine Mutter angelogen und geklaut“, versucht er den Grund dafür zu erklären, dass er bereits seit dreieinhalb Jahren in einer „Intensivgruppe“ auf dem „Halfeshof“ lebt. Getrennt von seiner Familie.

Doch niemand kommt mit ein bisschen Lügen und Klauen in das Rheinische Jugendheim am Stadtrand von Solingen - auch Christian nicht. Die meisten der 114 Kinder und Jugendlichen, die hier Tag und Nacht leben, haben bereits eine längere „Jugendhilfe-Karriere“ hinter sich und bringen Entwicklungsstörungen oder Lernbehinderungen mit. Viele haben Erfahrungen mit Verwahrlosung, Missbrauch, Drogen, psychischen Erkrankungen und Kontakt zur Polizei.

Die Jugendhilfe des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) hat große Kompetenz im Umgang mit sehr problembeladenen Kindern und Jugendlichen. In fünf eigenen Einrichtungen in Solingen, Krefeld, Remscheid, Euskirchen und Viersen versucht sie für jede Krise die individuell richtige Unterstützung zu finden; von ambulanter Betreuung in der Familie bis zur stationären Unterbringung in einem neuen Zuhause mit teilweise angeschlossener Schule und Ausbildungswerkstätten. Eine allerletzte Chance bekommt Ümit in einer eigenen Wohngruppe zur Vermeidung von Untersuchungshaft für bereits strafmündige, junge Täter, die mindestens ein Jahr auf Bewährung erwartet. „Räuberische Erpressung“ ging zuletzt auf das Konto des 16-jährigen Esseners, nachdem er mit vorgehaltenem Messer Geld und Handy seines Opfers erbeutet hatte. „Das hier ist meine letzte Chance“, sagt er. Es gibt mehr Betreuer als Bewohner. Ausgang gibt es anfangs nur begleitet, der Briefverkehr wird kontrolliert, Handys sind verboten. Doch die Jugendlichen können sich bessern, bevor sie verurteilt werden.

Wenn Ümit es hier schafft, kommt er bei seiner Gerichtsverhandlung am 17. April vielleicht noch einmal mit einer Bewährungsstrafe davon. Stefan Peil, Vorsitzender des Betriebsausschusses der Jugendhilfe Rheinland: „Hier können Perspektiven geklärt und wichtige Weichen für die Zukunft gestellt werden.“

Sieben Pädagogen kommen in Christians Wohngruppe auf neun Kinder. Mertens weiß, dass das ein „teurer Reparaturbetrieb“ ist, „weil keine präventive Hilfe da war oder zu spät kam“. Mit 150 bis 170 Euro pro Tag und Kind oder Jugendlichem schlägt vor allem die nötige personelle Ausstattung zu Buche. Gefängnis kostet dagegen „nur“ 110 Euro täglich, so Wolfgang Beicht, fachlicher Direktor der Jugendhilfe Rheinland. „Aber 110 Euro für Untersuchungshaft ist verschwendetes Geld. Das hier lohnt sich.“

Auf dem „Campus Fichtenhain“ in Krefeld gibt es allein sieben Ausbildungswerkstätten und Jugendliche, die woanders nie eine Chance hätten, schaffen es bis zu anerkannten Abschlüssen. Die IHK Krefeld hat zur Motivation gar ein eigenes Zertifikat eingeführt, dass den Teilnehmern nach einem Jahr eine Qualifikation als Schreiner- oder Schlosserhelfer bescheinigt.

Das motiviert und macht Mut nach einer Odyssee von „Misserfolgserlebnissen“. Schulmüde Jugendliche erlangen oft zum ersten Mal in ihrem Leben Bestätigung, in dem sie ihr eigenes Café mit Mittagstisch und Cateringbetrieb auf dem Gelände betreiben. Niemand kann garantieren, dass diese Jugendliche nicht kriminell werden, so Heimleiterin Sabine Kaul. „Aber wir verbessern ihre Chancen erheblich.“

Frühe Prävention

Prävention so früh wie möglich liegt auch dem Konzept der Kinder- und Jugendfarm in Viersen-Dülken zugrunde, wo Kinder nicht nur „Mist“ machen dürfen, sondern auch sollen - so lange er sich im Stall abspielt: Acht Mädchen und Jungen ab fünf Jahren leben hier mit Pferd, Esel, Katzen, Schafen, Kaninchen und Meerschweinchen, weil es Probleme in der „Menschen-Familie“ gibt, unter denen sie leiden. Über das „Medium“ Tier lernen sie behutsam, wieder eine Beziehung zu ihrer Außenwelt aufzunehmen.

Die Eltern werden, wenn möglich, mit einbezogen, Kind und Familie ganzheitlich betrachtet. Erziehungscamps nach amerikanischem Vorbild, wie sie ein ehemaliger Berufssoldat tatsächlich beim LVR beantragt hat, lehnt Jugend-Dezernent Michael Mertens ab: „So eine Betriebserlaubnis wird es im Rheinland nicht geben“, stellt der Landesjugendamtsleiter klar.

Doch eine engere Verzahnung von Jugendhilfe und Justiz, wie sie bereits in den Niederlanden praktiziert wird, hält er für nötig. Mehr Sonderpädagogen an Regelschulen würden gebraucht. Mertens: „Unser Schulsystem selektiert immer noch zu stark und schafft so Ghettos, anstatt auf die Ursachen einzugehen. Hier müsste mehr investiert werden.“ Auch ausreichend Personal bei Jugendämtern und in der Staatsanwaltschaft seien nötig. „Und wir brauchen starke freie Träger.“

Wohlfahrtsorganisationen wie die Diakonie oder die Caritas gewährleisten die große Mehrzahl der stationären Jugendeinrichtungen im Rheinland. Sie könnten mehr Plätze auch mit Freiheitsbeschränkung und kürzeren Verweildauern anbieten, um für die Jugendrichter interessanter zu werden, glaubt Mertens. Doch auch die Justiz müsse sich mehr öffnen und Instrumente zur Haftvermeidung öfter in Anspruch nehmen.

Wolfgang Beicht appelliert an alle Verantwortlichen: „Wir haben es mit jungen Leuten zu tun, die lernen müssen, Verantwortung für sich und ihre Umwelt zu übernehmen.“ Geschlossene Systeme und Drill jedoch könnten niemals Selbstständigkeit fördern. „Die Probleme der Jugendlichen lassen sich nicht auf kriminelles Verhalten reduzieren.“

Die Aktion „wir helfen“ des „Kölner Stadt-Anzeiger“ bittet um Spenden für Projekte, die sich der Prävention, Haftvermeidung und Hilfen nach der Haft für Jugendliche widmen.



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